Das große Fressen

Der steinige Weg aus der Magersucht

In Fachliteratur zum Thema Magersucht heißt es oft, der Ausstieg aus der Essstörung erfolge im Gegensatz zum Einstieg bewusst. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber bei mir war das etwas anders. Es kommt mir so vor, als habe die Krankheit mich aufgegeben und nicht ich sie. Die Magersucht hat ihre „Funktion“ verloren und mich verlassen – sie versucht es zumindest.

Irgendwann war es mir einfach nicht mehr möglich, meine gewohnten, verrückten Strategien und Ernährungspläne ein- und durchzuhalten. Ich war am Ende meiner Kräfte. Die Selbstkasteiung, die ich mir verordnet hatte, war nicht mehr zu ertragen. Ich empfand diese Tatsache nie als Zeichen der Schwäche, was mich selbst hin und wieder wundert. Denn eine Magersucht „durchzuziehen“ erfordert sehr viel Stärke, Disziplin und vor allem: Kontrolle.

Kontrolle ist wohl für die meisten, die an dieser Krankheit leiden, das zentrale Thema. Der unbedingte Wunsch, das eigene Leben im wahrsten Sinne des Wortes unter Kontrolle zu bringen, öffnet der Magersucht Tür und Tor. Denn wir alle wissen: Das Leben steckt voller Überraschungen und bei weitem nicht alle davon sind freudiger Natur. Bei mir begann die ganze Scheiße, als 2014 zuerst mein Vater an Krebs verstarb und sich sechs Wochen später meine Mutter das Leben nahm.

Und hier gebe ich all den schlauen Büchern Recht: Ich kann weder sagen wann noch in welcher Form die zwanghafte Kalorienreduktion ihren unrühmlichen Anfang nahm. Als ich mich selbst dabei ertappte, wie ich für einen gewöhnlichen Einkauf sage und schreibe eineinhalb Stunden im Supermarkt zugebracht habe, weil ich die Nährwertangaben nahezu aller feilgebotenen Waren studierte, als wollte ich mich damit bei „Wetten dass…“ bewerben, war es bereits zu spät. Die „Macke“ hatte sich manifestiert. Ich verlor Kilo um Kilo und dachte mir, tatsächlich, zunächst erst einmal gar nichts dabei – ich tat es einfach und war auf eine perfide Art happy darüber, obwohl ich schon vor dem Auftreten der Krankheit nur Kleidergröße 34/36 trug und nun wirklich ALLES nötiger hatte als eine Gewichtsreduktion.

Jetzt könnte man (tiefen-)psychologisch die Beweggründe untersuchen, die mich in die Magersucht geführt haben, obgleich bei meiner Familiengeschichte wohl kein Doktortitel von Nöten ist, um hierfür irgendeine Erklärung zu finden. Doch darum soll es in diesem Beitrag nicht gehen. Vielmehr möchte ich mich einem Thema widmen, dass – so zumindest mein persönliches Empfinden – fast noch unangenehmer ist als die Magersucht an sich und worüber öffentlich kaum geredet wird: Nämlich dem, was passiert, wenn man die Krankheit endlich hinter sich lassen möchte. Also aufgepasst, liebe Mitstreiter/innen, deren Angehörige und Freunde:

Zunächst ging es meinem Tiefkühler an den Kragen. Mir wurde schon übel, wenn ich nur an die etlichen Tüten Wokgemüse (17kcal á 100g) dachte, die sich darin befanden. In meinen „Hochzeiten“ hatte ich aus diesem vor Verzehr wie das Aschenputtel auch noch die Erbsen aussortiert, weil diese in meinen Augen zu viele Kohlenhydrate enthielten. Die TK-Beutel wanderten ebenso in den Abfall wie der 0,1%-Joghurt, den ich mir hin und wieder mit Flüssig-Süßstoff und Zimt „gegönnt“ hatte. Zimt: Die Schokolade der Magersüchtigen – ihr wisst, wovon ich rede. Ich schwor mir, ab sofort das Kalorienzählen bleiben zu lassen und mich einfach wieder ganz „normal“ zu ernähren.

In dieser (sehr, sehr kurzen) Phase erlebte ich geradezu ein High. Ich war voller guter Vorsätze und unbedingt gewillt, endlich wieder ein selbstbestimmtes Leben zu führen, in dem sich nicht alles, wirklich ALLES, ums Thema Essen drehte. Ich mottete meine Waage im Keller ein und ging etwas essen. Gebratener Tofu (Öl!) mit Gemüse, Erdnusssauce (mehr Kalorien als Schokolade!) und Reis (Kohlenhydrate!). Ich aß die ganze Portion und löffelte sogar die Sauce komplett auf. Nachtisch (!): Russischer Zupfkuchen (Fett! Zucker!). Zu diesem Zeitpunkt wog ich etwa 40 Kg bei einer Größe von 165 cm.

