Mein erstes Buch „FRISS ODER STIRB“ – Leseprobe

Kein Buch nur für Magersüchtige, sondern für jeden mit Hunger auf schwarzen Humor

Prolog: Dies ist kein Vorwort, sondern eine Vorwarnung. Ich bin Zyniker. Schon immer und wohl auch für immer. Nicht jedem Leser wird gefallen, wie ich das beschreibe, was ich hier beschreibe. Aber es handelt sich dabei eben um die Scheiße, die an meinen Schuhen klebt und ein jeder hat seine eigene Methode, sich dieser zu entledigen.
Bitte entscheiden Sie also: Lesen Sie weiter und begeben sich mit mir auf eine wahrlich aberwitzige Reise oder klappen Sie das Buch schnell wieder zu und verbleiben somit in der moralischen Unbedenklichkeitszone.

Magersucht ist eine gefährliche, heimtückische und hartnäckige Krankheit. Das habe ich buchstäblich am eigenen Leibe erfahren. Und dennoch (oder gerade deswegen) hat sie mich in Situationen gebracht, auf die ich heute mit einem weinenden und einem lachenden Auge zurückschaue. Diese tragische Erkrankung entbehrt in ihren Auswüchsen nicht einer gewissen Komik – und diese werde ich ebenso wenig aus falscher Zurückhaltung heraus verschweigen wie die Abgründe, an die die Magersucht mich trieb. Ich habe eine lange Zeit hinter mir, in der ich zwischen Nacht und Dunkel schwebte – entsprechend gefärbt ist mein Humor. Ich werde Witze darüber machen, weil ich Witze darüber machen kann. Ich habe überlebt.

[…]

Meine nächste Investition zugunsten meiner Essstörung galt einer neuen Waage. Unmöglich konnte ich mich weiterhin auf das alte Modell verlassen, das ich vor Jahren für ein paar Euro in der IKEA-Fundgrube erstanden habe. Mein neuer Lebensmittelpunkt war nun ein 35 cm großes gläsernes Quadrat mit integrierter Köperfettmessfunktion. Als ich das unselige Ding zum ersten Mal bestieg, zeigte es 48 Kg. Rund fünf bis sieben Kilo weniger als ich zu gesunden Zeiten wog. Da stand ich also am frühen Morgen auf der Waage, nackt, nüchtern und wie so oft in letzter Zeit fröstelnd, und besah mir die Zahl auf der Digitalanzeige. Mich überkam ein Gefühl tiefer Befriedigung, das ich mir selbst nicht erklären konnte. Aber Eines war mir klar: Ich war absolut auf dem richtigen Weg.

Das Wort Essen erfuhr für mich eine semantische Verschiebung hin zu Herausforderung. Die häufig stattfindenden Abendessen, zu denen Daniels Familie zusammenkam, ließen mich Blut und Wasser schwitzen. Ich krallte mich in den Speisekarten der Restaurants fest, bis mir die Fingerknöchel weiß anliefen, immer auf der Suche nach dem vermeintlich kalorienärmsten Gericht. Ich rechnete zusammen und auseinander, dass mein alter Mathelehrer, der mir jahrelang eine wohlverdiente Fünf nach der nächsten und die Verdachtsdiagnose Dyskalkulie verbuchte, vom Glauben abgefallen wäre. Lieber Herr Obarg: Sie lagen falsch. Ich kann schneller rechnen als ein Pferd rennt. Mir fehlte in der Schule einfach nur die Motivation.

Stand schließlich die bestellte Herausforderung – äh, ich meine natürlich das Essen vor mir, scannte ich den Teller unverzüglich nach einer Salatbeilage ab. Diese wollte ich aber keineswegs essen. Sie diente mir als Versteck. In schöner Regelmäßigkeit warf ich einen „heiteren“ Blick in die an der Tafel versammelte Runde, um mich zu vergewissern, dass niemand mir gerade seine Aufmerksamkeit zuteilwerden ließ. War ich sicher, unbeobachtet zu sein, unterfütterte ich rasch den Eisbergsalat mit Reis und Tofu. Wenn Daniel und ich gefragt wurden, ob wir für ein anstehendes Essen ein bestimmtes Lokal bevorzugten, nannte ich stets eines derjenigen mit der erfahrungsgemäß großzügigsten Salatgarnitur. Ehrlich. Das menschliche Gehirn ist ein Faszinosum, nicht wahr?

