„To the bone“ – Ein Film, der Appetit auf Magersucht macht. Eine Kritik.

Seit dem 14.07. ist der schon vorab vieldiskutierte Film „To the bone“ in Deutschland bei Netflix zu sehen – in dessen Vordergrund steht die an Magersucht erkrankte Hauptfigur Ellen, die in eine Wohngruppe für essgestörte Jugendliche einzieht. Bereits vor seinem Erscheinen hat der Film für zahlreiche Diskussionen und Proteste gesorgt, weil in ihm die Anorexie angeblich verherrlicht würde. Als ehemalige Magersüchtige (sofern man eben ehemalig magersüchtig sein kann) habe ich mir „To the bone“ aus der Perspektive einer Betroffenen anschauen können und muss sagen: Die Kritiker haben Recht.

Und mehr noch: Zu befürchten ist geradezu ein „Werther-Effekt“, der nach Erscheinen von Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ reihenweise depressive Leser in den Selbstmord trieb. Ebenso kann „To the bone“ zur Nachahmung anstiften:

Schon zu Beginn des Films wird klar: Hauptdarstellerin Lily Collins verkörpert in ihrer Rolle alles, was sich ein junges Mädchen zu sein wünscht.
Sie ist mit einem Gesicht gesegnet, das auch die offensichtlich extrem strenge Fastenkur vor Drehbeginn nicht zu entstellen vermag. Selbst in den Szenen, in denen sie als anorektische Ellen am Ende ihrer physischen und psychischen Kräfte ist, besticht ihr Äußeres durch elfenhafte Schönheit. Außerdem hat die zynische, unnahbar wirkende Antiheldin es als hochtalentierte Künstlerin bereits mit 20 Jahren zu beträchtlicher Popularität gebracht und kaum ist sie zur Tür der Essgestörten-WG hereinspaziert, verfällt der einzige männliche Patient in der Gruppe (Luke) ihr prompt mit Haut und Haar.
Ein fleisch- bzw. knochengewordener Mädchentraum ist diese Ellen. Und besonders die verirrten Seelen aus den Pro-Ana-Foren dürften in Lily Collins ein Vorbild finden.

In der Wohngemeinschaft finden regelmäßige Gruppentherapie-Sitzungen statt und es gibt ein kaum zu durchschauendes Regelwerk in Form eines ominösen Punktesystems, das offenbar Boni an die Bewohner für Haushaltstätigkeiten und Nahrungsaufnahme verteilt.
Die WG-Mitglieder verstehen sich allesamt prächtig miteinander und sie dürfen im Rahmen des ebenfalls undurchsichtigen Therapiekonzepts essen – oder eben nicht essen – was sie möchten. Jugendlichen Zuschauern muss die Einrichtung anmuten wie das Nimmerland, in dem bekanntlich Peter Pan zu Hause ist: keine Schule, kein Brokkoli zum Abendbrot und bis auf die gute Seele des Hauses in Gestalt einer netten, dicklichen Hausangestellten keine Erwachsenen weit und breit (der „behandelnde“ Psychiater Dr. Beckham schaut lediglich jeden Tag nach dem Abendessen kurz in der WG auf einen Abstecher vorbei).

So kann die Bulimikerin in der Truppe ihre Mahlzeiten unbehelligt allabendlich in eine unter dem Bett versteckte Tüte erbrechen und im Haus mit Abführmittel dealen. Ellen absolviert indes vor dem Schlafengehen im Bett noch ein paar Situps, die anscheinend das zwanghafte Sportprogramm vieler Magersüchtiger abbilden sollen, das sich aber in Wirklichkeit um so vieles exzessiver gestaltet, dass ich über die filmische Darstellung dessen nur müde lächeln kann.
Ebenso unrealistisch ist das Verhalten von Patientin Pearl, die auf Grund ihrer Nahrungsverweigerung bald zwangsernährt werden soll.
In einer Gruppensitzung berichtet sie von ihrer Angst davor, zumal sie die Kalorienzahl der Nährstofflösung nicht kennt. Profi Ellen weiß die richtige Antwort natürlich und rotzt sie ihrer Leidensgenossin mit ihrer gewohnt übellaunigen Coolness entgegen: 1500.
Die schockierte Pearl steht nun am Rande eines Nervenzusammenbruchs, was sicherlich jeder Essgestörte vollends nachempfinden kann – nicht aber, dass das Mädchen bereits wenige Szenen später wieder fröhlich mit den anderen beisammensitzt und für die Anberaumung einer Babyparty zu Ehren einer schwangeren WG-Bewohnerin plädiert. Die erzwungene Kalorienaufnahme scheint Pearl wirklich ungewöhnlich gut wegzustecken und sie verliert im weiteren Verlauf des Films auch kein weiteres Wort darüber.

