Die Leere in der Lehre

Was ich im Lehramtsstudium gelernt habe – oder eben auch nicht…

Als ich 2009 mein Lehramtsstudium für die Fächer Deutsch und Politische Bildung an Gymnasien begann, war meine Erwartungshaltung an ein praxisorientiertes Studium bereits gering. Ich folgte der Auffassung: Wer wenig erwartet, kann nicht allzu arg enttäuscht werden. Ich hatte ja keine Ahnung…

Wie für so viele Studierende war auch für mich die Wahl eines Lehramtsstudiums eine Verlegenheitsentscheidung. Nach einem mittelmäßigen Abitur und einer noch mittelmäßigeren kaufmännischen Ausbildung im Anschluss daran, blickte ich neiderfüllt auf meine ehemaligen Mitschüler, fast allesamt Studenten, und deren nahezu unerschöpflich wirkendes Guthaben an Ferien und Freizeit. Das konnte ich mir nicht entgehen lassen. Als Tochter zweier Nichtakademiker stieß ich auf Unverständnis – das Konzept und der Aufbau eines Studiums war meinen Eltern fremd. In Kindertagen äußerte ich die Idee, Ärztin zu werden. Meine Mutter bewegte dieses Bestreben zu der Aussage: „Ein Medizinstudium? Was denkst du, wer du bist?“ Nun gut, mit einem 2,7er Schnitt im Abitur konnte ich mich davon ohnehin verabschieden. Da ich jedoch den Wünschen meiner Eltern entsprechend die grundständige kaufmännische Ausbildung erfolgreich absolviert hatte, konnten sie mir nun das Studium schlecht verweigern. Soviel zur Chancengleichheit: Um Kindern von Nichtakademikern den Einstieg ins Studium zu erleichtern, genügt ein „dies academicus“ an der Schule nicht – auch den Eltern müssen die Vorteile und Abläufe universitärer Bildung erst nahegebracht werden.

Nach meiner Ausbildung zur Verlagskauffrau, die ich in muffigen Großraumbüros und auf unbequemen Schreibtischstühlen in verschiedenen „Back Offices“ verbracht habe, war für mich eines klar: Ich setze mich im Leben nicht mehr in ein Büro. Naturwissenschaftlich, künstlerisch und musikalisch ebenso unbegabt wie desinteressiert, jedoch mit 21 Jahren immerhin im stolzen Besitz von rund 200 Büchern, drängte sich mir der Gedanke an ein Germanistikstudium auf. Doch schon hörte ich gedanklich meine Eltern: „Germanistik? Was willst du denn damit? Dann hättest du auch im Verlag bleiben können…“ Außerdem hatte ich bereits zu viele gute Autoren gelesen, um mir meinen insgeheimen Traum von einer Karriere als Journalistin, geschweige denn Schriftstellerin zuzutrauen.

Also Nummer sicher: Deutsch auf Lehramt, Zweitfach Politische Bildung. Kann ja nicht so schwer sein, unser Lehrer hat ja im Politikunterricht immer nur Filme laufen lassen…

Bereits in den ersten Tagen an der Uni bemerkte ich, dass sich die Lehramtsstudenten recht gut in zwei Gruppen aufteilen ließen: Die erste Gruppe bestand aus denjenigen, welche die Schullaufbahn erfolgreich durchlaufen haben und immer gern zur Schule gegangen sind. Mit gerade einmal (Danke, Zentralabitur!) 17,18 Jahren schienen sie sich nicht recht zu trauen, die gewohnten Pfade zu verlassen. Also raus aus der Schule und auf schnellstem Wege auch wieder hinein.

Die zweite Gruppe, zu der dementsprechend auch ich zählte, bestand aus etwas älteren Studenten, die schon einmal ein Studium begonnen oder sogar absolviert hatten oder wie ich eine Berufsausbildung abgeschlossen hatten. Leute eben, die einen zweiten Anlauf nehmen wollten. Diese Abhandlung soll nicht zum Inhalt haben, die Beweggründe derer, die sich für ein Lehramtsstudium entscheiden, zu durchleuchten oder gar zu bewerten. Ich erwähne diese (ohnehin ja in keinster Weise empirisch belegten) Beobachtungen nur, weil sie zu der Leere in der Lehre der Lehrämter vielleicht ihr Übriges tun. Denn natürlich habe ich auch immer wieder Lehramtsstudierende getroffen, die voller Freude bei der Sache sind und die sich niemals haben vorstellen können, einen anderen als den Lehrerberuf zu ergreifen. Und eines war uns ohnehin allen gemein: Wir benötigten eine pädagogische Ausbildung und didaktisches Handwerkszeug. Beides sollte den meisten von uns verwehrt bleiben, wie folgende Beispiele verdeutlichen sollen:

Ich habe ein Seminar zur Literaturdidaktik besucht, geleitet vom Professor höchstpersönlich. Ich hatte mich bereits daran gewöhnt, dass didaktische Kurse niemals zum Inhalt hatten, wie sich Lehrer in bestimmten, gerade anspruchsvollen Situationen im Klassenraum behaupten können. Nie wurde uns erklärt, in welchem Rahmen man Schüler reglementieren darf oder soll oder woran ich erkennen kann, mit welcher Methode ich die Klasse am besten zur Mitarbeit motivieren kann. Mir war also schon vor Beginn des Seminars klar, dass wir wohl wieder jede Woche gemeinsam eine Kurzgeschichte lesen würden und im Anschluss daran frei nach dem Motto „Es wurde schon alles gesagt, nur noch nicht von jedem“ unsere Meinung über die Geschichte kundtun würden. So kam es dann auch. Ein „Skript“ mit Kurzgeschichten wurde uns ausgeteilt und wir besprachen Woche für Woche die Bedeutung von Zeit, Ort und Raum für die Geschichte als Ganzes. Eine aufgeweckte neunte Klasse hätte wohl kaum Schwierigkeiten gehabt, sich an der Diskussion von uns Master-Studenten zu beteiligen. Zu einer der Geschichten waren auch einige Aufgaben aus einem Schulbuch abgedruckt. Ich empfand einige der Aufgaben als recht anspruchsvoll und äußerte die Frage, ob ein Sechstklässler tatsächlich für gewöhnlich schon in der Lage sei, diese zu lösen. Der Professor warf einen raschen Blick auf das Aufgabenset und sagte „Ich weiß es nicht, ich hab da keine Erfahrung“ und rief den nächsten Studenten auf, der sich gemeldet hatte. Ich zog meinen Terminkalender aus der Tasche und begann zu schreiben. Eine befreundete Kommilitonin saß neben mir und erkundigte sich, was ich mir notierte. Ich sagte ihr, dass ich die Antwort des Professors festhielt, damit ich später selbst noch glauben konnte, dass das tatsächlich so geschehen war. Der Professor für Literaturdidaktik konnte mir am 26.11.2013 aus Mangel an Erfahrung keine Antwort auf die Frage geben, ob eine Aufgabe für einen Schüler in einer bestimmten Schulstufe zu bewältigen sei oder nicht. Meine Kommilitonin googelte den Professor und fand rasch heraus, dass dieser bereits kurz nach seinem Referendariat eine Anstellung an einer Uni fand und somit seit den mittleren 90er Jahren keinen Klassenraum mehr von innen gesehen hatte.

Auch im Fach Erziehungswissenschaften, welches alle Lehramtsanwärter zusätzlich zu den angestrebten Unterrichtsfächern belegen müssen, wird man in den meisten Fällen von jeglichem Bezug zur beruflichen Praxis „verschont“. Als Beispiel diene hier eine Aufgabe aus einer Klausur zur Bildungsforschung. Diese vermag ich im Übrigen deshalb so exakt wiederzugeben, weil der Dozent gerüchteweise jedes Semester die exakt gleiche Klausur schreiben lässt und sich die Fotographie einer Altklausur daher bei wohl annähernd jedem Studenten, so auch bei mir, abgespeichert auf dem Computer befinden:

(Ohne die Antwort auf solche Fragen zu kennen, ist man im Klassenzimmer bestimmt aufgeschmissen…)

Der Zugewinn, den ich für meinen Lehrerberuf aus der Fähigkeit zur Beantwortung solcher Fragen generieren kann, muss sich mir wahrlich erst noch erschließen. Vor seiner Habilitation in Erziehungswissenschaften hat der Diplom-Pädagoge, so steht es auf seiner Homepage, an verschiedenen Unis als wissenschaftlicher Mitarbeiter gearbeitet. Einträge zu Tätigkeiten in Kitas, Heimen, Schulen oder anderen Einrichtungen für Kinder und Jugendliche habe ich nicht gefunden.