[…]

Mein Bewegungsdrang war unstillbar und omnipräsent. Ich lief wie ein Duracell-Häschen durch die Wohnung, durch die Straßen, durch die Uni und durchs Leben. Ein verregneter Tag am Wochenende, der mir keine Gelegenheit bot zu dem vorgeblich spontanen Ausruf „Schatz, bei so einem schönen Wetter müssen wir einfach einen Spaziergang machen!“, trieb mich innerlich in den Wahnsinn. Also noch tiefer als ohnehin schon. An solchen Tagen schlug ich gern das Hallenbad als Freizeitaktivität vor, weil sich hier – der geneigte Leser wird es ahnen – die Möglichkeit auftat Kalorien loszuwerden. Als ich Daniel erstmalig mir diesem Ausflugsziel überraschte, meinte er sich verhört zu haben: „Du hast doch immer gesagt, Chlorwasser verträgt sich nicht mit deiner Neurodermitis“, erinnerte er mich verblüfft. Ich winkte ab: „Seit ich dieses Duschgel aus der Apotheke benutze, ist meine Haut weich wie ein Baby-Popo. Das nehme ich einfach mit und dann ist das Chlor überhaupt kein Problem“, erwiderte ich und nahm mir vor, meinen Familienstammbaum beizeiten nach Verwandtschaftsverhältnissen zum Baron von Münchhausen zu untersuchen. Doch mein Freund hatte noch einen weiteren, nicht von der Hand zu weisenden Einwand: „Aber du kannst doch gar nicht schwimmen.“ Jetzt war ich tatsächlich für einen Augenblick konsterniert. Dann nickte ich langsam und antwortete pathetisch: „Eben drum wird es höchste Zeit, dass ich es lerne.“

Aus dem Beifahrerfenster unseres Autos konnte ich bereits den Eingang der Schwimmhalle erspähen und gab mir größte Mühe, weiter die Gutgelaunte zu mimen. Ich hasse Wasser und alles, was mit einer gemeinhin als Badespaß bekannten Unternehmung zusammenhängt. Ich hasse es, wenn meine Finger schrumpelig werden und dass mir auch bei 30 Grad im Schatten jedes Mal eiskalt ist, wenn ich mich aus dem See zurück an Land flüchte. Ich hasse es, dass das Wasser meine Haut so austrocknet, dass mein ganzer Körper spannt und brennt. Ich hasse es, dass an den nassen Füßen der Sand klebt und zwischen den Zehen immer einige Körnchen davon hängenbleiben, die beim Gehen schmerzhaft an der Haut reiben. Und sobald mir das feuchte Nass bis zur Brust reicht, bekomme ich Panik und sehe mich bereits als aufgedunsene Leiche bäuchlings auf der Wasseroberfläche treiben. Das führt dazu, dass ich mich nur im flachen Wasser aufhalten kann, bei den Kindern im sogenannten Pissbereich also, und warum ich das hasse, bedarf keiner Erklärung. Ebenso hasse ich die winzigen Umkleiden im Hallenbad mit den schmierigen Spiegeln und den gefliesten Fußboden, der mich erstens an ein Schlachthaus erinnert, zweitens ungeheuer rutschig und drittens eine Fußpilz-Brutstätte ist.

Trotzdem war ich nun hier und brach mir bald einen ab bei dem Versuch, meine Sachen in einen der viel zu kleinen Spinde zu stopfen. Ich konnte mich nicht wehren: Der Magersucht Wunsch war mir Befehl. Ich stand entnervt vor dem Metallschränkchen und dachte an Schnecken. Ja, Sie haben richtig gelesen. In einer Dokumentation hatte ich einmal gesehen, dass es einen Parasiten gibt, der in das Gehirn von Schnecken eindringt, wo er diese dazu bringt, sich am hellerlichten Tag prominent auf einem Blatt zu positionieren und sich somit offen als Vogelfutter anzubieten. Das arme Tier wird gefressen und der Parasit hat sein eigentliches Ziel, den Vogeldarm nämlich, erreicht. Gut, der Vergleich mag ein wenig hinken, aber die Analogie dürfte deutlich geworden sein. Ich tat Dinge, die ich nicht wollte, weil mich irgendetwas heimgesucht hatte und Zwangshandlungen unterwarf. Die Krankheit machte mich zur Schnecke.

