Die Leiden Azubi

Berufsausbildung:  Boreout im Büro und Tennisarm in der Küche

Im vergangenen Jahr blieben rund 172.000 Ausbildungsplätze unbesetzt. Klar, dass sich hierbei schnell der Eindruck einer arbeitsscheuen Jugend aufdrängt, die lieber an der Spielekonsole daddelt als brav in einem Betrieb malochen zu gehen. „Faulheit“ – welch wunderbar simple Begründung für die tausenden fehlenden Lehrlinge!

Meine eigene bescheidene Meinung dazu: Die Theorie von „Ockhams Rasiermesser“, nach der von mehreren Erklärungen für einen Sachverhalt stets der einfachsten der Vorzug zu geben sei, hat sich bei diesem Thema geschnitten. Was den Azubi-Mangel in Deutschland betrifft liegt der Fehler, wie so oft, schlicht und ergreifend im System. Ich habe eine Ausbildung gemacht und würde es aus gutem Grund kein zweites Mal tun.

Vorab: das Unternehmen, in dem ich meine kaufmännische Lehre absolvierte, gehört nicht zu denjenigen, die händeringend um Nachwuchs buhlen müssen. Im Gegenteil – es gab hunderte Bewerber um die Handvoll ausgeschriebener Stellen. Der Weg zum Ausbildungsvertrag führte über ein mehrtägiges Assessment-Center, in welchem ich mich vor einer vierköpfigen Jury durch Rechen- und Schreibaufgaben, Postkorbübungen und Projektarbeiten bis hin zum Einzelverhör mit der Personalleitung kämpfen musste. Nachdem ich also ein Einstellungsverfahren durchlaufen bin, das ursprünglich einmal für die Besetzung von Spitzenpositionen gedacht war, hatte ich ordentlich Bammel davor, ob ich den offenbar immensen Anforderungen dieser Ausbildung gerecht werden würde. Spoiler-Alarm: Ich wurde den Anforderungen gerecht. Bitte verstehen Sie diese Tatsache nicht als Eigenlob. Mit ein wenig Geduld hätte man jedem mittelmäßig begabten Schimpansen die Tätigkeiten beibringen können, mit denen ich in meinem Ausbildungsbetrieb betraut wurde.

Bereits wenige Tage nach dem Start ins Ausbildungsjahr klebte Blut an meinen Händen. Ich hatte die gesamte Woche über acht Stunden täglich nichts Anderes getan, als mehrere tausend Exemplare eines Serienbriefs zu falten und in Umschläge zu stecken und mich dabei immer wieder an dem scharfkantigen Papier geschnitten. Als ich mit dieser Aufgabe fertig war, gönnte man mir etwas Abwechslung: Mir wurden zwei Umzugskartons mit Kundenkärtchen auf den Schreibtisch gestellt, deren Nummern ich nun in ein Verwaltungssystem eintippen musste, bis mir die Ziffern vor den Augen verschwammen. Bis heute zucke ich unwillkürlich zusammen, wenn ich von irgendeiner Firma nach meiner „Kundennummer“ gefragt werde, weil ich unverzüglich von den traumatischen Erinnerungen an diese Zeit heimgesucht werde.

Nach einigen Monaten im Betrieb beschlich mich der Verdacht, dass die verschiedenen Abteilungen in einem heimlichen Wettkampf darum konkurrierten, uns Azubis die monotonsten und sinnlosesten Beschäftigungstherapien aufzudrücken. Als ich schließlich in der Poststelle landete, sortierte ich zügig den täglich zahlreich eingehenden Schriftverkehr nach seinen Empfängern. Ich hegte die Hoffnung, vielleicht endlich eine zumindest geringfügig anspruchsvollere Aufgabe zu ergattern, wenn ich das notwendige Tagesgeschäft rasch hinter mich gebracht hatte. Stattdessen fing ich mir Ärger ein, als meine Kollegin mit einigen Minuten Verspätung das Büro betrat und mich beim Speed-Sortieren erwischte: „Du musst langsamer arbeiten! Wenn du in dem Tempo weitermachst, bist du ja bereits vor der Mittagspause fertig! Ich habe nichts Weiteres, was ich dir danach noch zu tun geben könnte.“ Artig legte ich die restlichen Briefe also in Zeitlupe in die ihnen zugedachten Fächer. Als ich damit fertig war, war trotzdem noch der halbe Arbeitstag übrig und ich wurde kurzerhand einige Büros weiter untergebracht, um der dortigen Kollegin Rita in den nächsten Wochen beim zweimal täglichen Austragen der Post in die verschiedenen Back-Offices zu helfen.