Am Rande sei erwähnt: Ich schrieb in der Tat die gleiche Klausur wie ein Semester zuvor mein anbetungswürdiger Kommilitone, der uns die Bilder der Klausuraufgaben hat zukommen lassen…

Ein erziehungswissenschaftliches Seminar meines Bachelor-Studiums beschäftigte sich laut Titel mit der „Psychologie des Lernens“. Ich hoffte auf die Vermittlung einiger Methoden, die meinen künftigen Schülern, und vielleicht ja auch mir, das Pauken erleichtern. Mnemotechniken oder Assoziationsketten vielleicht. Weit gefehlt: Das Thema der ersten Wochen war die Meeresschnecke Aplysia. Da sie, wie ich gelernt habe, über ein einfaches Nervensystem verfügt, lassen sich an ihr simple Lernprozesse wie die Sensibilisierung gut darstellen. Wir erfuhren, dass die Schnecke, wenn das Licht in ihrer Umgebung beispielsweise blau gefärbt ist und ihr anschließend ein Stromschlag verabreicht wird, sich nach einigen Wiederholungen schon angsterfüllt zusammenkrümmt, wenn die Umgebungsbeleuchtung entsprechend verändert wird, ohne dass ein Stromschlag folgt – sie hat das blaue Licht mit dem kommenden Schmerz assoziiert.

Ich will ehrlich sein: Natürlich beschäftigten wir uns nicht das gesamte Seminar hinweg mit der Schnecke. Wir steigerten uns kontinuierlich bis hin zum Pawlowschen Hund, der ja bekanntermaßen bereits erwartungsvoll zu sabbern begann, wenn er Herrchens Schritte hörte. Wie ich diese Seminarinhalte mit meiner späteren Lehrtätigkeit in Verbindung bringen soll, kann ich noch nicht sagen…Vielleicht sollte ich Schüler für gute Leistungen oder gutes Betragen mit Würstchen belohnen, um sie ganz heiß auf meinen Unterricht zu machen?

Zu einer Dozentin am Lehrstuhl für Sonderpädagogik konnte ich leider nichts über ihren Werdegang herausfinden. Zu gern hätte ich gewusst, womit diese freundliche ältere Dame vor ihrer Arbeit an der Universität ihr Geld verdient hat. Sie betrat den Raum stets ausgerüstet mit einem Karton voller Wachsmalstifte, Scheren und Klebstoff. Wir malten Bilder, bastelten aus Papptellern Masken, warfen uns gegenseitig einen Ball zu und lernten – nichts. Angehende Gymnasiallehrer, mitten im Studium davon überrascht, dass fortan auch in ihren Klassen im Zuge der Inklusion Kinder mit körperlichen und/oder geistigen Behinderungen untergebracht werden. Dringend hätten wir Informationen darüber benötigt, welche besonderen Bedürfnisse diese Kinder haben und wie wir im Klassenverband für ein gemeinsames Miteinander sorgen können, ohne dass die Inklusionsschüler außen vor bleiben. Anstelle dieser Informationen bekamen wir Masken aus Papptellern:

(Eher „sonderbar“ als „sonderpädagogisch„: Mein Arbeitsergebnis aus einem erziehungswissenschaftlichen Seminar)

Ich würde lügen, wenn ich behauptete, im Fach Politische Bildung stünde es besser um die Lehrerausbildung. Ich fühlte mich an meine eigenen Zeiten als Schülerin im Politikunterricht erinnert, als ich im Bachelorstudium den Kurs „Politische Filmbildung“ belegen musste. Hatte doch unser Politiklehrer stets und ständig Filme laufen lassen, um sich dann zum Rauchen aus dem mittels Rollläden abgedunkelten Klassenraum zu schleichen.

An der Uni lief es freilich etwas anders. Der Kurs wurde geleitet von einer jungen Frau in meinem Alter. Der geneigte Leser wird es ahnen: Auf eigene ausgeprägte Unterrichtserfahrungen konnte die Dozentin schon in Ermangelung von Lebensjahren nicht zurückgreifen. Der Kurs hatte zum Inhalt, dass wir Studierenden in Kleingruppen zunächst einen Film aus der sogenannten Box-Office Top 100 auswählen mussten. Diese Liste besteht aus 100 überaus erfolgreichen Filmen, die sich zum großen Teil nur schwerlich in Verbindung mit dem Politikunterricht in deutschen Klassenzimmern setzen lassen. Unseren ausgewählten Film sollten wir anschließend an einem Stand im Seminarraum „bewerben“, indem wir Plakate dazu gestalteten und unseren Stand der Thematik des Films entsprechend dekorierten:

(Filmplakat meiner „Arbeitsgruppe“ zu Forrest Gump)

Was mir bei diesen Tätigkeiten an Wissen vermittelt werden sollte, ist mir nach wie vor ein Rätsel. In einer Hausarbeit zu diesem Seminar sollten wir darlegen, wer an dem Film beteiligt war und ein Kapitelprotokoll anfertigen. Eine Abweichung oder Umstrukturierung von den geforderten Punkten oder das Heranziehen anderer Filme war nicht zulässig – es stellte sich heraus, dass die junge Dozentin an ihrer Dissertation arbeitete und sie unseren Handlungsspielraum deshalb so begrenzte, um unsere Ergebnisse in ihre Promotion einfließen lassen zu können. Mit anderen Worten: Wir fungierten als Datenlieferanten. Also saßen wir Woche für Woche im Seminar und sahen zu, wie unsere Kommilitonen sich verzweifelt darum bemühten, aus Filmen wie „The Dark Knight“, „Titanic“ oder „The Simpsons“ Verwertbares für den Unterricht in Politischer Bildung zu extrahieren.

Die Gruppe, zu der ich gehörte, hatte mit „Forrest Gump“ noch das kleinste Übel erwischt. Wir konnten den im Film thematisierten Vietnamkrieg als Ereignis heranziehen, mit dem man sich im Politikunterricht auseinandersetzen könnte (obgleich dieser Krieg meinen Recherchen zufolge in keinem Bundesland im Curriculum für Politische Bildung steht…).

Ich könnte hier noch stundenlang weitere, traurige Geschichten aus dem Skurrilitätenkabinett Lehramtsstudium auflisten, aber ihr habt nun wohl schon einen eindrücklichen Einblick gewinnen können…Wer noch mehr hören will – bei Amazon habe ich ein kleines Büchlein zu dem Thema veröffentlicht: „5 Jahre Bastelstunde“ heißt das gute Stück passenderweise…

Ich möchte mir nicht anmaßen zu behaupten, jeder Dozierende, der selbst nicht an einer Schule gearbeitet hat, sei inkompetent und könne kein Wissen vermitteln. Das wäre sicherlich zu kurz gedacht. Doch schon Genosse Lenin erkannte, dass „die Praxis das Kriterium der Wahrheit“ ist. Jemand, der jahrelang an unterschiedlichen Schulen als Lehrer gearbeitet hat, wird mit Sicherheit über einen Erfahrungsschatz verfügen, von dem ich gern lernen und profitieren würde. Ein Professor, der lediglich sein Referendariat absolviert hat, was nun einmal schlicht zwingender Bestandteil der Lehrerausbildung ist, kann ipso facto nicht auf einen solchen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Wir Studierende brauchen Leute, die uns sagen können, wie man für ein positives Klassenklima sorgen kann, welche Methoden sich bei ihnen im Unterricht bewährt haben und wie man verdammt nochmal an dem Job als Lehrer nicht kaputtgeht und Teil einer traurigen Statistik wird, zufolge derer jeder dritte Lehrer an mindestens einem Burnout erkrankt.