So manövrierte ich mich als Nichtschwimmer unter Aufbietung aller Kräfte und Überlebensinstinkte auf abenteuerlichste Weise von einer Beckenkante zur anderen. Die Bewegungsabläufe, die ich hierbei zur Schau stellte, wären mir im Zustand geistiger Genese peinlich gewesen. Mein eingeschränktes Kognitionsfeld aber ließ mich jauchzen vor Freude, musste ich doch ungleich mehr Anstrengung beim Wassertreten aufwenden als jeder geübte Schwimmer. Und ein höherer Kraftaufwand zieht natürlich einen höheren Energieverbrauch nach sich.

Daniel zog ruhig seine Bahnen und warf mir hin und wieder einen fragenden Blick zu. Ich verzog dann rasch Gesicht zum Versuch eines Lächelns. Leider standen meine in Todesangst weit aufgerissenen Augen definitiv konträr zu der Aussage, die ich mit meinen Mundwinkeln tätigen wollte und so setzte meine irre Mimik dem traurigen Schauspiel nun die Krone auf.

Fix und fertig zog ich mich nach vollendeter Kür aus dem Wasser und schleppte mich zu unseren Liegen herüber, die wir, wie es sich für anständige Deutsche gehört, durch Auflegen eines Handtuchs reserviert hatten. Ich kippte auf die Plastik-Bahre neben meinen Freund, der gerade Kleingeld zusammensuchte und mich im Aufstehen fragte, ob ich auch etwas Essbares vom Imbiss wollte. Ich war zu erledigt, um mir ad hoc eine Lüge auszuspinnen und schüttelte matt und noch immer nach Luft ringend den Kopf. Wie immer war mir arschkalt und ich deckte mich mit meinem nassen Handtuch zu, was meinen Zustand nicht verbesserte. Daniel kehrte mit Eis und Pommes zurück. Fasziniert sah ich zu, wie er beides völlig unbefangen und gedankenlos, ja nebenbei verdrückte und währenddessen mit seinem Smartphone spielte. Nun rührte sich bei mir auch der Hunger, aber es war erst elf Uhr vormittags und um diese Zeit hatte ich mir nun wirklich noch keine Mahlzeit verdient. Ich folgte der verrückten Prämisse einer noch verrückteren Internetseite, die besagt, dass zwischen Abendessen und Frühstück 16 Stunden liegen sollten. Mein sportlicher Ehrgeiz – der beste Kumpel meiner Anorexie – ließ mich diese Empfehlung um das Wörtchen mindestens ergänzen und so gab es regelmäßig Tage, an denen ich rund 20 Stunden nüchtern war.

Um mich vom Hunger abzulenken, hievte ich mich von der Liege hoch und verkündete, ich wolle unbedingt auf die Wasserrutsche. Zitternd vor Kälte und von der Anstrengung meines Nichtschwimmer-Wasserballetts erklomm ich die glitschige Treppe zur SplashXXL. Ich ließ mich in die Röhre plumpsen und nahm Fahrt auf. Unverzüglich durchfuhr mich ein stechender Schmerz, der mir vom Hintern aus durch den ganzen Körper fuhr. Die Lötstellen der Metallringe, aus denen die Rutsche konstruiert war, trafen alle paar Meter unsanft auf meine Gesäßknochen, die in Ermangelung von Fettgewebe de facto ungepolstert waren. Die Fahrt wollte kein Ende nehmen. Der Rutschen-Fabrikant hat mit dem Namenszusatz XXL nicht übertrieben und mein anfänglich noch vereinzeltes Aufstöhnen wurde durch die Länge des Martyriums und das steigende Fahrttempo zu einem einzigen langgezogenen Schmerzensschrei. Schließlich sah ich sprichwörtlich Licht am Ende des Tunnels und wurde in ein Auffangbecken katapultiert, ging unter, schluckte Chlorwasser, kam japsend zurück an die Oberfläche und kletterte aus dem Becken, wobei Daniel mir lächelnd aus einigen Metern Entfernung zuwinkte, während er an den Resten seiner Eiswaffel knabberte. Ich grinste so gut ich konnte zurück, stand auf und wurde stutzig, als sein Gesicht plötzlich einfror. Von den zum Winken abgespreizten Fingern seiner Hand traten alle bis auf den Zeigefinger den Rückzug an. Mit diesem deutete mein Freund nun aufgeregt auf mich. Ich sah an mir herunter und stellte fest, dass nicht nur ich erschöpft war, sondern auch der Gummizug meines Bikinis, der schon einige Jahre auf dem Buckel hatte. Das Unterteil hing mir zwischen Knien und die Brustschalen waren mir fast bis in die Achseln gerutscht. Eilig zog ich das Höschen wieder hoch und bedeckte mit dem Unterarm meinen Mini-Busen. Mein Liebster war geistesgegenwärtig losgeflitzt und wickelte mich eilfertig in ein Handtuch. Ich beschloss, für heute genug Spaß gehabt zu haben und wir fuhren nach Hause.