(Bilder von mir aus dem Sommer 2016)

Natürlich hatte ich beim Essen doch überschlagen, wie viele Kalorien ich zu mir genommen hatte. Das tue ich heute noch und ich werde Tränen der Erleichterung weinen, wenn dieser Automatismus irgendwann, hoffentlich, verloren geht. Stolz wie Bolle verließ ich das Bistro und legte bei Nahkauf Brot, Käse, Eier, Bananen und Zuckerrübensirup auf das Band. Ungläubig beobachtete ich, wie die Kassiererin die Waren teilnahmslos über den Scanner zog und mir den Endbetrag nannte – bemerkte sie gar nicht, wie großartig verwegen, wie hedonistisch dieser Einkauf war? Ich trug meine Schätze heim, freute mich auf mein neues, altes Leben und machte mir zum Abendbrot Käsestullen und Spiegelei. Täglich nahm ich nun gut gelaunt etwa 2000 kcal zu mir. Das ging ungefähr eine Woche lang gut. Dann brach die Hölle über mich herein:

Ich setzte mich guter Dinge zum Frühstück an den Tisch und belegte mir ein Brot. Nachdem ich es gegessen hatte, verspürte ich noch immer Hunger. Ich aß ein Weiteres. Dann eine Banane. Ich fühlte, dass mein Magen mittlerweile gut gefüllt war, aber da war noch immer dieses Hungergefühl. Und hier spreche ich nicht von Appetit – das Hungergefühl war derart mächtig, ja geradezu aggressiv, dass mir die Adern an den Unterarmen hervortraten:

(hervortretende Adern vor/während einer Essattacke)

Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen außer: ‚Essen! Sofort!‘ Gern hätte ich mich nun mit einem Apfel begnügt, aber stattdessen griff ich quasi ferngesteuert zu dem Glas Zuckerrübensirup. Vier Zuckerbrote später fand ich mich vollkommen überfressen und ratlos an meinem Küchentisch wieder. Was war hier los? Ich war total K.O. und musste mich erst einmal auf die Couch legen und von dem Gelage erholen. Ich döste ein und kam etwa eine Stunde später zu mir, stand auf und: hatte Hunger. Das durfte doch nicht wahr sein! Vor meinem geistigen Auge ploppten wie in Sprechblasen Bilder von Streuselschnecken, gefülltem Bienenstich und Schokolade auf. War ich jetzt verrückt geworden?!

Mit aller Kraft widerstand ich diesem meiner Meinung nach absolut „unvernünftigen“ Hungergefühl und versuchte ihn mit Kaffee und Kippe zu überlisten. Ich hatte bereits einen Großteil meiner 2000 kcal zum Frühstück verdrückt – wenn ich jetzt schon wieder etwas aß, musste ich den Rest des Tages fasten (…was einem eine Essstörung halt so weismachen will). Ich versuchte mich abzulenken, wusch Wäsche, staubsaugte und zog mir schließlich meine Jacke über, um einen Spaziergang zu machen. Ich kam an einer Bäckerei vorbei und irgendetwas in mir kaufte eine Streuselschnecke. Ich atmete sie noch im Gehen förmlich ein, obwohl ich mir vorgenommen hatte, diese zumindest in Ruhe zu Hause vor dem Fernseher zu genießen, wenn mich schon dieser ominöse Drang nach der Kalorienbombe überfiel. Ich ging in den Supermarkt und kaufte 0,1%-Joghurt, damit ich zum Abendessen überhaupt noch etwas essen „durfte“ (…was einem eine Essstörung halt so weismachen will). Als mich zu Hause beinahe umgehend erneut der Hunger heimsuchte, langte ich aber stattdessen erneut ins Brotregal. Eine Scheibe jagte die nächste, bis die Tüte leer war. Ich saß über meinem leeren Teller und heulte.