Lehramtsstudenten werden Lehrer. Sie werden eure Kinder unterrichten. Sie möchten junge Menschen für ihre Fächer begeistern, Talente fördern und schwächere Schüler unterstützen. Sie wünschen sich ein freundliches und produktives Miteinander im Klassenverband und auch nach der Stunde für die Schüler ein offenes Ohr haben zu können. Sie möchten die Erwartungen, die ihr als Eltern zu Recht an Lehrer habt, erfüllen und eure Kinder gut und gewissenhaft auf Prüfungen vorbereiten, damit sie einen Abschluss, einen guten Abschluss, erlangen und mit den bestmöglichen Voraussetzungen in die Berufsausbildung oder die Universität starten können.  Wie das geht, habe ich in fünf Jahren Lehramtsstudium leider nicht gelernt – Meine Zeugnis für die Uni: Ungenügend.


Durch die Migration meines Blogs von Jimdo zu WordPress konnte ich die Kommentare nicht importieren. Damit diese nicht verloren gehen, habe ich die alten Kommentare via copy-und-paste als reinen Text in den Artikel übernommen:


  • Theorie ist nicht alles(Mittwoch, 24 Mai 2017 11:39)

    Nach einer praktischen Ausbauildung, nun im Studium Lehramt für Mittelschulen (Deutsch/Ethik) ist bereits im 2. Semester klar, dass auch an meiner Uni alles andere als die Praxis im Fokus steht. Es ist frustrierend und traurig. Im Praktikum gesagt bekommen: hol dir nach deinem Studium „Weltreligionen auf einen Blick“, dann hast du alles für den Lehrplan; denn für die Mittelschule helfen mir weder Platon noch Aristoteles, noch Mittelhochdeutsch. Noch dazu kommen die eigentlichen Probleme der Schüler, welche Bewerbungen schreiben sollen, aber schon mit dem normalen Satzbau überfordert sind, teilweise dann auch noch DaZ- mäßig falsch eingestuft sind und gar kein Deutsch können.

    Ich muss der Autorenerfahrung leider voll und ganz zustimmen.

  • #27

    kein Lehrer(Freitag, 19 Mai 2017 16:40)

    Ich finde erschreckend, wie viele Lehrer und/oder in der Lehrer-Ausbildung tätige Kommentatoren hier ignorieren, worum es der Autorin eigentlich geht.
    Nämlich darum, dass die genannten Veranstaltungen so rein gar keine Grundlage für irgendetwas legen, dass man dann im Referendariat vertiefen oder einüben könnte, um es im späteren Beruf dann wirklich anwenden zu können.
    Aus der Schilderung scheinen diese Veranstaltungen reine Zeitverschwendung zur sein.
    Das eigentlich Erschreckende ist aber die mangelnde Bereitschaft vieler der oben genannten, dies anzuerkennen, dem Rechnung zu tragen und zum positiven zu verändern.
    So vertieft man das Klischee, dass das System nur bestehen kann, weil sich Lehrer nur untereinander vermehren.

  • #26

    Schulpsychologin(Mittwoch, 17 Mai 2017 16:40)

    Sicherlich ist es nicht verkehrt, im Studium auch Fachwissen vermittelt zu bekommen. Das wie- wie kann der Stoff die Menschen auch erreichen und bei Ihnen ankommen und sie Teil des Ganzen sind- klappt an den Unis wahrscheinlich oftmals mindestens ebenso schlecht wie an den Schulen. Das ist schade und darüber darf sehr gerne nachgedacht werden. Wobei ich Ausnahmen von engagierten, progressiven Lehrenden immer auch unbedingt lobend erwähnen möchte, sei es an der Uni oder in den Schulen. Es gibt sie, die für lebendigen Unterricht und Sinnhaftigkeit, gute Pädagogik und Ethik Kämpfenden, eine kleine Minderheit, die das Leiden immerhin wahrnimmt und die Mühe, die dies mit sich bringt, auf sich nimmt, aber gleichzeitig aufpassen muss, an ihren eigenen Ansprüchen in schwierigen Systemen selbst nicht kaputt zu gehen. Und die Unterstützung brauchen, ebenso wie natürlich auch die anderen Willigen, sich hilfeiches Wissen und Fähigkeiten aneignen zu können. Guten Unterricht auf allen Ebenen anzustreben ist ein hochkomplexer und hochherausfordernder Prozess.

    Das Bewertungssystem und die übertriebene Leistungsausrichtung schränken sinnvolles Unterrichten leider ein und setzt traurige Schwerpunkte, hier stimme ich der Autorin zu. Und ich stimme auch zu, dass es oftmans Freiräume gibt von Lehrenden, die weiter genutzt werden können (aber nicht genutzt werden).
    Dass das System an sich zumindest teilweise fragwürdig ist und hinterfragt werden sollte und darf, ist m.E. wichtig. Kritikfähigkeit wird in Unis, Hochschulen und Schulen samt Bildungsolitik nicht großgeschrieben und der daraus für alle entstehende Gewinn an positiver Weiterentwicklung und Motivationsschub für alle geht verloren. (Ich halte die Kritikunterdrückung in meinem System der Schulverwaltung für geradezu surreal und nicht mehr verstehbar. Sie bringt verheerenden Konsequenzen mit sich, die den entsprechenden verängstigen Personen gar nicht bewusst sind).

    Die Autorin bringt offen zum Ausdruck, dass ihre Bedürfnisse nicht erfüllt wurden. Das finde ich ehrlich. Es ist eine Einzelmeinung, aber sie sollte Anlass geben, zu Hinterfragen und Nachzuforschen, wie vielen anderen es auch so oder ähnlich geht. Abgesehen davon ist es schade, dass diese junge kritisch denkende Frau nicht begeistert werden konnte und in Austausch mit jemanden über ihre Fragen gehen konnte. Dann wäre doch WIRKLICH lernen geschehen! Aber lernen ist keine Einbahnstrasse, auch das System lernt mit- oder verweigert sich. Diesen Diskusssionen sich im Unterricht, in der Lehrverantstaltung zu stellen, dazu einzuladen -das ergibt doch kostbare Lernprozesse!

    Ich finde es interessant zu lesen, wie es entweder Stimmen für oder gegen das Ausbildungssystem gibt.
    Mit langjährigen Erfahrung als Schulpsychologin kann ich sagen, dass ich es frustrierend finde, wie schlecht Lehrer*innen ingesamt auf Ihre Arbeit vorbereitet werden und wie herzlich wenig sich da die letzten Jahre geändert hat. Bei den gymnasialen Lehrern ist der fachliche Schwerpunkt deutlich zu merken, die Grundlagen in Kommunikationstechniken, Gruppenprozessen, Umgang mit Mobbing, Schulverweigerung, sozialen Phänomenen, Interaktionsthematiken, individuellen Lernproblemen fehlen oft komplett und werden nur von wenigen Einzelnen angegeangen. Durch den Inklusionsparagraphen werden sie nun- meist gegen ihren Willen gefordert und wahrscheinlich auch überfordert. Der Standard in diesen genannten Bereichen ist immer wieder erschreckend niedrig. Und ich frage mich schon lange, wie es sein kann, dass Lehrer*innen tätig werden können und müssen ohne dieses Grundwissen, dass offensichtlich weder beigebracht noch eingefordert wird. Viel Leid könnte hier auf verschiedenen Ebenen reduziert werden.

    Wir Schulpsychologen tun, was wir können, um Lehrer*innen fortzubilden und zu unterstützen, aber wir sind derart wenige mit derart vielen Aufgaben betraut -und vielleicht auch ausgebeutet-, dass wir dies nur in begrenztem Umfang tun können, und es hier systematisch von der Grundausbildung her mehr Basiswissen bräuchte. Die Lehramtsanwärter spüren, dass auf Sie eine gewaltige Aufgabe zukommt, für die Sie unzureichend vorbereitet fühlen. Und ich vermute, dass dies meist so ist.

    Ich habe an Lerntheorien nichts auszusetzten und Fachwissen ist auch wichtig, aber es braucht auch und dringend das grundlegende Wissen, wie ich mit dieser hohen Kompexität an Interaktionen, Bedürfnissen und Erlebenswelten für mich als Lehrer*in einen guten Weg finden kann. Wie ich unterricht gestalten kann, der auf die Bedürfnisse meiner Zielgruppe eingeht und lebendig ist. Hier gibt es schon noch viel Luft nach oben…

    In diesem Sinne bin ich froh über jede Diskussion und jeden Austausch, der sich hierzu entwickelt. Dafür schon danke an die Autorin und alle Beteiligten.