[…]

Ich lag im Bett und hielt mir den vom Hunger schmerzenden Magen. Daniel saß auf der Couch und schaute sich die Sendung an, die auch ich unbedingt hatte sehen wollen. Durch die Tür drangen die gedämpften Geräusche des Fernsehers an mein Ohr. Und in mein Herz. Krankheit macht einsam – nicht nur den Kranken.

Der Wecker riss mich früh am Morgen aus den Träumen und während ich schlaftrunken vorm Kleiderschrank stand, fiel mir siedend heiß ein, dass heute in der Buchhaltung die Geburtstagsfeier einer Kollegin anstand. Dass ich kein Geschenk besorgt hatte, juckte mich nicht – ich kreiste ohnehin nur noch um mich selbst. Das Problem war das Buffet, das in ihrem Büro auf uns Gäste wartete. Nachdem ich am vorangegangenen Abend bereits nicht umhingekommen war, einige Kleckse Sahne-Sauce und ein paar Reiskörner zu mir zu nehmen, war es ausgeschlossen, heute erneut eine solche Fettlebe zu betreiben!

Da fiel mir mein genialer Trick wieder ein und ich schnappte mir meinen XXL-Cardigan, den ich besaß, weil die Mode seit einiger Zeit die Meinung vertrat, schick sei, was nicht passt. Seither schlurften Horden junger und junggebliebener Leute in viel zu engen Skinny-Jeans und viel zu weiten Oberteilen durch die Gegend und sahen aus wie fleischgewordene Kastanien-Männchen. Der Mensch ist bekanntlich ein Rudeltier und so kaufte auch ich brav eine Zelt-Jacke aus Grobstrick. In deren überdimensionierten Taschen hätte ich bequem eine weitere Jacke verstauen können und das war genau, was ich nun brauchte.

Derart gewandet beglückwünschte ich im Verlag das Geburtstagskind und ließ mich großzügig mit Häppchen versorgen. Ich schlenderte durch das Büro und trug dabei ostentativ meinen vollen Teller vor mir her. Alle Kollegen sollten sehen, dass ich aß, glauben, dass ich aß und somit keinen Grund für irgendwelche Mutmaßungen hinter meinen Rücken haben oder schlimmer noch: mich mit diesen persönlich konfrontieren. Ich hielt hier wie dort einen Smalltalk, der stets in der Tat sehr small ausfiel, weil nicht auffallen sollte, dass ich während des Gesprächs nicht wie mein Konversationspartner gelegentlich ein Odeuvre verzehrte. Schließlich stellte ich mich mit dem Rücken zur Feiergesellschaft an das große Bürofenster und erfreute mich vorgeblich am schönen Ausblick. Derweil präparierte ich mein Strick-Ungetüm, wobei mein Fokus darauf lag, dass die Taschen möglichst weit offenstanden. Dann hielt ich den Pappteller dicht vor meinem Oberkörper, knickte ihn vorsichtig in der Mitte und ließ alles darauf Befindliche in diese hineingleiten.

Ich beendete die Schmierenkomödie, indem ich den leeren Teller wie eine Trophäe über meinem Kopf hin und her schwang und mich mit lautstark nach dem Standort eines Mülleimers erkundigte. Dieser befand sich, wie ich sehr wohl bemerkt hatte, an der gleichen Stelle wie eh und je und hätte er das nicht getan, wäre mir sein neuer Platz ebenfalls bekannt gewesen – jeder anständige Magersüchtige, der sich dem Angstgegner Buffet ausgesetzt sieht, sondiert sofort die Lage nach dem nächsten Abfalleimer.