Die nächsten Tage verliefen ähnlich. Ich berichtete meinem Psychotherapeuten davon. Er blieb – wie eigentlich immer – cool und brachte mich damit fast zur Weißglut. Ich war mir mittlerweile überzeugt, von der Magersucht in die Esssucht gerutscht zu sein. Symptomverschiebung eben. Mein Therapeut sagte mir, dass sich die extreme Kontrolle, die ich zuvor fast zwei Jahre lang praktiziert habe, nun ins Gegenteil verkehrt habe und sich mein Essverhalten mit der Zeit wieder „einpendeln“ würde. Ich solle das aushalten und keinesfalls restriktive Gegenmaßnahmen wie das Auslassen von Mahlzeiten oder exzessiven Sport ergreifen. Ich vertraue meinem Therapeuten blind und beschloss, mich auf dieses „Experiment“ einzulassen. Dennoch: Seine Antwort genügte mir nicht. Ich fühlte mich in meinen Essattacken fremdgesteuert, konnte ihnen nichts entgegensetzen und litt immens darunter, all die „verbotenen“ (…was einem eine Essstörung halt so weismachen will) Lebensmittel plötzlich sprichwörtlich in mich hineinstopfen zu müssen.

Ich googelte und stieß auf unzählige Diskussionsforen, in denen andere „Aussteiger“ ebenfalls von Essanfällen berichteten, denen sie sich ohnmächtig ausgeliefert sahen. Alle waren mit den Nerven am Ende und die Antworten auf ihre Hilferufe waren genauso hilfreich, wie sie auf solchen Portalen fast immer sind: „Such dir mal ne Therapie“, „Iss doch einfach, wenn du untergewichtig bist“, „Was für ein first world problem“…

In einigen Beiträgen erzählten Betroffene, dass die Anfälle nach einiger Zeit wieder verschwanden. In einem anderen aber, der mir bis heute wie Scheiße am Schuh im Kopf hängen geblieben ist, stand, dass die Autorin an diesen Attacken nun seit eineinhalb Jahren leide, sie mittlerweile 30 Kg Übergewicht hat und mit dem Gedanken spielt, sich das Leben zu nehmen. Kann ich nachvollziehen, wirklich. Ich hockte vorm PC, heulte und aß tafelweise Schokolade, ohne sie genießen zu können. Nahm ich Salat oder irgendein Gemüsegericht zu mir, schien es förmlich durch mich hindurchzufallen – und mein Körper schrie sofort wieder nach allem, was Fett und Zucker enthielt. Ich hatte die Kontrolle verloren.

Nach einem besonders heftigen Anfall zitterte ich vor Verzweiflung und Überzuckerung. Es war unerträglich und ich ging ins Bad, hockte mich über die Kloschüssel und steckte mir den Finger in den Hals. Glücklicherweise – und das meine ich ernst – habe ich irgendeinen Defekt von meiner Mutter geerbt und kann mich nicht übergeben. Ich hatte mal einen Magen-Darm-Infekt und mir sind beim Kotzen die Äderchen im Gesicht geplatzt. Ich sah tagelang aus wie einem Horrorfilm entsprungen. Selbstinduziertes Erbrechen ist mir schlicht und ergreifend unmöglich und das ist ein Segen, denn mittlerweile weiß ich, dass viele Magersüchtige, die der Krankheit den Kampf ansagen, bei Auftreten der Fressanfälle in die Bulimie und somit in einen Teufelskreis rutschen, der die Magersucht im Vergleich dazu wie eine leichte Aufwärmübung erscheinen lässt.

Eine Bekannte, der eben dies passiert ist, erzählte mir, dass die Fressattacke einfach nicht aufhört, wenn man die Nahrung wieder herauswürgt. Das führt dazu, dass sich die bemitleidenswerten Betroffenen mit einem Beutel voller Lebensmittel neben der Toilette positionieren und abwechselnd essen und erbrechen, essen und erbrechen. In ihren schlimmsten Zeiten sah sich meine Bekannte dieser Tortur bis zu 12 Stunden am Stück lang ausgeliefert.

Also bitte, bitte: Macht einen großen Bogen um die Kloschüssel und lügt euch auch nicht in die eigene Tasche, indem ihr euch sagt, ihr tätet es „nur dies eine Mal“ oder so ähnlich!

Die gesamten Herbstferien lang hielt ich noch durch. Mittlerweile lagen vier Wochen fressen und heulen, fressen und heulen hinter mir. An Verabredungen mit Freunden oder andere Freizeitaktivitäten war nicht zu denken. Täglich machte ich gut und gerne 5000 kcal platt und litt psychisch und physisch (mein Verdauungsapparat war absolut überfordert) Höllenqualen. Das Gefühl des absoluten Kontrollverlusts empfand ich mittlerweile als derart frappierend, dass Suizid für mich ernsthaft als Ausweg in Betracht kam.