  • #25

    Ulrike B.(Mittwoch, 17 Mai 2017 15:13)

    Liebe Frau Sarand,
    Nach meinem auch ziemlich frustrierenden Lehramtsstudium in Köln in den 80ern dauerte es länger als 2 Jahre bis zum Referendariat. Dadurch hatte ich Zeit und es verschlug mich in verschiedene afrikanische Länder. Mittlerweile habe ich ich drei Lehrerqualifikationen und bin nach mehr als einem Vierteljahrhundert wieder in Deutschland zurück und arbeite mit größter Begeisterung an einer kleinen Waldorfschule (kein Sitzenbleiben, keine Noten bis Klasse 11, 16 Handwerke, 5 Praktika, RA nach 12 Jahren und und und…) in der ich die Möglichkeit habe viele Ideen selbst zu entwickeln, und die vielen Erfahrungen aus unterschiedlichsten Schulsystemen einzubringen. Meine Schüler danken es mir jeden Tag, und mein Kollegium ist einfach wunderbar. Aber jede Situation hat ihre Kehrseite: ich arbeite sicherlich eine 70 Stunden Woche, und die Bezahlung ist sehr viel weniger als in vergleichbarer öffentlicher Stellung. Das nehme ich jedoch gern hin, ich habe meinen pädagogischen Traumjob gefunden: Für meinen English Unterricht schreibe ich kleine Geschichten und Lektüren für meine SEK l Kinder, und auch alle anderen Lernmaterialien mache ich in der unteren Mittelstufe selbst (Spiele, Arbeitsblätter, Tests, Dialogvorlagen etc.) später lesen wir meist Originalbücher statt Schullektüren. Wie gesagt, da steckt viel Arbeit drin, macht aber sehr viel Spaß und die Unterrichte sind lebensnah und fröhlich. Ich glaube, es gibt für jeden eine Nische, man muss sie nur finden und es bereichert, wenn man viele verschiedene Ausbildungen macht und über den Tellerrand hinaus schaut.
    Meine englische, sonderpädagogische Ausbildung war praxisnah und hat mir auch für das Unterrichten im allgemeinen viel gebracht, meine Waldorfausbildung habe ich 2012 beendet und fand sie sehr hilfreich. Wenn Sie für sich die Begeisterung an der Pädagogik entdeckt haben drücke ich Ihnen die Daumen, dass Sie Ihre Nische finden! Viel Glück! Ulrike B.

  • #24

    Studentin(Mittwoch, 17 Mai 2017 08:28)

    Schon mal an das skandinavische Bildungssystem gedacht? Bis zur8. Klasse keine Noten um die Schüler in ihrer Persönlichkeit und Entwicklung zu helfen. Darüberhinaus soll nach dem Prinzip “ Lust und Wille zum lernen “ unterrichtet werden.
    Ich studiere in Dänemark und bin glücklich mit meiner Wahl ( gehen lernen für Test, aber Lernen fürs Leben )

  • #23

    Kevin-Mercedes(Dienstag, 16 Mai 2017 13:53)

    die Antwort lautet c) messen! 😉

  • #22

    Sonja(Dienstag, 16 Mai 2017 10:20)

    Hallo,
    so gut ich die Verwunderung und den Frust verstehen kann – vielleicht herrscht aber auch eine falsche Vorstellung davon, was ein Studium leisten kann und soll. Auch bei der Lehramtsausbildung handelt es sich um eine akademische Ausbildung. Die Vorstellung, dass diese Patentrezepte vermittelt, wie Unterricht funktioniert, ist komplett absurd. Zumal es diese Rezepte nicht gibt!
    Ich arbeite selber an einer Universität in der Lehramtsausbildung (übrigens selber auch ohne Schulerfahrung – außer als Schülerin). Meinen Studierenden kann auch ich keine Antwort darauf geben, wie man die beste Methode auswählt oder wie man mit dem schwierigen Schüler umgeht. Das würde sich aber auch nicht ändern, wenn ich bereits 20 Jahre Unterrichtserfahrung hätte. Diese eine Antwort gibt es nämlich nicht, weil es auf ganz viele Sachen ankommt – auf die Schüler, auf den Lehrer selbst, auf das Thema, das Wetter, die Uhrzeit, den Raum, das was vorher und danach passiert, …. diese Liste kann man unendlich weiterführen. Was die Hochschulen leisten können, ist eine fachliche und wissenschaftliche Ausbildung und keine „Berufsausbildung zum Lehrer“. Und der Vorwurf, dass das Studium nicht auf die wahre Berufspraxis vorbereitet gilt (wenn wir ehrlich sind) doch für jedes Fach gleichermaßen. Welcher Ingenieur berechnet in seinem Beruf auf Zeit irgendwelche Kraftflüsse in abstrakten Stabwerken? Welcher Mathematiker verbringt seinen späteren Arbeitstag damit, seitenweise Beweise aufzustellen? Auch diese Liste kann man unendlich weiterführen. Darum geht es in einem Studium eben gar nicht. Es geht darum, auf höchster Ebene fachwissenschaftliche Konzepte kennenzulernen, sich mit Theorien auseinanderzusetzen, Modelle zu vergleichen und zu hinterfragen. Es geht nicht darum zu sagen „So geht’s!“ und zu erreichen, dass alle Studierenden dann dieser Vorgabe folgen. Es geht darum, das eigene Denken anzuregen und Studierende durch viele verschiedene Theorien und Denkweisen dazu anzuregen, eigene Wege zu gehen. Wir können nur fachlichen Hintergrund liefern, den richtigen Job lernt man (wie in allen anderen Studienfächern auch) erst in der Praxis.
    Und eines möchte ich auch noch anmerken – in der Regel lassen sich unsere Studierenden nämlich nicht wie oben geschrieben in nur zwei Gruppen einteilen. Die Heterogenität ist (insbesondere in den Studiengängen des Lehramts) immens. Da sind die einen, die direkt aus der Schule kommen, Berufserfahrene, Studiengangswechsler, Quereinsteiger aus den Fachstudiengängen oder Fachhochschulen – die Alterspanne reicht in einem meiner Seminare von 17 bis 54 Jahre. Kein Problem, das bekommen wir gut hin! Dann die unterschiedlichen Motivationen: weil man keine bessere Idee hatte, weil die Eltern Lehrer sind, weil man als Lehrer einen sicheren Job erwartet, weil man aus einem anderen Fach „herausgeprüft“ wurde – Begeisterung für das eigene Fach kommt in den Aussagen der Studierenden leider selten vor. Kein Problem! Doch, ein großes Problem. Dann die Vorbildung bzw. die Grundlagen, die die Studierenden mitbringen: die einen hatten einen guten Leistungskurs und langweilen sich, wenn man Grundlagen behandelt. Die anderen sind komplett neu im Thema, die nächsten so praxiserfahren, dass sie jede Theorie ablehnen und die nächsten kommen mit so schlechtem Vorwissen aus der Schule, dass wir in den ersten Wochen des Studiums Grundrechenarten wiederholen, erklären wie man Winkel in einem Dreieck berechnet und was es mit diesem schrecklichen Dreisatz auf sich hat. Noch eine Liste, die man beliebig weiterführen kann!

    Wenn man also erwartet, im Studium auf die Schule vorbereitet zu werden, ist das eine falsche Vorstellung. Was wir brauchen sind kompetente Absolventinnen und Absolventen (ja, hier ist der Begriff der Kompetenz genau richtig!), die fachlich sicher in ihrem Fach sind, didaktische und methodische Konzepte und Theorien kennen und vor allem offen für ihre späteren Schülerinnen und Schüler sind und Spaß an ihrer eigenen Profession haben!

  • #21

    Klaus W. Wolf(Montag, 15 Mai 2017 20:40)

    Hi,

    ich bin Deutscher, Biologe und Dozent an der University of the West Indies in Kingston (Jamaika). Hier ergeht es mir nicht viel anders als der Autorin an einem deutschen Gymnasium. Auch auf einer karibischen Insel zaehlen allein die Noten. Nur bei wenigen Studenten ist Interesse am Fach auszumachen.