Es war bereits nach elf Uhr und ich suchte Toilette ein paar Türen weiter die Toilette auf, wo ich die Häppchen in die Schüssel verabschiedete. Bevor Sie fragen: Die Antwort lautet Ja. Ich bedauerte die Verschwendung des Essens ehrlich, zumal sich gerade noch eine verspätet eingetroffene Kollegin bekümmert zeigte, weil bei ihrer Ankunft ihre geliebten Lachsröllchen bereits leer waren. Den Fisch hatte ich nun wieder in seinem natürlichen Lebensraum ausgesetzt, wo er scheibchenweise umhertrieb, bevor ich die Spülung betätigte. Von Herzen hätte ich meiner Kollegin ihren kulinarischen Hochgenuss gegönnt, aber ich konnte ja schlecht meine Taschen auf ihren Teller ausleeren und sagen: „Bediene dich!“ Auch hörte ich in Gedanken meine Mutter mit wohl einem der typischsten Mütter-Sprüche: „Du isst nicht auf und die armen Kinder in Afrika müssen verhungern!“ Ich habe noch nie kapiert, wie es unterprivilegierten Heranwachsenden helfen oder zumindest die Dramatik ihrer Situation mildern soll, wenn ich mir den Wanst vollschlage. Trotzdem wurde ich nun daran erinnert und schämte mich.

Minutenlang stand ich so sinnierend in der Klo-Kabine, bevor ich wieder zu mir kam und begann, die Innenseiten meiner Taschen mit Toilettenpapier auszuwischen. Als ich diese ins Klosett warf, schaute ich kurz in jenes hinein und sah trotz bereits gezogener Spülung, etliche Essensreste an der Wasseroberfläche treiben. Ich betätigte erneut auf die Spültaste und wartete, bis die entstandenen Schaumbläschen zerplatzten und den Blick auf den nun hoffentlich leeren Lokus freigaben. Das Toilettenpapier hatte sich ordnungsgemäß auf den Weg in die Kanalisation begeben, aber Salatblättchen, Sprossen und Co. hatten weiterhin „Oberwasser“. Kacke. Obwohl Nein – der Anblick von „Kacke“ wäre mir in diesem Moment deutlich lieber gewesen als der von Speiseresten. Scheiße im Klo zu hinterlassen: Peinlich. Essen im Klo zu hinterlassen, von dem jeder denken soll, man habe es verzehrt: Extrem peinlich. Nicht, dass jemand noch auf die absurde Idee kam, ich hätte eine Essstörung!

Ich drückte wieder und wieder auf die Klospülung, als hätte ich einen Krampfanfall und verschwendete nun neben dem Essen noch weitere wertvolle Ressourcen in Form von unzähligen Litern Wasser, die in Afrika wahrscheinlich ebenfalls sinnvoller hätten genutzt werden können. Eines stand fest: Das Grünzeug im Klo konnte auf jeden Fall besser schwimmen als ich. Mir blieb keine Wahl. Ich rollte ein paar Lagen Toilettenpapier ab und hielt diese in der einen Hand bereit, während ich mit der anderen in das Porzellanmöbel langte und stückchenweise die verschmähten Speisen wieder ins Trockene beförderte. Als ich mit dieser demütigenden Prozedur fertig war, wickelte ich das so entstandene Päckchen in eine weitere Schicht Klopapier ein und entsorgte es im Hygiene-Eimer. Wenn Odeuvres sprechen könnten, hätten sie von einem ereignisreichen Tag berichten können. Glücklicherweise können sie aber nicht – und so kannte bis jetzt niemand ihr trauriges Schicksal.