Nun neigten sich die Ferien dem Ende entgegen und ich sollte als Referendarin gleich am ersten Schultag eine Lehrprobe absolvieren. Unter Auferbietung aller mir verbliebenen Kräfte brachte ich diese mit strahlendem Gesicht hinter mich – um am Nachmittag mitten in der Lehrerkonferenz in Tränen auszubrechen. Ich war fertig mit den Nerven, konnte die Anfälle nicht mehr ertragen und steuerte, wie viele in dieser Phase, umgehend wieder in die entgegengesetzte Richtung: Wieder Wok-Gemüse im Tiefkühler, tägliche strenge Jogging-Einheiten und generell Bewegung, wann immer sich die Gelegenheit dazu bot. Die Anfälle wurden weniger.

Jetzt weinte ich, weil ich wieder dort angelangt war, von wo ich auszubrechen versucht hatte. Auf Druck von Freunden ließ ich mich in der folgenden Woche krankschreiben und heulte nun zusätzlich, weil ich mich als Versagerin fühlte. Ich wälzte Fachliteratur und Websites, bis mir die Buchstaben vor den Augen verschwammen und fand keine Hilfe.

Ich finde es bemerkenswert, dass die allermeisten „professionellen“ deutschen Internetseiten dieses Phänomen bestenfalls verklausuliert behandeln. Auf der Homepage einer Praxis, die sich auf Essstörungen spezialisiert hat, heißt es: „Wenn Magersüchtige an Gewicht zunehmen, reagieren sie fast regelmäßig mit einer Depression. (…) Die somatisch-positiven Veränderungen erleben sie als Zeichen eines absoluten Kontrollverlustes.“ Erst hinterher erkenne ich die Unstimmigkeit in diesem letzten Satz. Wenn die „somatisch-positive Veränderung“, also die Gewichtszunahme, kontrolliert und freiwillig stattgefunden hat, warum sollte sich dann das Gefühl des „absoluten Kontrollverlustes“ einstellen? Steht hier eventuell etwas zwischen den Zeilen?!

Bald gab es keine Seiten und keine Foren im deutschsprachigen Raum mehr, die ich nicht auswendig zitieren konnte.

Ich studierte nun amerikanische Homepages und stieß auf letsrecover.tumblr.com. Unten auf der Seite findet sich eine Liste mit 12 Artikeln, unter anderem vom Eating Disorder Institute, die sich mit den „Ausstiegsproblemen“ aus einer Essstörung befassen. Der zweite Artikel sprang mir sofort ins Auge. Überschrift: „extreme hunger“. Die Abhandlung beschreibt, wie es zu diesem Phänomen kommt. Das zunächst freiwillige Erhöhen der täglichen Kalorienzufuhr ist für deinen Körper wie eine Art Weckruf. Die Hungersnot ist vorbei und er bemüht sich, so schnell wie möglich Reserven anzulegen, falls erneut eine Hungerphase auftreten sollte. Dein Körper hat das Vertrauen darin verloren, dass du ihn täglich mit einer ausreichenden Menge an Energie versorgst. Im Folgenden werde ich näher darauf eingehen.

In den 40er Jahren, als das Wort Ethik in Zusammenhang mit medizinischen Experimenten noch keine Rolle spielte, gab es eine Studie zu diesem Thema. Die Minnesota Starvation Study (auch dazu bietet die Website einen ausführlichen Artikel) setzte 120 kräftige, gesunde Männer in einem Laborexperiment auf Radikaldiät. Nach wenigen Wochen gab es nur noch ein Gesprächsthema unter den Kerlen, die sich zuvor nie an den heimischen Herd gestellt hatten: Essen. Sie tauschten Rezepte aus und fantasierten über ihre Lieblingsgerichte. Mit der Zeit entwickelten sie ein buntes Potpourri an Verhaltensauffälligkeiten, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte, denn das Wichtigste ist: Nachdem das Experiment beendet wurde, startete bei allen von ihnen: Das große Fressen. Sie aßen und aßen und fühlten sich dennoch nie richtig satt. Als die Probanden fünf Monate nach Ende der Studie erneut untersucht wurden, hatte sich beim allergrößten Teil der Versuchsgruppe das Essverhalten wieder normalisiert.

(Teilnehmer der Minnesota Starvation Study. Quelle: http://letsrecover.tumblr.com/post/93484939160/the-minnesota-starvaton-study-you-are-still-not)

Auch hier treibt mir die Tatsache, dass einige der Männer weiterhin kalorientechnisch über ihrem Bedarf aßen, natürlich den Angstschweiß auf die Stirn. Dennoch: Diese Anfälle sind eine normale, körperliche Reaktion auf die Scheiße, die wir mit ihm angestellt haben. Das ist der Preis, den wir bezahlen müssen. Wir müssen sein Vertrauen zurückgewinnen. Deshalb ist es wichtig, dass wir auch nach einer noch so schlimmen Attacke keine Mahlzeiten auslassen. Wir müssen dem Körper beweisen, dass das Nahrungsangebot von Dauer ist und solche Fressorgien nicht notwendig sind. Nur dann werden die Anfälle aufhören.