  • #20

    Johannes(Montag, 15 Mai 2017 20:00)

    Hi Lilila,
    jetzt aber mal etwas mehr Respekt, habe mich vertippt, das ist schon richtig, danke, niemand lernt jemals aus! Sicherlich war insbesondere mein Kommentar gemeint, mit diesen extremen Schubladenkommentaren. Damit bolzen Sie sich wirklich ins Abseits, sehr weit sogar. Eigentlich hätte ich breit grinsend einer anderen Tätigkeit nachgehen können, aber ich scheine Sie ja wirklich gestresst zu haben… Noch dazu, ja, nervt mich Ihr, herrgottszeiten – oberflächliches Lehrerbashing ganz ungemein.
    Ich habe einen weiten Weg hinter mich gebracht, um Lehrer zu werden. Da ist wenig von „von der Schule in die Schule“, glauben Sie mir das. Da ist ein komplett selbst verdientes Studium, finanziert in dunklen Kneipen, lauten Fabrikhallen und mal kaum irgendwelchen Studentenfesten, zumindest zeitweise nicht…
    Und glauben Sie mir, es gibt Wege für Quereinsteiger! Sie beklagen sich bitter, würden ja, würden ja selbst, WENN… Dann mal Butter bei de Fische! Lehrer zu sein ist ja so leicht, und das kann ja eigentlich jeder, gell. Schade.

  • #19

    Lilila(Montag, 15 Mai 2017 17:25)

    Es ist mir ein großer Wunsch, die Autorin an dieser Stelle zu unterstützen – und, mit Verlaub, die unten zu findenden Kommentare von „echten Lehrern“ lesen sich genau so, wie ich sie erwartet habe. Und zwar so sehr GENAU SO, dass es mir hochkommt. All solche, die sich so unglaublich berufen fühlen wie die Exemplare unten, die im Studium stets neben mir saßen und hübsche Kringel unter ihre dämlichen und sinnlosen Überschriften gemalt haben, sind genau DIE Personen, von denen ich mir NICHT wünsche, dass sie meine Kinder unterrichten. Das sind genau die realitätsfremden, pavlov-fixierten Theorie-Nichtskönner, die absolut niemals auch nur eine Ahnung davon haben werden, wie das echte Leben neben Pappscheiß-basteln und Klassenbuch ausfüllen, aussieht. Und für die das höchste der Gefühle eine Gedichtsanalyse ist (die aber offensichtlich den Unterschied zwischen „Sie“ und „sie“ und „Ihre“ und „ihre“ nicht kennen! Herrgottszeiten!). Verzeihung.

    Es ist viel eher so, dass ich mir mehr kritische, frisch-denkende und Außenstehende in diesem Beruf/Studium wünschen würde, die wie die Autorin einen anderen Ansatz sehen. Die hinterfragen, was passiert. Die hinterfragen, warum kluge Menschen dumme Pappgesichter basteln und sich veraltete Filme zum Selbstzweck reinziehen müssen. Die HINTERFRAGEN, warum die Dinge so sind, und nicht alles schlucken, was ihnen irgendeine Obrigkeit vorsetzt – weil sie es nie anders gelernt haben. Klar: Von der Schule in die Schule. Was ist denn nur los mit euch, dass ihr euch auch noch eine solche Arroganz herausnehmt?

    Im Endeffekt geht es darum, dass unsere Kinder auf das Leben vorbereitet werden sollen. Sie sollen mit dem besten Handwerkszeug und jeder Menge Erfahrungen auf den Arbeitsmarkt und die ziemlich anstrengende Arbeitswelt losgelassen werden. Dafür wünsche ich mir keine Ja-Sager, keine Bastler und keine verblendeten 25-jährigen. Dafür wünsche ich mir Menschen mit Charakter, Erfahrung und genügend Kritikfähigkeit, um den Kids ein Vorbild zu sein. Wenn ich es als Quereinsteiger könnte, wäre ich längst selbst Lehrer geworden – denn wie bei der Autorin ist es mein Wunsch, junge Menschen beim Aufwachsen zu begleiten, und nicht, ihnen langweiligen Scheiß in einem veralteten System einzuprügeln.

  • #18

    Johannes(Montag, 15 Mai 2017 16:33)

    Liebe Frau Sarand,
    es hätte ein Licht am Ende des Tunnels gegeben – das mögen nun viele nicht glauben wollen, weil der Begriff, der bald folgt, extremst negativ belastet ist, voller Unwissenheit beurteilt wird, alle meinen, zu wissen, worum es geht, aber keiner echt sagen kann, was ihn/sie daran eigentlich stört – Waldorfpädagogik. Es handelt sich bei Rudolf Steiners Konzept meiner Meinung nach um eine „Gran Theorie“ der Pädagogik, nicht weniger. Das, was beim Staat in der Lehrerbildung vermittelt und später unterrichtet wird, ist eben nur der Mikrobereich. Es fehlt ein echter (geistiger) Überbau, eine Richtung, eine Großtheorie der Pädagogik, die über die didaktischen Säue, die laut quiekend durchs jeweilige Kaff der Bildungslandschaft getrieben werden, in dem gerade neue Leute höher verbeamtet wurden, hinausgeht und wirkt. Vorurteilsfrei betrachtet muss und wird die Tendenz in diese Richtung gehen. Man wird es nicht Waldorfpädagogik nennen, sondern mit neuem, schicken Label versehen, so meine Prognose.
    Aber ehrlich, ich sage das aus eigener Erfahrung nach der vollen Ausbildung zum Gymnasiumlehrer, der danach hochgradig gefrustet fühlte, dass es das doch nicht im Ernst gewesen sein kann: Wer nicht Beamter oder Angestellter im öffentlichen Dienst, sondern LEHRER sein möchte, der gehe in Richtung Waldorf. Da, wo alles Verhalten, das Schüler an den Tag legen, weil Sie Notenangst haben (ich spreche hier von Noten betrachtet als Rückmeldung an Schüler, die jedoch durch Versetzung oder Nichtversetzung Verwaltungsakt sind, also keine echte, offene Feedbackkultur darstellen) aufhört, fängt Pädagogik und Arbeit mit dem Kind/dem Jugendlichen an. Sie werden ein kleineres Auto fahren, in einer anderen Gegend wohnen und auch mal über Ihre Rente grübeln – und noch dazu eine erfüllte Lehrerbiographie leben!
    Wir sehen uns.
    Johannes.

  • #17

    Stowaway(Montag, 15 Mai 2017 13:39)

    Leider ist Lehrerbildung in Deutschland Ländersache und deshalb gibt es große Unterschiede zwischen den Bundesländern. Großer Vorteil für die Studierenden, die bereits im Grundstudium Praktika mit eigenen Unterrichtsstunden absolvieren können. Großer Nachteil für Lehramtsstudenten in Berlin, wenn der erste Praxiskontakt erst im Referendariat erfolgt.

  • #16

    Rene(Montag, 15 Mai 2017 13:09)

    Das entspricht exakt so dem, wie ich es als Außenstehender vom Lehramtsstudium erwartet hätte. Aussagen wie: „Im ersten Teil des Studiums soll nur das theoretische Wissen vermittelt werden, die Praxis erfolgt im Referendariat“ sind einfach nur lachhaft:

    1. Soll ich dann erst nach dem ersten Teil des Studiums entscheiden können, ob das wirklich der richtige Beruf für mich ist, weil ich ihn erst dann kennen lerne? Vorher weiß ich ja nur wie Wissenschaftler arbeiten.
    2. In der Praxis sieht es aufgrund von Lehrermangel leider oft so aus, dass die Referendare bereits selbstständig und alleine unterrichten müssen (sicher das ist nicht so gedacht, aber das ist so Realität). Klar lernt man da auch was, wenn man ins kalte Wasser geworden wird, aber was ist den mit den Kindern, die eigentlich lernen sollten? Die sind dann Versuchsobjekt dafür ob der Referendar intuitiv praktisch unterrichten kann und dort nicht nur Wissenschaflter ist?