Im Fokus der Geschichte aber steht das zarte Pflänzchen der Liebe, das zwischen Ellen und Luke, einem jungen Balletttänzer mit lädiertem Knie, aufkeimt. Der Zuschauer wird Zeuge, wie Ellen bei einem gemeinsamen Restaurantbesuch mit ihrem Verehrer das bestellte Gericht zwar Bissen für Bissen zerkaut, vor dem Hinunterschlucken jedoch in eine Serviette spuckt, ohne dass sich die beiden Figuren davon in ihrer launigen Unterhaltung stören lassen. Als die irritierte Kellnerin daraufhin fragt, ob das Essen nicht schmecke, entblödet sich das junge Paar zu behaupten, sie seien Krebspatienten aus einem nahegelegenen Hospiz und Ellen würde in Folge einer Chemotherapie an Übelkeit leiden. Derweil kippt die mehr als kalorienbewusste junge Frau während des Aufenthalts in dem Lokal jedoch munter ein Bier nach dem anderen hinunter, was ich als Anorekterin außer Dienst in Anbetracht des Nähwertgehalts von Alkohol als absolut unrealistisch beurteilen muss.

Die obligatorische Familientherapiesitzung mit Ellens Angehörigen offenbart, was der Zuschauer schon zu Beginn des Machwerks ahnte:
Die Hauptprotagonistin lebt in schwierigen Familienverhältnissen.
Ein abwesender Vater, eine lesbische Mutter, eine hysterische Stiefmutter und eine liebe, hilflose Stiefschwester. Das Gespräch ist ebenso wenig aufschlussreich in Bezug auf irgendetwas wie Dr. Beckhams Ausflug mit den WG-Mitgliedern zu einem Regensimulator (ja, ernsthaft), wo die Essgestörten dann eben buchstäblich im Regen stehen und Tänzer Luke ein paar coole Moves aufs Parkett legt, die Ellen selbstverständlich schwer begeistern.

Die Magersuchtgeschichte, die de facto nichts über Magersucht erzählt außer dass das Essen vermieden wird, gipfelt schließlich in einer hochnotpeinlichen Szene, in der die aus der WG zu ihrer Mutter geflohene Ellen in deren Schoß liegend von ihrer Mama mit einem Babyfläschchen gefüttert wird.
Dann endlich naht das Ende und der Zuschauer wird erlöst: Ellen kehrt in die Wohngemeinschaft und somit auch zu ihrem Luke zurück.
„Ich werde es schaffen“, sagt sie und man wünscht ihr natürlich von Herzen, dass sie den Ausstieg aus der Magersucht tatsächlich schaffen wird – schon allein, damit bald keine Fortsetzung von „To the bone“ über den Bildschirm flackert.

Schade – der mit Keanu Reaves und Lily Collins durchaus hochkarätig besetzte Film hat die Gelegenheit verpasst, die vielschichtige Problematik der Magersucht auch vielschichtig zu behandeln.
Nahezu sämtliche (leider) alltägliche Aspekte und Begleiterscheinungen der Anorexie bleiben unerwähnt: Schmerzhafter Hunger, Sporteinheiten bis zum Kreislaufkollaps, Fressanfälle in Folge der Mangelernährung und deren verzweifelte Kompensationsversuche sowie die Körperschemastörung, die dafür sorgt, dass Betroffene sich auch bei lebensbedrohlichem Untergewicht im Spiegel noch als zu dick wahrnehmen.
Das Leiden der Filmfiguren wird von diesen geradezu zelebriert und „To the bone“ vermittelt dadurch eine ganz und gar falsche Botschaft:
Werde magersüchtig und du wirst Teil einer exklusiven Gemeinschaft, in denen alle Mitglieder zusammenhalten, sich gegenseitig unterstützen und von externen Einflussfaktoren wie zum Beispiel den eigenen Eltern weitestgehend befreit werden.

Haben Sie ein Kind, von dem Sie vermuten, es könne eine Essstörung entwickeln? – dann richten sie schleunigst ein Passwort für Netflix ein.

Eine Antwort auf „„To the bone“ – Ein Film, der Appetit auf Magersucht macht. Eine Kritik.“

  1. Ich las deinen Artikel auf Bento. Kleiner Realitätsabgleich: Du schreibst, dass das Äußere Lily Collins‘ durch elfenhafte Schönheit besticht und stellst dich selbst als skelettierte Eule dar. Schönheit liegt im Auge des Betrachters und in meinen Augen bist du (auf allen mir im Artikel ersichtlichen Bildern) atemberaubend schön! Es ist so schade, wenn Menschen glauben, sie seien nicht „schön“ und es einfach nicht mitkriegen, wie sehr sie von manchen Menschen als schön empfunden werden. Klar, nicht jeder mag „sehr dünn“. Wichtig ist aber vor allem, dass du dir selbst gefällst! Aber nur weil ich dich nicht auf der Straße anspreche und dir sage, wie schön ich dich finde (ich strebe ja keine Kontaktaufnahme an), heißt das nicht, dass nicht so empfinde.

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