Wenn ihr selbst von einer Essstörung betroffen seid, werden euch diese Erklärungen nicht ausreichen. Die Begründung für das Auftreten der Essattacken, die, euphemistisch ausgedrückt, wirklich ein „einzigartiges Erlebnis“ sind, scheint schlicht zu simpel. Und die offenkundige Notwendigkeit, dem unkontrollierten und unkontrollierbaren Essen seinen freien Lauf zu lassen hat mich beinahe zu Tode geängstigt. Also habe ich mich weiter belesen und im Folgenden ein paar physiologische Fakten zusammengetragen, die mir und euch hoffentlich dabei helfen einzusehen, dass die Fressanfälle wirklich keine „Kopfsache“ oder Anzeichen für den Eintritt ins Binge Eating sind:

Das Hormon Leptin, das unter anderem für das Eintreten des Sättigungsgefühls zuständig ist, ist bei vielen Magersüchtigen bzw. Personen mit einer restriktiven Essstörung nicht in ausreichendem Maß vorhanden. Die Folge: Extremer Hunger (Fachausdruck: Hyperphagie). Steigt der Körperfettanteil, wird Leptin mit der Zeit wieder vermehrt produziert und wir dürfen uns irgendwann auch wieder satt fühlen. Ebenso spielt das appetitanregende Hormon Ghrelin eine Rolle: Es reguliert die Nahrungsaufnahme und wird in Hungerphasen von der Magenschleimhaut und der Bauchspeicheldrüse vermehrt ausgeschüttet. Die logische Folge auch hier: Extremer Hunger. Wird dem Körper über einen gewissen Zeitraum hinweg signalisiert, dass die Hungerperiode vorbei ist, wird die Produktion des Hormons zurückgefahren und wir brauchen keine Familienpizza mehr für uns allein. Gute Nachrichten, oder?

Eine „schlechte“ habe ich allerdings auch noch – ich möchte hier wirklich nichts verschweigen: Die Minnesota Staration Study und die etlichen Erfahrungsberichte, die ich gelesen habe, zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass wir in Bezug auf unser Körpergewicht erst einmal „über uns hinauswachsen“. PANIK, ich weiß…Geht mir genauso.
Aber auch hier gilt: Dieser unschöne Umstand hat nichts damit zu tun, dass wir uns nicht „zusammenreißen“ können. Der unbändige Hunger in der Phase der Gewichtszunahme hängt mit Signalmechanismen bezüglich der Produktion von Fettmasse und fettfreier Masse (z.B. Muskeln und Knochen) zusammen. Fettmasse wird VOR fettfreier Masse aufgebaut. Die „Restaurierung“ der fettfreien Masse findet also erst statt, nachdem unsere Fettzellen gefüllt sind. So kommt es zu einem temporären Gewichtsüberschuss.

Wir werden also auch dann noch Heißhunger haben, wenn wir unser Zielgewicht erreicht haben. Schöne Scheiße. Ich habe lange nach verlässlichen Daten darüber gesucht, wie lange man sich mit dem neuen Hüftspeck herumzuschlagen hat, muss euch und mich aber diesbezüglich leider enttäuschen. Nach allem, was ich gelesen habe, scheint mir aber ein Zeitraum von fünf bis acht Monaten durchaus realistisch. Danach pendeln sich dieses verdammte Hungergefühl und somit auch das Körpergewicht wieder ein und der Spuk ist vorbei.

Es kann sein, dass euch diese Fakten nicht genügen, um euch von dem nachvollziehbarer Weise auftretenden Gedanken, ihr könntet dennoch an einer Binge Eating Störung leiden, zu befreien. Jede/r, der in dieser Phase des Heilungsprozesses den Begriff „Binge Eating“ gegoogelt hat, muss unweigerlich zu diesem Ergebnis kommen. Alle Symptome treffen zu: Wir essen unkontrolliert, außerordentlich viel, in außerordentlich kurzer Zeit, aus Scham am liebsten allein und fühlen uns hinterher deprimiert und schuldig. Das Problem mit dem Binge Eating ist, dass dieses in Deutschland nicht als eigenständige Krankheit anerkannt wird. Es gibt keinen Diagnoseschlüssel. Binge Eating wird lediglich unter den „nicht näher bezeichneten Essstörungen“ (F 50.9) aufgelistet. Das führt zu, je nach Quelle, unterschiedlichen Definitionen und somit auch dazu, dass der Begriff nicht klar abgegrenzt wird. Die Amerikaner sind uns hier (mindestens) einen Schritt voraus: Unter DSM-5 werden die Symptome für diese Essstörung definiert – und zwar mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass die genannten Diagnosekriterien NICHT auf Personen anzuwenden sind, die sich von den Krankheiten Anorexia Nervosa, Bulimia Nervosa oder anderen restriktiven Essstörungen erholen.