Rita hatte das Down-Syndrom, war bereits seit 30 Jahren mit dieser Tätigkeit betraut und hatte kein großes Vertrauen in meine Fachkompetenz. Zwar begrüßte sie mich schon bald jeden Morgen wie eine alte Freundin und wir plauderten gern miteinander, aber ihr Motto war: „Bier ist Bier und Schnaps ist Schnaps.“ Wenn es um die ordnungsgemäße Handhabung der Post ging, war sie extrem gewissenhaft. Daher ging sie stets sicher, dass ich den Unterschied zwischen Posteingang und Postausgang beachtete. So juckelten wir mit unserem Postwagen durch die rund 100 Büros, wobei Rita mir in mahnendem Tonfall vor jedem einzelnen lautstark ins Gedächtnis rief: „Posteingang: Post REINLEGEN, Postausgang: Post RAUSNEHMEN.“ Zweimal am Tag. 100 Büros. Nach einer Woche verkündete ich ihr die frohe Botschaft, dass ich den Unterschied zwischen Posteingang und Postausgang nun verinnerlicht hätte und sie sich nicht jedes Mal die Mühe zu machen bräuchte, mich erneut darauf hinzuweisen. Aber Rita hob den Zeigefinger und erklärte bestimmt: „Sicher ist sicher.“

Nicht, dass ich es ernsthaft in Erwägung ziehe, aber falls ich doch irgendwann nochmal einem Bürojob nachgehe, so kann ich meinem künftigen Arbeitgeber bereits an dieser Stelle versichern: Wenn Sie mich einstellen, wird es in Ihrem Unternehmen niemals, wirklich niemals zu einer Verwechslung zwischen eingehendem und ausgehendem Schriftverkehr kommen. Das garantiere ich.

Den Gipfel der Absurdität erreichte meine „Ausbildung“ schließlich in der Marketingabteilung. Dort saß ich erst einmal einige Tage lang herum und tat: Gar nichts. Dann aber überraschte mich der Chef plötzlich tatsächlich mit einem Arbeitsauftrag: „Frau Sarand, ich habe eine Aufgabe für Sie!“, verkündete er stolz, als verliehe er mir gerade das Bundesverdienstkreuz. „Fahren Sie ins Untergeschoss und bringen Sie mal ein bisschen den Archivkeller auf Vordermann.“ Wie es der Zufall wollte, hatte ich mich kurz zuvor in der Pause bei einer anderen Azubine über meine Langeweile beklagt. Diese hatte das Marketing bereits hinter sich und berichtete mir, sie habe damals eine komplette Woche lang den gesamten Arbeitstag im Archivkeller verbringen müssen. „Da sollte ich aufräumen. Aber offenbar hat das der Auszubildende im Jahrgang über uns schon erledigt – da unten ist alles tip top, sage ich dir! Ich bin also wieder hoch zum Chef und habe ihn darüber in Kenntnis gesetzt. Doch der wollte das gar nicht hören und meinte bloß: ‚Das kann ich mir nicht vorstellen, junge Dame. Sie finden da sicherlich noch etwas zu tun‘. Also habe ich die ganze Woche da unten abgesessen. Das war wie im Knast.“

Nun ereilte mich also das gleiche Schicksal. Im Keller angekommen fand ich exakt das vor, was meine Leidensgenossin beschrieben hatte: Ein blitzblankes und tadellos strukturiertes Archiv. Die dicken Steinwände schirmten jedes Geräusch von außen ab und meine Schritte hallten dumpf wider, als ich ratlos zwischen den Stahlregalen umherwanderte. Die vier Stunden, die ich bis zum Feierabend noch totschlagen musste, verbrachte ich im Schneidersitz auf dem kahlen Boden. Kurz vor Feierabend erwischte ich mich dabei, wie ich leise summend meinen Oberkörper vor- und zurückwiegte. Nun zeigte ich also bereits Anzeichen von Hospitalismus. Um Punkt sechs stand ich im Fahrstuhl, packte im Büro eilig meine Tasche und wurde vom Teamleiter mit den Worten verabschiedet: „Morgen früh brauchen Sie gar nicht erst ins Büro hochkommen, machen Sie einfach direkt unten weiter.“ Und so verbrachte auch ich eine komplette Woche in Isolationshaft unter Tage.

Zu meinem Ausbildungsgehalt hatte ich ein… sagen wir distanziertes Verhältnis. Vor Beginn meiner Lehre hatte ich mir oft ausgemalt, wie schön es sein musste endlich selbstverdientes Geld in der Tasche zu haben. Bald schon erwies sich das monatliche Entgelt jedoch nicht als Lohn für harte Arbeit, sondern vielmehr als Schmerzensgeld für das phlegmatische Absitzen meiner Lebenszeit. Ich bin mir sicher, dass sich der eine oder andere Azubi in meinen Schilderungen wiederfindet – doch bei Weitem nicht alle: Lehrlingen aus anderen Branchen fallen beim Lesen dieses Berichts vermutlich vor Staunen die Augen aus dem Kopf, denn diese haben nur allzu oft das gegenteilige Problem. Nicht von ungefähr bricht beispielsweise jedes Jahr laut Angaben der Industrie- und Handelskammer rund ein Drittel der Koch-Azubis ihre Lehre ab.