Ich hatte es jetzt recht eilig in das Büro der studentischen Hilfskräfte zu kommen, wo mein Handhygienegel auf mich wartete und stürmte aus dem WC, wo ich direkt dem Geburtstagskind in die Arme lief. „Du bist ja immer noch da!“, rief Ute erstaunt aus. „Ich…Ja. Ich bin immer noch da. Wo soll ich denn sonst sein?“, gab ich zurück und musste mir eingestehen, dass es um meine Schlagfertigkeit auch schon mal besser bestellt war. Ute zog die Augenbrauen hoch und machte einen Vorschlag: „Na, im Büro vielleicht?“ In der Tat war dieser Gedanke so abwegig nicht. In Ermangelung einer zumindest halbwegs sinnvollen Antwort entfleuchte mir erneut das irre Kichern, welches mir beim gestrigen Abendessen schon sauer aufgestoßen war. Ich folgte Utes nun sichtlich irritiertem Blick und stellte fest, dass ich den Arm, mit dem ich kurz zuvor im wahrsten Sinne des Wortes einen Griff ins Klo gelandet hatte, in auffälliger Weise abspreizte. Die so gezeigte Geste mutete pathetisch an – vergleichbar mit der eines Papstes, der beim Weihnachtsgottesdienst zu seinem Segen urbi et orbi ansetzt. Der Arm musste da schleunigst weg und ich vollzog automatisch eine bekannte Übersprunghandlung: Ich fuhr mir mit der Hand durch die Haare. Augenblicklich wurde mir gewahr, was ich da gerade getan hatte und ich musste einen Schreckensschrei unterdrücken. „Alles in Ordnung mit dir?“, fragte Ute nun ernstlich besorgt. Endlich eine Frage, auf die ich die passende Reaktion parat hatte. „Absolut!“, sagte ich ein wenig zu laut, aber im Brustton der Überzeugung. „Ich mach mich jetzt wieder an die Arbeit und dir den Weg zur Toilette frei. Also hereinspaziert, ist auch alles sauber, habe ich selbst überprüft.“, hörte ich mich plappern, während ich mich an Ute vorbeischob und schon in Richtung Büro davoneilte.

[…]

Zügig knackte ich jetzt die 45-Kg-Marke. Meine Ernährung bestand aus Salat und tiefgekühltem Wok-Gemüse, aus welchem ich wie das Aschenputtel vor Verzehr auch noch die Erbsen aussortierte, denen ich einen zu hohen Kohlenhydratgehalt bescheinigte. Abends lagen Daniel und ich gemeinsam auf der Couch und während er eine Tüte Chips in der Hand hielt, hatte ich einen Teller mit Kohlrabi-Scheibchen auf dem Schoß. Gegen halb zehn flüchtete ich vor dem Hunger ins Bett.

Bevor ich mich hinlegte, entfernte ich routiniert wie ratlos büschelweise Haare von meinem Kopfkissen. Eines Abends ließ mir mein Haarausfall keine Ruhe mehr. Ich lag im Dunkeln und zerbrach mir den Kopf über dessen mögliche Ursachen. Plötzlich erinnerte ich mich an ein Buch über die Folgen einer fiktiven Reaktorkatastrophe, das ich einmal gelesen hatte. Dort verloren Menschen, die in der Nähe des explodierten Atommeilers wohnten, ebenfalls ihre Haare. Ich griff nach meinem Smartphone und googelte „Strahlenkrankheit“. Tatsächlich: Zu den Symptomen gehörte Haarausfall. Außerdem zählten auch ein allgemeines Schwächegefühl, Müdigkeit und Hypotonie, also ein niedriger Blutdruck, der mit kalten Händen und Füßen einherging, zu den Anzeichen für die Erkrankung. Hatte ich! Alles! Sofort öffnete ich einen neuen Tab, um nachzuforschen, wo das nächste Atomkraftwerk ansässig war. Es war rund 350 Kilometer von Berlin entfernt und es gab keinerlei Berichte über aktuelle oder vergangene Störungsfälle. Ob die Regierung der Bevölkerung vielleicht etwas verschwieg? Derlei Gedanken begleiteten mich in jener Nacht in einen unruhigen Schlaf. In den folgenden Tagen recherchierte ich weiter zu diesem Thema und sah schließlich ein, dass die Strahlenkrankheit als Ursache für meine gesundheitlichen Beeinträchtigungen gelinde ausgedrückt unwahrscheinlich war. Das Rätselraten ging weiter seinen sozialistischen Gang.