    Ich finde den Text sehr mutig und toll geschrieben. Die wissenschaftlichen, agressiven Kommentare dazu einfach nur lachhaft. Auch ich bin der Meinung, dass es unsinnig ist ein wissenschaftliches Sudium des Fachs, das man unterrichten möchte abgeschlossen zu haben, um dann in der Unterstufe oder sogar Grundschule zu unterrichten. Ich glaube das Fachwissen dazu sollte übertrieben gesagt, jeder ein Abitur abgeschlossen hat, habe. Die Fähigkeit, dieses Schülern interessant zu vermitteln hat man aber aber nicht erlangt und diese sollten vermittelt werden.
    Sicherlich ist ein fachliches Hintergrundwissen sehr gut, aber das Vermitteln des Basiswissens ist doch das was der Lehrer können muss!

  • #15

    Name(Sonntag, 22 Januar 2017 22:24)

    Deshalb ist ein Lehramtsstudium auch in zwei Etappen unterteilt.
    Der zugegebene langwierige und wissenschaftlich Orientierte und dann die Praxiserfahrung in Form des Referendariats II.
    Hier werden Sie befähigt, um zum Beispiel der Inklusion im Praxisalltag Rechnung zu können.

  • #14

    Lisa(Samstag, 07 Januar 2017 14:05)

    Vielleicht kann man aus diesem Text einen anderen Schluss ziehen hinsichtlich der Lehrerbildung.
    Eventuell kann man ein sehr praxisorientiertes Studium für Lehrer Typ A anbieten, beispielsweise an einer Dualen Hochschule, an dessen Ende nach 3 Jahren plus Ref ein Fachlehrer steht, der in Klasse 1-10 nach vorgebenen Konzepten unterrichten darf, Bezahlung eher im Bereich A9 angesiedelt, das Deputat bei 28-30 Stunden.
    Und dann gäbe es den akademisch ausgebildeten Lehrer Typ B von den Unis und PHs, der nach 10 Semestern plus Ref an die Schulen kommt, Unterrichtsentwicklung vorantreibt und die Konzepte erareitet, mit denen der Lehrer Typ A arbeitet.
    Bezahlung A13 aufwärts, Deputat 25-27 Stunden abzüglich Anrechnungen für Aufgaben in Unterrichtsentwicklung etc.

    Wem es dann zu theoretisch ist, findet trotzdem seinen Platz, die Anleitung durch Lehrer Typ B sorgt trotzdem für Qualität.

  • #13

    Herr Q.(Donnerstag, 05 Januar 2017 18:53)

    Liebe Autorin,

    zunächst mein aufrichtiges Beileid: Selbst wenn es sich in meinen Augen mehr um gefühlte denn um reale Probleme in ihrer Ausbildung handelt, ist ihr Frust zu bedauern.
    Als frisch examinierter Gymnasiallehrer, der ebenfalls 2009 ein Germanistikstudium aufnahm, kann ich ihre Wehklage jedoch in keiner Note unterschreiben.

    Zwei Punkte sind mir besonders wichtig:

    Erstens: Den eigentlichen Ursprung ihres Unmutes sprechen Sie in ihrem Text mehrfach selbst an: „Ich verstehe nicht, warum…“. Das ist nicht die Schuld ihrer Universität.

    Sie erwarben einen akademischen Abschluss in Erziehungswissenschaft – wenn sich Ihnen der Sinn nicht erschließt, warum Sie Pawlow, aka. die basalste, sogar im schulischen Pädagogik-Unterricht behandelte Grundlage des Faches behandeln mussten, dann ist das schade. (Zu ihrer Frage: „Soll ich meinen Schülern Würstchen hinstellen?“ – Wenn es hilft: ja, es wäre aber noch schöner, wenn Sie auf der abstrakteren Ebene „Motivation“ noch andere Alternativen finden).
    Wenn Sie nicht begreifen, warum Sie in einem Germanistik-Studium irgendwann Kurzepik besprechen, dann ist auch das bedauerlich, aber keine Verfehlung ihrer DozentInnen.

    Die Uni geht zurecht davon aus, dass Sie diese Sinnzusammenhänge selbst erschließen können; wissen, was Sie persönlich mit dem Studium anfangen wollen; sich selbstständig, als Subjekt ihrer eigenen Bildung um das Wissen bemühen (Latein: „Studium“), das sie für ihren Lebensweg benötigen. Erwarten Sie von einem Ihnen völlig fremden Dozenten, dass er Ihnen (und 300 anderen pro Hörsaal) vorgibt, was Sie persönlich mit dem Wissen anzufangen haben?

    Wie bereits andere Kommentatoren schrieben: Das Studium soll Sie zur Expertin für ihre Fächer (!) machen, für die Praxis gibt es das Referendariat (in dem man, Thema „Würstchen“, davon ausgeht, dass Ihnen z.B. Theorien der S’uS-Motivation und die fachliche Seite der Kurzepik bereits bekannt sind).
    Das Studium hat nicht (!) die Aufgabe, Sie in einem Gebäude ohne SchülerInnen, das der theoretischen Bildung dient, praktisch auf bestimmte SchülerInnen vorzubereiten.

    (Zum Thema „Selbstständig“: Wenn Sie allerdings das Gefühl haben, sich z.B. auf „Problemschüler“ bereits im Studium vorbereiten zu müssen (ein guter Einfall):
    a) Die Bibliothek bietet Ihnen viele Theorien und theoretische Leitfäden, die Sie sich bereits erarbeiten können, bevor besagte S’uS vor Ihnen sitzen. Meine Uni (z.B. der Lehrstuhl für Sonderpädagogik) bot dazu auch zahlreiche Lehrveranstaltungen an. Wenn es Sie weiter bringt dürfen Sie die auch belegen, wenn Sie nicht zum Pflichtprogramm gehören, das ja jemand festgelegt hat, der Ihre Bedürfnisse nur vermuten kann.
    b) Sie sind erwachsen. Üben Sie den Umgang mit echten Menschen z.B. in der Nachhilfe, im Kirchenverein, im Ehrenamt…… Suchen Sie etwas – auch dafür ist die Uni nicht zuständig)

    Zweitens: Zu Beginn ihres Textes teilen Sie LehramtsstudentInnen (hoffentlich humoristisch) in mehrere Gruppen. Ich, weder ein Überflieger, der außerhalb der Schule kein Land sah, noch auf dem zweiten Bildungsweg erst ins Lehramt gerutscht, würde mich denen zuordnen, die unbedingt Lehrer werden wollten. Und dies ist auch die Zweiteilung, die ich für sinnvoll halten würde:

    Wer Lehrer sein will – gerne mit jungen Menschen arbeiten (das lese ich in ihrem Text nirgendwo), S’uS in ein erfülltes Leben helfen – der möge in meinen Augen Lehrer werden.

    Wem nur nichts Besseres einfällt – „Verlegenheitsentscheidung“ nennen Sie es, sehen keinen Sinn in einem fachlichen und didaktischen Studium, beschweren sich aber gleich zu Anfang über den fachlich und didaktisch inkompetenten Politiklehrer – der soll es bleiben lassen.

    Wollen Sie wirklich 40 Jahre mit der Notlösung leben, wenn Sie doch selbst ansprechen, was aus solchen Lehrern wird? Wollen Sie nicht lieber suchen, was Ihnen entspricht, und nicht darauf warten, dass ihre Eltern, wie Sie ansprachen, oder ihre Dozenten Ihnen sagen, wo es für Sie hingeht? Die Jugendlichen, gerade am Gymnasium, brauchen keine Vorbildsfigur, die nur wegen der sicheren Pension und nicht aus Überzeugung in der Klasse steht.