Die Medien sind voll mit Berichten über junge Leute, die von ihren Ausbildern gnadenlos verheizt werden. Ackern im Schichtdienst, an Wochenenden und Feiertagen, verweigerte Urlaubstage und Schikane – für nicht selten 500 Euro Bruttolohn. Ein Freund von mir, der seine Ausbildung zum Koch in einer Großkantine unter ähnlich prekären Bedingungen durchgezogen hat, erzählte mir, dass auch er wochenlang mit der immer gleichen Aufgabe beschäftigt war, die allerdings ungleich schwerer zu verrichten war als meine Fließbandarbeiten im Büro: Er rührte Pudding. Und zwar buchstäblich bis der Arzt kam. Mit der Diagnose Tennisarm wurde er schließlich krankgeschrieben und „durfte“ nach seiner Rückkehr in den Betrieb fortan Gemüse schnippeln. Cool.

Nun wird so mancher mit den Augen rollen und sich denken: „Lehrjahre sind eben keine Herrenjahre.“ Recht so. Aber man muss ja nicht sofort von einem Extrem ins andere fallen, oder? Wer redet denn gleich von „Herrenjahren“? Jeder Mensch wünscht sich einer befriedigenden Arbeit nachzugehen, von der er sich ernähren kann. Über längere Zeit hinweg im Archivkeller zu hocken oder in einem Bottich zu rühren ist nicht nur unbefriedigend, sondern schlichtweg auch nicht Ziel einer Berufsausbildung. Ich persönlich habe in meiner Lehre nicht einmal die Hälfte dessen gelernt, was im Ausbildungsplan vorgesehen ist. Und dass man von einem Azubi-Gehalt nicht leben kann, brauche ich Ihnen wohl nicht erst vorzurechnen. Das ist unfair, denn allerspätestens im dritten Lehrjahr können die meisten Lehrlinge ihre Arbeit genauso gut erledigen wie ihre ausgelernten Kollegen.

Jetzt könnten Sie erwidern, dass es auch Ihnen während Ihrer Ausbildung „damals“ nicht anders ergangen ist. Aber das macht die Sache ja nicht besser, oder? Sollen die nachfolgenden Generationen sich immer weiter den gleichen beschissenen Verhältnissen aussetzen mit der Begründung: „Das war schon immer so“? Nein, die Zeiten ändern sich – oder sie sollten es zumindest. Meine Großmutter musste auch noch barfuß im Winter zur Schule laufen – deshalb brauchte ich als Kind trotzdem nicht auf festes Schuhwerk verzichten. Und hätte ich das tun müssen, wäre wohl schnell ein Termin beim Jugendamt fällig gewesen.

Ich hoffe, Sie verstehen, worauf ich hinaus will: Es hat nichts mit Faulheit oder übersteigerten Ansprüchen zu tun, wenn Jugendliche sich nicht für eine Berufsausbildung entscheiden. Wer stattdessen lieber an die Uni geht, hat locker die Möglichkeit in einem Studentenjob das Doppelte dessen zu verdienen, was ihm in einer Lehre ausbezahlt wird. Und er kann Kurse wechseln, wenn er den Eindruck hat, er lernt dort nicht genügend. Sich als Azubi gegen einen ausbeuterischen Chef zur Wehr zu setzen, mit ihm in Gehaltsverhandlungen zu treten oder auf die Einhaltung von Lehrplänen zu bestehen ist da schon deutlich schwieriger. Natürlich könnte ein Lehrling bei Problemen theoretisch eine Beschwerde, beispielsweise bei der IHK, einlegen. Aber mal ehrlich: Welcher 17-Jährige hat dazu schon den Mumm? Den Vorgesetzten anzuschwärzen trauen sich ja schon viele nicht, die bereits alte Hasen in ihrem Job sind.

Sicher gibt es junge Leute, die einfach keinen Bock darauf haben arbeiten zu gehen. Die gab es schon immer und die wird es auch immer geben. Aber dass es, wie eingangs erwähnt, allein im vergangenen Jahr 172.000 sein sollen, vermag ich nicht recht zu glauben. Wie wäre es also, wenn man mit dem Finger statt auf die Jugendlichen mal auf Politik und Betriebe zeigt und fordert:

• Bringt den Auszubildenden wirklich bei, was sie laut der Ausbildungspläne lernen sollen.

• Schafft unabhängige Instanzen, die sicherstellen, dass der Arbeitnehmerschutz für die Azubis in den Betrieben eingehalten wird.

• Bezahlt Lehrlinge leistungsgerecht. (Tipp: 500 Euro für eine 40-Stunden-Woche sind nicht leistungsgerecht)

Schon Sokrates attestierte vor über 2000 Jahren den Jugendlichen seiner Zeit Faulheit und Luxusliebe. Auch wenn der alte Grieche fürwahr ein Mann der großen Worte war: Sein Urteil war damals schon genauso falsch wie das heutiger Stimmen, die in die gleiche Bresche schlagen – nur, weil es so schön einfach ist.

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