[…]

In allen anderen Lebensbereichen hingegen lief es weiter beständig bergab. Meine zugegebenermaßen noch nie sonderlich beeindruckende Haarpracht war inzwischen gänzlich verloren. Wenn ich mir meine verbliebenen Härchen zusammenband, sah ich von der Haarstruktur und -fülle her aus wie eine Eineinhalbjährige, der Mutti das erste Zöpfchen zurechtfrisiert. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, verkehrte sich dieser unschöne Umstand an meinem restlichen Körper dafür ins Gegenteil: An den Armen, meinen Hühnerbrüstchen und im Gesicht breitete sich zunehmend ein heller Flaum aus. Kam ich aus der Dusche und betrachtete mich im Badezimmerspiegel, sah ich, dass sich die Wassertropfen in meiner ominösen neuen Körperbehaarung verfangen hatten und meine Hautoberfläche glänzen und schimmern ließen wie eine mit frischem Tau belegte Wiese oder ein Mitglied der Vampir-Clique aus der Twilight-Saga. Fatalistisch rasierte ich fortan eben einige Körperareale mehr als üblich und machte mir weis, das Phänomen wäre einem erhöhten Testosteronspiegel durch den Sport geschuldet. Mit Hilfe dieser kühnen These schaffte ich es tatsächlich mir einzureden, der Flaum sei als Ausdruck intensiver sportlicher Betätigung ein Zeichen besonderer körperlicher Gesundheit.

[…]

Da zeigte sich, dass ich die Tochter meiner Mutter war. Wie auch sie sah ich bald nur noch eine Lösung für meine scheinbar ausweglose Situation: Selbstmord. Was dieses Thema angeht, muss ich meiner Familie irgendwie der Wurm drin sein – schon mein Großvater mütterlicherseits nahm sich das Leben und meine Mutter hatte zu Lebzeiten stets einen Hang zur Schwermut gehabt. Und dieser machte sich nun auch bei mir in aller Deutlichkeit bemerkbar. Während der nichtsahnende Daniel mir in der Bahn gegenübersaß und ein Spiel auf seinem Smartphone daddelte, googelte ich auf meinem eigenen danach, wie sich das Auslösen der Airbags meines Autos verhindern ließ und bei welcher Geschwindigkeit ein Zusammenstoß mit einem Baum tödlich endet.

[…]

Wie Sie durch die bloße Existenz dieses Buches unschwer erkennen können, hat das mit dem Selbstmord bei mir nicht hingehauen. Ich bin eine äußerst ehrgeizige Person, aber bei meinen Touren mit dem Auto musste ich wirklich mit Erstaunen feststellen, wie groß der menschliche Selbsterhaltungstrieb ist. Ich konnte mir noch so felsenfest vornehmen mit der Tachonadel am Anschlag gegen das anvisierte Ziel zu brettern, aber Hände und Füße weigerten sich schlichtweg meine gedanklichen Befehle zu befolgen. Frustriert musste ich mir eingestehen, dass ich ebenso wenig in der Lage war mein Leben zu führen wie es zu beenden und schimpfte mich selbst eine Versagerin für meine vermeintliche Feigheit. Ich konnte weder leben noch sterben – wenn das mal kein Dilemma war. Was um mich herum geschah, betrachtete ich wie durch ein Milchglas und hoffte fortwährend, dass mir doch noch eine zündende Idee für meinen Suizid kam.

[…]

Schließlich begann ich vor Energiemangel am ganzen Leib zu zittern. Ich musste unbedingt etwas essen und öffnete automatisch den Tiefkühler, um eine Tüte mit Wok-Gemüse daraus zu fischen. Doch irgendetwas ließ mich in der Bewegung innehalten. Ich schob das Fach wieder zu und ging stattdessen zum Vorratsschrank hinüber. Dort griff ich nach dem Schokoladenaufstrich, den Daniel häufig zum Frühstück aß. Ich stellte das noch halbvolle Glas auf den Tisch, legte eine angefangene Packung Toast daneben und besah mir das Ganze einen Moment lang. Normalerweise wäre ich bereits bei dem bloßen Anblick dieser Nahrungsmittel in Angstschweiß ausgebrochen. Jetzt aber nahm ich in absolutem Ruhepuls Teller und Messer zur Hand, setzte mich und bestrich das Weißbrot mit der fetten, zuckrigen Creme. Ich aß ein paar Toasts und ging dann dazu über, die Schokomasse direkt aus dem Glas zu löffeln. In völliger Gelassenheit arbeitete ich mich bis auf dessen Boden hinunter durch. Das leere Behältnis entsorgte ich wie selbstverständlich im Abfalleimer, spülte das Geschirr ab und zog mir meinen Pyjama an.