Am Ende des Artikels findet ihr eine Liste mit Websites, denen ich diese Informationen unter anderem entnommen habe und solchen, die mir auf Grund der dort zu findenden Erfahrungsberichte geholfen haben, nicht wahnsinnig zu werden.

Ich habe eine Entscheidung getroffen: Ich werde nicht unglücklich bleiben, nur weil es einfacher ist. Denn irgendwann ist es tatsächlich leichter, mit der Krankheit zu leben als den beschwerlichen Weg zur Genesung anzutreten. So habe ich vor einigen Wochen erneut das „Experiment“ gestartet. Wieder trat wenige Tage, nachdem ich die Kehrtwende in Richtung erhöhter Kalorienzufuhr gemacht hatte, der Heißhunger auf. Ich will ehrlich bleiben: Die Magersucht ist ein Spaziergang im Gegensatz zu dem, was ich hier erlebe. Jeden Tag schiebe ich, trotz allem was ich nun weiß, die böse, kleine Stimme beiseite, die mir einreden möchte, dass ich nun ein Leben als Binge-Eater führen muss oder dass es sich bei meinen Anfällen um emotionales Essen handelt. Schon einmal habe ich auf eine böse, kleine Stimme gehört: Die hat mir damals gesagt, ich dürfe nicht mehr als 1200 kcal am Tag zu mir nehmen und müsse außerdem jede Menge Sport treiben, um unbedingt ins Energiedefizit zu gelangen. Ich war nicht gut damit beraten, ihr zu glauben und diesen Fehler mache ich kein zweites Mal…Gut, das mit dem gesunden Maßhalten beim Sport hab ich noch nicht drauf – aber wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.

Mittlerweile überkommen mich die Anfälle nicht mehr bei jeder Mahlzeit und ich kann sogar schon ein paar anfallfreie TAGE verbuchen. Ich esse und heule und esse und heule. Mal mehr, mal weniger.

Vor ein paar Tagen habe ich eine mehrstündige Unterhaltung mit einem Freund geführt und hinterher verblüfft festgestellt, dass ich während der gesamten Zeit nicht an Essen gedacht habe. Das hat es seit zwei Jahren nicht gegeben.

Ich wiege derzeit 49 Kg, mein Körper fühlt sich fremd an und ich habe Schwierigkeiten damit, mich im Spiegel anzuschauen. Die Veränderungen in meinem Kopf kommen denen meines Körpers nicht schnell genug hinterher – obwohl ich es nie „schön“ fand, dass ich aussah wie ein Skelett auf zwei Beinen…

Aber: Ich habe nicht mehr das Gefühl, dass mein Herzschlag sich plötzlich verlangsamt und ich befürchten muss, dass es seinen Dienst versagt. Ich friere nicht mehr ständig. Nachts wache ich nicht vor Schmerzen auf, wenn die knorrigen Knie aufeinander liegen. In der U-Bahn werde ich nicht mehr angestarrt. Vor ein paar Tagen wurde ich das erste Mal nach langer, langer Zeit auf der Straße wieder von einem Mann angelächelt. So falsch kann der Weg also nicht sein, auf dem ich mich befinde.

Und eines möchte ich noch an alle Angehörigen und Freunde von Betroffenen loswerden, obwohl ihr es euch nun vielleicht schon denken könnt: Wenn ihr seht, dass „eine/r von uns“ an Gewicht zulegt, sagt nicht: „Schön, dass es dir besser geht.“ Das tut es nämlich häufig ganz und gar nicht. Wir fühlen uns im Zweifelsfall kränker als je zuvor und haben eure Hilfe gerade dann dringend nötig. So schnell ist die Sache, im wahrsten Sinne des Wortes, nicht gegessen.

Nachtrag – April 2017:

Unglaublich, aber wahr: Ich habe es mir zwar nicht vorstellen können, aber das große Fressen hat tatsächlich ein Ende gefunden. Nach zunehmend abnehmender Frequenz bin ich nun seit mehr als einem Monat komplett „anfallfrei“ und wage es nun langsam, dem Frieden zu trauen.

