Mein zweites Buch „DER WAHNSINN UND SEINE GEFÄHRTEN“ – Leseprobe

Wenn dein Vater sterben muss und deine Mutter sterben will – die kalte Wahrheit über meine Familientragödie

»Der Tag, an dem der Wahnsinn Einzug in meine Familie gehalten hat, war ein Tag wie jeder andere. Er zeigte sich erst lange Zeit später als das, was er war – und so vermag ich ihn nicht einmal mit einem exakten Datum zu versehen. Der Wahnsinn, so wie ihn kennen gelernt habe, hat im wahrsten Sinne des Wortes Methode und zu dieser gehört, dass er sich so lang wie möglich darum bemüht, im Verborgenen zu agieren.

Erst als er peu a peu auch seine Entourage – die Angst, die Hilflosigkeit, die Wut, die Krankheit und den Tod, gänzlich um sich herum versammelt hatte, wurde mit gewahr, dass erst meine Mutter, dann mein Vater und schließlich auch ich dem Wahnsinn und seinem treuen Gefolge zum Opfer gefallen sind. Überflüssig zu erwähnen, dass wir, als ich dies endlich erkannt hatte, längst dem Untergang geweiht waren.«

(…)

»Seit jeher gab es kaum körperlichen Kontakt zwischen meiner Mutter und mir. Zumindest keinen, der mit einem Gefühl der Zuneigung in Verbindung zu bringen wäre. Nach meiner Geburt hatte sie mich nicht stillen wollen.
Etliche Fotos zeugen von dem innigen Verhältnis zwischen meinem Vater und mir. Ich als Kleinkind auf der Couch in Papas Armen liegend. Ich auf Papas Schultern bei Zoobesuch. Ich und Papa zusammen in der Badewanne. Demgegenüber gibt es kein einziges Bild, das meine Mutter und mich in ähnlich vertrauten Posen zeigt.
Eines der wenigen gemeinsamen Fotos von uns beiden entstand während eines Ausflugs an einen See, als ich ungefähr sechs Jahre alt war. In Herbstkleidung stehen wir mit dem Rücken zum Wasser und dem Gesicht zur Kamera, ich dicht vor meiner Mutter. Sie legt von hinten die Hände um mich, aber nicht etwa um meine Schultern oder Arme, sondern um meinen Hals. Meine rechte Hand fasst an ihre, nicht um sie zu halten, sondern um sie aus dem offensichtlich unangenehmen Griff zu lösen. Dabei versuchen wir gleichermaßen mit wenig Erfolg uns ein Lächeln abzuringen.
Was unser Verhältnis anging, haben wir immer alles versucht und immer wenig Erfolg damit gehabt.«

(…)

»›Du weißt, dass dein Vater und ich sterben werden. Bei Klaus erledigt das der Krebs, aber bei mir ist das leider nicht so leicht. Ich habe mir wirklich alles Mögliche überlegt, aber ich kann mich einfach nicht zu einer Entscheidung für eine Methode durchringen. Mit Tabletten ist es ja schon einmal schiefgegangen, davor habe ich jetzt natürlich Angst, auch wenn mir das generell immer noch als die sanfteste Option erscheint. Von einem Hochhaus zu springen ist auch schwierig, weil man nirgendwo aufs Dach kommt.
Alles zugesperrt, auch die Fenster in den oberen Etagen. Und wenn ich mich vor einen Zug oder ein Auto werfe und nicht genau den richtigen Zeitpunkt abpasse, dann bin ich vielleicht schwerstbehindert, ein Pflegefall. Das will ich um keinen Preis. Und der arme Fahrer! Ich meine, der hat ja nichts mit meiner Krankheit zu tun und ist dann hinterher bestimmt traumatisiert. Das täte mir leid. Aber wenn dir etwas einfallen würde …‹
Ich atmete laut aus, während sie sprach hatte ich unwillkürlich die Luft angehalten. ›Und ich wäre nicht traumatisiert, wenn ich meiner eigenen Mutter beim Selbstmord helfen würde?‹, fragte ich dann mit rauer Stimme, ›Ich täte dir nicht leid?‹
Die Milde in ihren Augen verschwand so plötzlich wie sie gekommen war.
Du bist meine Tochter, du musst mir helfen.‹«