Als ich schließlich im Bett lag, ließ ich das soeben Getane Revue passieren. Reflexhaft und routiniert addierte ich gedanklich zusammen, was ich bei dem abendlichen Gelage zu mir genommen hatte. Ich kam auf eine Summe von etwa 1500 Kalorien, was etwa der Summe entsprach, die ich mir normalerweise an zwei kompletten Tagen zugestand. Die Erinnerung an das Gefühl während ich in jener Nacht vor mir hin rechnete lässt mich noch immer wehmütig lächeln, da ich dieses bis zum heutigen Tag leider nicht noch einmal verspüren durfte, was sich aber hoffentlich irgendwann ändern wird: Es war mir schlicht und ergreifend scheißegal. Ich weiß nicht, ob Sie nachempfinden können, wie es sich anfühlt, wenn man Dingen – in meinem Fall natürlich dem Essen – eine absolut irrationale Todesangst gegenüber verspürt. Dass jedoch zugleich auf rationaler Ebene durchaus das Bewusstsein darüber vorhanden ist, dass diese Angst jedweder vernünftigen Grundlage entbehrt, versieht das ganze elendige Paket noch zusätzlich mit einer fetten roten Schleife unbändiger und gegen sich selbst gerichteter Wut. Und nun stellen Sie sich vor, dass Ihnen genau das, worüber Sie sich für gewöhnlich regelrecht das Hirn zermartern, von einer Sekunde auf die andere auf ganzer Linie gleichgültig erscheint. So erging es mir in diesem Moment und ich kann Ihnen sagen: Die Erleichterung, die damit einhergeht, lässt sich nur als überwältigend beschreiben. Von ganzem Herzen wünsche ich diese Erfahrung jedem Menschen auf der Welt, der solche Ängste auszustehen hat.

[…]

Das eigene Leben von Grund auf zu ändern, kostet sehr viel Kraft. Erstaunlich eigentlich, dass Menschen diese oftmals ausgerechnet dann aufzubringen imstande sind, wenn sie gerade eine schwere Krise zu bewältigen hatten. Es scheint, als schulten Schicksalsschläge und Erkrankungen nicht nur die Reflexionsfähigkeit in Bezug auf die persönliche Lebensführung, sondern auch die individuelle Resilienz. Natürlich wünsche ich Niemandem über solche Wege zu sich selbst finden zu müssen und vielleicht spricht hier auch nur der verzweifelte Wunsch aus mir, meiner Magersucht irgendetwas Positives abzuringen, aber letztlich glaube ich, dass eine Menge Leute in der Welt gern einen Neuanfang wagen würden, wenn sich ihnen doch nur die Gelegenheit dazu böte. Und all Diejenigen, die qua ärztlicher Diagnose ohnehin schon den offiziellen Stempel des „Verrückten“ tragen, sind dadurch vielleicht in der Lage in diesem Zuge dann eben auch „verrückte“ Entscheidungen zu fällen. Frei nach dem Motto „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich recht ungeniert.“

5 Antworten auf „Mein erstes Buch „FRISS ODER STIRB“ – Leseprobe“

  1. Oh mein Gott, ich muss das Buch unbedingt kaufen! Ich erkenne mich so total wieder und ich habe so lange nicht mehr so gelacht!
    Danke!

  2. Ich könnte lachen und weinen,weil ich so viel von mir darin erkenne.
    Bin schon sehr gespannt auf das Buch.
    Danke dafür!

    1. Liebe Natascha, vielen Dank für deinen Kommentar! Es ist wirklich erstaunlich, wie viele Parallelen man im Gespräch mit anderen Betroffenen immer wieder entdeckt, oder? So individuell die Krankheitsgeschichten und -verläufe auch sind – letzten Endes sitzen wir doch alle im gleichen Boot…

  3. Hallo Larissa,
    die Krise und die Kraft….
    Das bestätigt wohl Dein Erlebnis mit dem Auto und dem Baum.
    Warum sind wir (Menschen) in solchen Situationen so alleine?

    Gruß,

    R.

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