Traut euch, durchzuhalten!

Und um weiterhin so ehrlich zu bleiben, wie ich es auch bisher war, muss ich aus persönlicher Erfahrung heraus noch eine Warnung absetzen: Wenn die unfreiwillige Völlerei vorüber ist, ist die Versuchung hoch, wieder in „alte Muster“ zu verfallen – der innere Drang, sich selbst durch anorektische Verhaltensweisen seiner wiedergewonnenen Autonomie zu versichern, ist stark.

Ich habe dadurch bereits wieder zwei Kilo verloren und nun meine liebe Müh, mir diese (dringend notwendigen!) wieder zurück zu erkämpfen. Wir müssen also auch weiterhin wachsam bleiben und dürfen uns keinesfalls in die eigene Tasche lügen…

PS: Am 15. September 2017 wird das Buch „FRISS ODER STIRB“ von mir zu dem Thema erscheinen. Zynisch, ungefiltert, ungeschönt – so, wie die Scheiße eben behandelt werden muss. Es kann schon jetzt vorbestellt werden. mehr Infos darüber und eine Leseprobe findet ihr auf der Hauptseite.

Und hier noch die versprochenen Links gegen den Wahnsinn:

http://letsrecover.tumblr.com/

https://www.psychologytoday.com/blog/hunger-artist/201402/recovering-anorexia-how-and-why-not-stop-halfway

https://everythingedrecovery.com/tag/extreme-hunger/

http://everythingeatingdisordered.tumblr.com/post/75096643327/extreme-hunger-in-recovery-from-a-restrictive

http://www.lifewithoutanorexia.com/2013/12/extreme-hunger.html

https://www.quora.com/Anorexia-recovery-what-causes-extreme-hunger

https://beautybeyondbones.com/2015/05/28/the-truth-about-exercise-in-recovery/


Durch die Migration meines Blogs von Jimdo zu WordPress konnte ich die Kommentare nicht importieren. Damit diese nicht verloren gehen, habe ich die alten Kommentare via copy-und-paste als reinen Text in den Artikel übernommen:


  • Maria(Dienstag, 16 Mai 2017 10:56)

    Liebe Larissa,

    ich bin über einen ganz anderen Kontext auf Deine Seite und nun auf diesen Artikel gestoßen – und beeindruckt, wie offen Du über diese Phase einer Essstörung schreibst. Ich stand selbst vor 16 Jahren an derselben Stelle und habe den „langen“ Weg über die Bulimie genommen… kein Zuckerschlecken, aber gottseidank auch keine Endlosschleife (seit fast 10 Jahren bin ich komplett drüber hinweg, zähle keine Kalorien mehr und esse gut & gern, ohne übergewichtig geworden zu sein). Mir gefällt besonders, dass Du nicht nur die eigene Sicht schilderst, sondern auch Studien mit Quellenangabe zitierst, sodass Betroffene sowie Angehörige auch nochmal selbst dort nachlesen können. Hätte mir damals unheimlich geholfen, da es online zwar Foren, aber kaum gesicherte Fakten zum Spektrum der Essstörung gab.

    Ich drück Dir die Daumen, dass Du mit Deinem Buch gut vorankommst und werde hoffentlich im Herbst mal daran denken, reinzulesen und es ggf. weiterzuempfehlen.

    Alles Gute!

  • #56

    Cansu(Montag, 15 Mai 2017 22:01)

