Rettet das Wurstbrot!

Trend-Diäten als Rezept für Essstörungen

Klar, als Essgestörte sind alle Themen rund um Ernährung genau meine Schiene. Und dass ich, was das Essen betrifft, nicht „normal“ ticke, weiß ich natürlich. Den zahlreichen Zuschriften von anderen Betroffenen, die sich immer wieder mit der Frage an mich wenden, was denn nun eigentlich ein „normales“ Essverhalten sei (wir haben eine adäquate Nahrungsaufnahme ja schlichtweg verlernt), muss ich eine Antwort aus Mangel an Kenntnis leider schuldig bleiben. Mittlerweile aber bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass es gar nicht zwangsläufig an meiner attestierten Anorexie liegt, dass ich von richtiger Ernährung keine Ahnung habe.

Vielmehr verlieren auch immer mehr vermeintliche „Normalesser“ den Bezug zur Normalität beim Essen. Medien und Krankenkassen berichteten dieses Jahr mehrfach über einen drastischen Anstieg von Essstörungen in der Bevölkerung. Laut Ärzteblatt stieg die Zahl der Betroffenen zwischen 2011 und 2015 um „satte“ 13%. Dunkelziffer nicht eingerechnet.

Jetzt könnte man über die Ursachen für diese traurige Entwicklung natürlich allerlei Mutmaßungen anstellen. Als Schuldige für Anorexie und Bulimie bieten sich da quasi intuitiv Magermodel-Castingshows á la „Germanys next Topmodel“ an. Und Binge-Eating? Tja, Stress im Job befördert sicherlich auch den Stressesser in uns. Beruflicher Druck ist ja immer eine gute Begründung für so allerhand, nicht wahr?

Nun, ich persönlich glaube nicht, dass wir dir Verantwortlichen für diese Welle an Essstörungen (nur) dort finden und es ist auch nicht unbedingt unser in Therapeutenkreisen vielzitiertes „inneres Kind“, das biografische Erfahrungen verletzt haben und das sich dann durch Nichtessen oder Überessen Ausdruck verleiht. Das Problem ist häufig – wie jeder gute Eintopf – „hausgemacht“: Es versteckt sich hinter schmissigen Begriffen wie Paleo-Diät (eine Ernährung wie die unserer Vorfahren aus der Steinzeit), Low Carb-Ernährung (der weitestgehende Verzicht auf Kohlenhydrate), Clean Eating (hier sind verarbeitete Lebensmittel und künstliche Zusatzstoffe verboten) und Cheat Days (die knöpfe ich mir später noch vor). Mit all diesem Irrsinn lavieren wir uns selbst in Essstörungen hinein.

Ernährungs-Doktrinen erreichen heute einen geradezu religiösen Status und deren überzeugte Jünger lauern einem in Magazinen und im Internet an jeder Ecke auf. Und fast alle versprechen verheißungsvoll: „Endlich schlank!“ – Klar, ist ja auch wichtig. Weiß doch jeder, dass Glück in der Maßeinheit Kleidergröße gemessen wird.

Natürlich spielt bei all diesen Zauberformeln für die richtige Ernährung auch der gesundheitliche Aspekt eine große Rolle. Jedes Konzept pachtet diesbezüglich selbstredend die Wahrheit für sich. Und so posten meine Freunde munter täglich Fotos von Gerichten ihrer jeweiligen ernährungstechnischen Glaubensausrichtung. Beim Paleo-Konad gibt es heute Huevos Rancheros (was auch immer das ist) mit gedünstetem Fenchel und Paprika-Chili-Salsa. Die vegane No-Carb-Susi hingegen hat sich soeben einen Fitness-Salat (was für ein Wort!) mit Walnüssen und Goji-Beeren an Apfelschaum zubereitet. Dass einer meiner Freunde ein Foto von einem Wurstbrot postet, habe ich hingegen noch nie erlebt. Die Bilder sollen sagen: „Schaut her, ich nehme ausschließlich die wertvollsten Super-Foods nach dem besten Ernährungskonzept der Welt zu mir und führe dadurch ein gesundes, fittes und schlankes Leben!“

Ob die Bilder hierbei lediglich aus einem Kochbuch abfotografiert sind oder die Leute tatsächlich so viel Arbeit in die Herstellung ihrer Mahlzeiten investiert haben, kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Denn der ganze Aufwand kostet natürlich auch jede Menge Zeit. Wer diese nicht zur Verfügung hat oder sich schlicht zu bequem ist, so ein Theater in der Küche zu veranstalten, wird angesichts solcher kulinarischen Kunstwerke schnell von einem schlechten Gewissen heimgesucht. Da kann einem, während man zwischendurch rasch durch Facebook oder Instagram scrollt, schon mal das Brötchen (Vorsicht! Gluten! Kohlenhydrate! Steigender Insulinspiegel!) mit Salami (Alarm! Rotes Fleisch! Darmkrebs!) im Halse stecken bleiben.

Wenn sich die auserwählte Ernährungsstrategie dann als nicht durchhaltbar erweist, fühlen sich viele als Versager. Hinterher steigt die Zahl auf der Waage proportional zum Frustrationsgrad und die nächste Diät muss her. In einer Presseerklärung warnt die Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: „Regelmäßige oder unkontrollierte Diäten können in eine ernsthafte Erkrankung wie Bulimie oder Binge Eating münden.“ Das ist nur logisch, denn alles (nicht nur das Essen), was wir uns über lange Zeit hinweg verbieten und vorenthalten, gewinnt an Reiz und wird früher oder später in einem Moment der Schwäche im Übermaß konsumiert. Kann ich als Magersüchtige außer Dienst auf jeden Fall unterschreiben. Nachdem ich im vergangenen Jahr aus der Anorexie ausgestiegen bin, habe ich trotz intensiven Sports mehr als zehn Kilo zugenommen. Mein unterversorgter Körper und ich hatten was nachzuholen.

Jaja, jetzt kommt sicher der eine oder andere autodidaktische Ernährungsexperte um die Ecke und hält dagegen, dass ich vielleicht nicht so rasch zugelegt hätte, wenn ich hin und wieder einen sogenannten „Cheat Day“ eingeschoben hätte. Das bedeutet praktisch, dass man sich während einer Diät sechs Tage in der Woche artig in Zurückhaltung beim Essen übt und dann am siebten Tag alles in sich hineinstopft, was einem vor die Linse kommt. Das soll man machen, damit sich der Körper nicht an die deutlich niedrigere Kalorienzufuhr gewöhnt. Aha, wenn mein Körper sich daran nicht gewöhnen soll, warum soll ich ihn dann überhaupt mit einer deutlich niedrigeren Kalorienzufuhr malträtieren?!

Ganz ehrlich: Ich kann den Wunsch nach Selbstoptimierung ja verstehen. Aber eine solch intensive Beschäftigung mit Lebensmitteln, wie sie die allermeisten der Konzepte erfordern, kann schnell einen obsessiven Charakter bekommen. Ich weiß, wovon ich rede und die steigenden Zahlen an Essgestörten belegen das. Hört bitte auf mit Paleo und Low Carb – wir leben nicht mehr in der Steinzeit und Kohlenhydrate sind seit tausenden Jahren ein grundlegender Bestandteil in der menschlichen Ernährung. Rettet das Wurstbrot und die Tiefkühl-Pizza!

Wie das mit dem Essen „richtig“ geht, weiß ich auch nicht – aber ich kenne definitiv den „falschen“ Weg. Und viele von euch gehen ihn gerade.

 

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