    Sie sind noch jung. Ich hoffe, Sie finden ihren Weg!G

  • #12

    Stefan N.(Donnerstag, 05 Januar 2017 11:51)

    Ich habe lange mit mir gerungen, muss jetzt aber mal meine 5 Cents zu diesem Posting loswerden.
    Für Außenstehende liest sich das ja ganz nett, ein bisschen über die Lebensfremde in Universität und Lehrerbildung bashen. Wer sich ein bisschen mit Erziehungswissenschaften, Bildungswissenschaften, Didaktik oder Lehramt beschäftigt, merkt aber schnell, dass hier das Wort „postfaktisch“ sehr angebracht erscheint.
    Jetzt im Einzelnen:
    – Wer in fachdidaktische Vorlesungen erwartet, etwas Classroom Management zu lernen, weiß offenbar nicht, was Didaktik bedeutet. Wurde hier vielleicht ein Seminar erwartet zum Thema: „Wie gehe ich mit schwierigen Schülern um?“ Solche Themen sollten Bestandteil der Schulpädagogik sein, Schwerpunkt in der zweiten Phase der Lehrerausbildung, im Referendariat.
    – Wer mit geringsten Erwartungen und aus reiner Verlegenheit in das Studium geht und dort zunächst die Mitstudierenden nach Alter in zwei feste Gruppen sortiert, bringt wohl nicht das notwendige Interesse mit, sich tatsächlich mit zwei Fachwissenschaften und zusätzlich mit Erziehungswissenschaften und Psychologie zu beschäftigen.
    – Wer genüsslich eine Frage aus einer Altklausur zitiert, die sehr akademisch formuliert scheint, und dazu nur hinsichtlich der Verwendung des Wissens im Klassenzimmer kommentiert, scheint nicht bereit für ein wissenschaftliches Studium. Eventuell befähigt eine Abiturnote von 2,7 nicht in jedem Bundesland dazu, einem Studium auch inhaltlich folgen zu können.
    – Wer alle Inhalte, die er an der Universität lernt, hinsichtlich der Verwendung für einen konkreten Beruf bewerten möchte, sollte eine passende Berufsausbildung anstreben. Für pädagogisch Interessierte bietet sich hier der Erzieher/innen-Beruf an. Allerdings werden hier auch keine Akademiker-Gehälter bezahlt.
    Markus Frank in Kommentar #11 und Lehrer in Kommentar #7 haben ja auch einige sehr treffende Kritikpunkte aufgeführt.
    Mir bleibt die Frage nach der Motivation für diesen Artikel:
    – Ist es die Unkenntnis über den Unterschied zwischen Studium und Ausbildung?
    – Ist es Unkenntnis darüber, dass es eine zweite Phase der Lehrerausbildung gibt?
    – Ist es der Frust, über ein Verlegenheitsstudium, mit dem man eine sichere Bank anstreben wollte, und das sich als unpassend herausstellte? Man fühlt sich doch so viel klüger als seine ehemaligen Lehrer.
    – Ist es purer Populismus, um eine Trigger unterzubringen, Clicks zu generieren, in den Spiegle zu kommen und das eigene Buch etwas zu promoten?

    Ich fürchte, es ist eine Mischung als all diesen Gründen. Ob ich möchte, dass jemand derartig unreflektiertes unsere Kinder unterrichtet, lasse ich mal dahingestellt.

  • #11

    Markus Frank (LMU München)(Mittwoch, 04 Januar 2017 17:14)

    Nachdem ich über Ihren Spiegel-Online-Kommentar auf dieses Blog gestoßen bin, und da ich als Dozent seit einigen Jahren ebenfalls in der Ausbildung von Germanisten (und hier Deutschlehrern) tätig bin, möchte ich zu Ihren Ausführungen doch mal etwas sagen (sie decken sich mit den Erfahrungen der der LMU):

    Sie haben sich mit Lehramt Gymnasium für ein fachwissenschaftliches Studium entschieden, welches aus zwei (!) Ausbildungsabschnitten besteht, der universitären fachwissenschaftlichen Ausbildung und dem Referendariat. Nach dem Abschließen des Studiums SOLLEN sie kein vollwertiger Lehrer sein, sondern Sie sollten erste Einblicke in die Fachwissenschaften gewonnen haben. Ein fertig ausgebildeter Lehrer sind Sie nach Beendigung des Referendariats – Sie durchlaufen also volle zwei Jahre praktische Ausbildung, bevor Sie überhaupt als „richtiger“ Lehrer arbeiten dürfen. Denken Sie, diese zwei Jahre praktische Arbeit bereiten Sie nicht ausreichend auf Ihren späteren Beruf vor?

    Zum zweiten Ausbildungsabschnitt kann ich nicht viel sagen, wohl aber zum Ersten: Sie beschweren sich, dass Sie in der Psychologie des Lehrens und Lernens wissenschaftlichen Grundlagenstoff vermittelt bekommen (siehe Ihren Abschnitt zur Schnecke bzw. zum Konditionieren) – Sie werden im ersten Ausbildungsabschnitt aber als Wissenschaftler ausgebildet, der sich notwendigerweise auch mit den Grundlagen seines Faches beschäftigen muss. Was Sie an dieser Stelle lernen, ist die Basis allen Lernens überhaupt -die Speicherung und Routinisierung von Information. Wollen Sie als Gymnasiallehrer nicht wissen, wie Wirbellose- und Säugetiere lernen? Genauso ist es in der Germanistik: Warum wollen Sie allen Stoff so, dass er explizit für den Unterricht aufbereitet werden kann? Sie werden dazu ausgebildet, dass Sie die teilweise komplexen Forschungsfelder Ihrer Fachwissenschaft überhaupt nur ansatzweise verstehen können. Was bringt es, wenn Sie perfekt im Vermitteln von Stoff sind, wenn Sie keinen Stoff haben, den es zu vermitteln gäbe?

    Besonders im Bereich des Gymnasiallehramtes bin ich ziemlich verwundert, wenn die Studierenden sich einerseits beschweren, dass sie von den B.A-Hauptfach und M.A.-Hauptfachstudierenden als Studierende zweiter Klasse behandelt werden, sie jedoch andererseits ständig direkten Unterrichtsbezug, am Besten bereits fertige Materialien, einfordern. Mich erinnert das Ganze an einen Biologielehrer, den ich selber hatte, aber auch an meinen eigenen Deutschunterricht: Beide Lehrer waren zwar didaktisch in Ordnung, aber sie waren nicht in der Lage, die Forschungstrends ihres Faches zu identifizieren oder auch nur einigermaßen aktuelle Forschungsarbeiten zu verstehen. Das Resultat ist nicht verwunderlich: An der Schule wird häufig Stoff vermittelt, der in der Wissenschaft teilweise seit Jahrzenten wieder ad acta gelegt wurde. An den Schulen wird Deutschunterricht gehalten von Lehrern, die bestenfalls im Bereich der Generativen Grammatik stehen geblieben sind und deren Kenntnisse schlechtestenfalls den aktuellen Forschungsgegenständen Jahrhunderte (es wird an Schulen Grammatik vermittelt, die in der Form aus dem 18. Jh. stammt oder noch älter ist) hinterherhinken.

    Die Lücke zwischen dem Fach, welches Sie an der Schule unterrichten wollen und dem, was dem aktuellen Stand des Fachbereiches tatsächlich betrifft, wird von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer größer. Im Grunde kann ein Schüler all sein Wissen in der Germanistik nach Abschluss der Schule vollständig auf den Müll schmeißen. Sie beginnen wieder bei 0, weil das, was der Lehrer in der Oberstufe vermittelt, einfach nicht mehr mit dem Kompatibel ist, was wir lehren.

  • #10

    Annika Gröhl(Mittwoch, 04 Januar 2017 16:46)

    Mir erschließt sich nicht, wie ein junger Mensch einen Beruf, den er wahrscheinlich 40 Jahre ausüben muss, als „Verlegenheitsentscheidung“ auswählt. Weiterhin kann ich nicht fassen, dass es immer noch Menschen gibt, die den Unterschied zwischen einem Hochschulstudium und einer beruflichen Ausbildung nicht zu kennen scheinen. Wenn der „Praxisschock“ dann kommt, ist es leider meist zu spät. Außerdem ist eine Verbeamtung und ein sicheres Arbeitsverhältnis ja verlockend.

    Bitte, liebe Frau Rand, werden Sie keine Lehrerin. Denn ich möchte meine Kinder nicht von einem Verlegenheitsarbeiter unterrichtet wissen.