4 Replies to “Mein zweites Buch „DER WAHNSINN UND SEINE GEFÄHRTEN“ – Leseprobe”

  1. Larissa, Sie sind eine ganz ganz tolle Frau und Autorin! Sehr beeindruckend wie Sie uns Leser in Ihre Seele blicken lassen und somit nicht anders können als mit zu fühlen…mit erleben zu dürfen und auch zu weinen und doch einen Sonnenstrahl zu erblicken der zu einem Sonnenschein werden wird! Ich kann nicht anders als mich für Ihre Offenheit und Ihren ungebändigten Lebenswillen zu bedanken denn er macht viel Mut! Für Ihren weiteren Lebensweg wünsche ich Ihnen , dass Sie auch weiterhin so bleiben wie Sie sind😘VISTA

    1. Liebe Angelina,
      oh, vielen Dank für die Blumen! Du machst mich ja ganz verlegen! Ich versuche nur, offen und ehrlich mit allem umzugehen, was mir widerfahren ist – weil ich sicher nicht der einzige Mensch mit solchen Erfahrungen bin und die damit zusammenhängenden Tabus brechen möchte, denn dann trauen sich vielleicht auch andere aus dem Schatten heraus.
      Auch für dich alles, alles Gute!
      Viele Grüße
      Larissa

  2. Puh! Heftig, heftig, Larissa. Ich denke mal: Erst wenn man um diese Geschichte weiß, erschließt sich einem „leichter“, wie es dazu kommen konnte, was du in deinem ersten Buch beschreibst. So wird erst hiermit die fatale Chronologie klar. Die Frage, die sich mir da stellt, ist: Hast du jemals mit deiner Mutter gesprochen über den Grund ihrer Gefühllosigkeit dir gegenüber? Ok, Leute, die Depressionen haben, kreisen gedanklich irgendwann nur noch um sich selbst und und haben von daher auch kein Einfühlungsvermögen (keinen „Nerv“) mehr dafür, wie das alles auf ihre Umgebung (Familie, Freunde) wirkt oder wie sich das auf diese aus-wirkt. Menschen mit starken Depressionen schotten sich da immer stärker ab. Und dann stellt sich mir die Frage: Was ist wohl deiner Mutter widerfahren, dass sie auf diese Schiene gekommen ist? Ich denke mir: Auch das wird einen Grund haben. Ich bin selber von Ähnlichem betroffen. Bei mir war es der Vater… Es war damals (ist schon lange her) von“endogenen Depressionen“ die Rede, also etwas quasi „Grund-losem“, das da eben in einem „körperlich drinstecke“. Das erscheint mir als Erklärung etwas zu kurz gegriffen. Ich habe mittlerweile den Eindruck, hier wurde eine „wissenschaftliche“ Begrifflichkeit geschaffen für eine Sache/Angelegenheit, mit der man sich nicht tiefer auseinandersetzen wollte. Ist aber nur so ein Gefühl. Ich bin da kein Experte und kenne auch den gegenwärtigen Stand der Forschung nicht. Ich habe allerdings in meinem Leben in ganz unterschiedlichen Bereichen schon oft die Erfahrung gemacht, dass gerade „Experten“ auch nicht immer vorbehaltlos hilfreich sind. Sie sind oft zu fixiert auf ihre Vorstellungen und sehen das Drumherum – den Kontext, in dem sich etwas „abspielt“ – dann nicht mehr.
    Herzlichen Gruß,
    Christian

  3. HI Larissa,
    es ist ja schon so weit! Alles Gute für den Start deines 2. Buches! Vielleicht ist es ja tatsächlich ein Impuls für Menschen, mit solchen Tragödien, die jeden treffen können, offener umzugehen. Wäre deinem weiteren mutigen Buch zu wünschen!
    Viele Grüße,
    Christian

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