  • #9

    Marlies Lönnies-Walther(Mittwoch, 04 Januar 2017 16:37)

    Habe von 1973 bis 1976 in Wuppertal Lehramt für Deutsch und Geschichte/Pol. Bildung studiert und ähnliche Erfahrungen gemacht (also vor über 40 Jahren). Es ist erschreckend, wenn ich Ihren Bericht lese. Wir haben uns damals durch Basisgruppen und Wissenschaftskritik viel selbst beigebracht – der Schock kam trotzdem im Referendariat. Meine Kinder hatten in der Grundschulzeit wunderbare Lehrer/innen, denen es fast immer gelang die verschiedensten Kinder nach ihren Fähigkeiten zu fördern. Der Lehrer meines Enkels für die 8. Klasse dagegen ist engagiert, weiß viel und steht trotzdem kurz vor dem burnout. Schon vor 30 Jahren versuchten wir für Produktionsschulen wie in Dänemark zu werben oder aber auch von den Steiner-Schulen zu lernen. Ohne grundlegende Strukturreform auf allen Ebenen wird es wohl so bleiben. und für viele endet die Förderung nach der Grundschule bzw. mit der Abgrenzung und Peergroup-Bildung in der Pubertät.

  • #8

    Solala(Mittwoch, 04 Januar 2017 16:20)

    Als ich Ähnliches auf meinem Blog vor einigen Jahren geschrieben hatte, musste ich mich danach höheren Ortes rechtfertigen. Unterschwellig drohte man mir von entsprechend anderer Seite mit dem Anwalt. Ich hatte ebensowenig Namen genannt oder Personen identifizierbar gemacht, es ging nicht um die Uni, an der ich selbst studiert hatte. Es gefiel einfach nicht.
    Wenn ich das heute noch als Anekdote im Kollegenkreis oder unter Schulleitungsmitgliedern erzähle, ernte ich in der Regel Staunen zum Vorgang und zum Inhalt meiner Aussagen Achselzucken und Abwinken. Ich hatte öffentlich ausgesprochen, was allgemeiner Konsens ist.

    Ich wäre gespannt auf deine weiteren Erfahrungen.

  • #7

    Lehrer(Mittwoch, 04 Januar 2017 15:57)

    Neben viel Zustimmung zur praxisferne des Lehramtstudiums, trotzdem eine kritische Anmerkung zum Text: zu einem erziehungswissenschaftlichen Studium gehört natürlich auch viel Theoriewissen, z.B. im Bereich der Lerntheorien wie Behaviorismus, Kognitivismus etc.
    Lernpsychologie befasst sich eben nicht mit Mnemotechniken, sondern mit den Grundlagen des Lernens. Das Studium sollte dann aber in die Lage versetzen, auf diese Theorie eine fundierte reflektierte Praxis aufzubauen. Diesen Transfer haben die Dozenten offenbar verpasst. Klar sollte aber sein, dass ein Studium eben keine Berufsausbildung mit klaren Handlungsanweisungen darstellt, sondern auch eine theoretisches Gerüst geben soll. Viele Dinge, die ich in meinem Studium noch unnötig fand, werden für mich jetzt in meinem 10. Dienstjahr als Lehrer wieder aktuell, zum Beispiel auch Lerntheorie. Auch meinen Dozenten ist es leider nicht gelungen, die notwendigen wissenschaftlichen Grundlagen mit Praxisbeispielen zu verknüpfen.

    Der etwas süffisanten Ton ist wohl auch dem Frust geschuldet, dass das Studium offensichtlich keinerlei Praxisbezug hatte. Dennoch meine Bitte: Lege deine theoretischen Kenntnisse nach dem Studium nicht völlig beiseite. Lehrer sollten ja „reflektierte Praktiker“ sein. Zu dieser Reflexion bedarf es pädagogisches und psychologisches Wissen.

  • #6

    ?(Mittwoch, 04 Januar 2017 13:55)

    Wer tut mir jetzt mehr leid: die jungen lehrer oder die schüler die ihnen ausgeliefert sind?

  • #5

    Ein Lehrer(Mittwoch, 04 Januar 2017 13:02)

    …Musste beim Lesen in der Bahn wirklich laut lachen. Hat sich anscheinend nichts geändert, seit ich vor 20 Jahren studiert habe.

  • #4

    unfassbar(Mittwoch, 04 Januar 2017 12:08)

    die pappmaske macht mich sprachlos. und erst heute ist bei spiegel und taz wieder thema warum inklusion nicht funktioniert. kein wunder wenn ich das hier lese

  • #3

    R.(Mittwoch, 04 Januar 2017 09:50)

    Jetzt wundern mich die Berichte meiner Kinder über manche Lehrer überhaupt nicht mehr…

  • #2

    123(Mittwoch, 04 Januar 2017 01:44)

    Klingt als hätten wir die gleiche Uni besucht… Darf ich fragen wo du studiert hast?

  • #1

    Civil(Mittwoch, 04 Januar 2017 01:18)

    Hahahaha! Wenn du das mit den Würstchen in der schule probiert hast sag bescheid wie es gelaufen ist! 😀

Eine Antwort auf „Die Leere in der Lehre“

  1. Vorab: Auch ich begann ein Lehrerstudium in Deutschland als „Verlegenheitslösung“. Obwohl ich Larissas Entscheidung mehr als nur gut verstehen kann, blieb ich in dem Beruf. Ich hatte aber, anders als Larissa, das Glück, in einer Zeit zu studieren, da wenigstens an den Pädogischen Hochschulen eine neue Zeit begonnen hatte. In den siebziger Jahren wurde der Versuch gemacht, schon während des Studiums Theorie und Praxis im Studiengang zu integrieren. Der praxisbezogene Teil des Studiums war es, der mich motivierte, bei der Stange zu bleiben. Ich hatte auch das Glück, in einer Zeit zu studieren, die es erlaubte, mit meinem bevorzugten Pädagogikprofessor persönliche Streitgespräche zum Thema „Primat von Theorie oder Praxis“ zu führen, ohne um meine Noten zu fürchten. Im Gegenteil, es führte dazu, dass er mich höher benotete, als ich es verdient hätte.

    Im Folgenden möchte ich zu den Kommentaren von Markus Frank (LMU München)/Stefan N/Herrn Q und Sonja, die meint, dass es Patentrezepte nicht gibt (äußerst schwaches Argument, oder besser: faule Ausrede) Stellung nehmen. (Möge Markus Franz mir meine altmodische Satzstellung verzeihen.)

    Jetzt aber ohne großes Geschwafel. Was die Herren Frank, N und Q so dezidiert ausführen, habe ich seit meiner Oberstufenzeit als akademische Arroganz bezeichnet. Da sitzen Leute in ihren selbstgebastelten Elfenbeintürmen und haben das in Deutschland so schön gesicherte Beamtengehalt, das ihnen erlaubt, von oben herab akademisches, aber nicht Durchdachtes von sich zu geben.

    Ich hätte eigentlich von der Psychologin (#22) erwartet, dass sie auf einen bestimmten Punkt von Larissas Kritik eingeht. Seit der Zeit der Reformpädagogik von vor fast 100 Jahren ist bekannt, was es braucht, um Lernen an der Schule zu mehr als völlig schwachsinnigem Auswendiglernen zu machen. Ich gehe nicht davon aus, dass Bewohner der zahlreichen Elfenbeintürme mit der Geschichte der Pädagogik vertraut sind, aber neuere Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Lerntheorie unter spezieller Berücksichtigung der Neurologie (hab‘ ich das akademisch korrekt als Vorschlag für eine Examensarbeit formuliert, Herr Frank?), sollten ihnen bekannt sein, wenn sie ihre von steuerpflichtigen Mitbürgern bezahlten Gehälter vor sich und anderen rechtfertigen wollen.

    Eeh, Alter, vier Jahre Theorie und dann ins kalte Wasser geschubst wer’n und zwei Jahre im kalten Wasser entweder schwimmen oder untergehen, das bringt’s nich’. Und wenn dieser Jargon nich’ so gut ankommt, kann ich es auch akademisch formulieren. Sie, die Herren F, N und Q, machen Sie sich doch bitte mit den akademischen Forschungsergebnissen vertraut, die das Integrieren von Faktenwissen im Kurz-, Mittel- und Langzeitgedächtnis zum Thema haben, sowie deren Auswirkugen auf die Handlungsfähigkeit der Individuen, bei denen die Integration von Wissen nicht in ein praxisbezogenes Konzept eingefügt wird.

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