    Liebe Larissa,
    ich war immer schon von Dir begeistert. Auch wenn du über schwierige Themen geredet hast, bist du immer bei der Wahrheit geblieben, hattest nie Angst vor bösem Blut womit wir beim Stichwort Pradajacke mit Pelzbesatz wären. Und ich muss sagen, dass ich mich nach deinem Vortrag schlau gemacht und danach nicht mehr schwach geworden bin, egal wie schön das Kleidungsstück auch aussah. Ich habe auch versucht andere “ Pelzträger“ davon zu überzeugen, dass es grausam ist diese Industrie zu fördern, aber keiner hatte ein Einsehen. Wahrscheinlich, weil ich nicht mit der selben Vehemenz und Leidenschaft wie du argumentiert habe. Und das macht dich aus. Deine Worte lassen einen nicht los. Meine Begeisterung für dich als Person bleibt bestehen und wird durch diesen Artikel gesteigert.
    Ich habe ihn mit besonderem Interesse gelesen, weil ich ähnliche Erfahrungen während des Studiums gemacht habe. Auch bei mir haben die Lebensumstände dazu geführt. Erst mein jetziger Ehemann hat mich mit seiner platten Argumentation z.B:“ Wie kannst du nur so viel Energie darauf verschwenden, dir so viele Gedanken übers Essen zu machen? “ da herausgeholt. Ich habe Beachvolleyball gespielt, Salsa getanzt und hatte jeden Tag Workouts. Mein Kühlschrank war entweder komplett leer, oder voller Gemüse ( weil Obst zu viele Kalorien hat). Mein Vater hat mal für mich eingekauft und es tat mir um das Geld leid, das er für mich ausgegeben hatte, weil ich nichts davon essen konnte. Denn die Wahrheit war, dass ich ein perfides Hochgefühl hatte, wenn ich Bilder von mir sah, auf denen meine Knochen sichtbar waren und doch gab es so viele Baustellen. Irgendwann wollte ich aber nicht mehr nur leben, um dünn zu sein, weil es keinen Spaß macht. Ich glaube nicht, dass man ganz “ genesen “ kann. Der Rückfall ist zu verführerisch. Man kennt seinen Körper und weiß, wie man schnell viel abnimmt und “ am Ball bleibt“.Man muss sich also immer wieder dagegen entscheiden. Und weiter kämpfen. Das ist leichter gesagt als getan.
    Aus diesem Grund: Vielen Dank!
    Denn viel zu wenige Menschen reden gerne über dieses Thema. Dabei ist es unglaublich wichtig, sich auszutauschen, denn ich glaube, dass es viel schwieriger ist andere zu belügen, als sich selbst vorzumachen, wann wäre gesund.

  • #55

    Amelie(Montag, 15 Mai 2017 21:42)

    Vielen, vielen Dank für deinen Artikel!! Ich bin mir ziemlich sicher, dass nicht nur ich, sondern sich viele andere darin wiederfinden! Das Thema ‚Danach‘ wird immer unter den Tisch gekehrt, obwohl es, meiner Meinung nach, die schwierigste, deprimierendste Phase in der ganzen ES ist.

    Ich wünsche euch allen viel Kraft in ein gesundes & glückliches Leben�

  • #54

    Thomas(Montag, 15 Mai 2017 15:52)

    Hallo liebe Larissa,
    Danke für diesen eindrucksvollen Artikel,
    der ein Phänomen beschreibt, dass selten Erwähnung findet.
    Danke
    Thomas

  • #53

    Alex(Sonntag, 16 April 2017 00:19)

    Hi,

    gerade geht es mir genau wie dir. Dachte vielleicht lässt sich das Leid teilen. Bin bis Ende Juli in Berlin. Falls jemensch mit dem selben Problem auch dort ist, wärs doch cool mal abzuhängen, oder? Einfach melden unter: shaloemchen.alex[at]openmailbox.org
    Hope ur fine,
    A

  • #52

    Alina(Donnerstag, 26 Januar 2017 16:30)

    Liebe Larissa,
    danke für diesen Artikel. Ich war schwer magersüchtig und bin mit 17 Jahren in eine Klinik gegangen. Aufgrund eines sehr fragwürdigen Klinikkonzepts bei dem mir wirklich alles verboten wurde, selbst auf den Balkon gehen um frische Luft zu schnappen, bis ich ein bestimmtes Gewicht erreicht hat fingen bei mir die Fresanfälle das erste Mal an, da ich nur wieder aus dieser Klinik oder auch „Gefängnis“ raus wollte. Da während des Klinikaufenthalts sich psychisch bei mir nichts verändert hat, fand ich mich nach dem Klinikaufenthalt erneut in der Magersucht wieder und kam ein halbes Jahr später in eine andere Klinik. In dieser herrschte ein ganz anderes Konzept, doch auch nach diesem Aufenthalt rutschte ich wieder in die MS. Erst als ich vor einem Jahr meinen Freund kennenlernte und endlich wieder attraktiv aussehen wollte und nicht mehr dieses unansehliche Knochengerüst, welches von jedem angestarrt wird, gab ich die MS ein für alle mal auf. Außerdem begann einen Monat zuvor meine Ausbildung und ohne die nötige Energie würde ich die niemals packen. Doch trotz aller guten Vorsätze schaffte ich es nicht auf gesunde Weise zuzunehmen, sondern nur mit regelmäßigen Fressanfällen. Das ganze letzte Jahr bestand bei mir aus enormen Gewichtsschwankungen und dem ständigen Wechsel zwischen Hungertagen und Fressattacken. Da ich wie du nicht Erbrechen kann griff ich zu Abführmitteln, dessen Dosis mittlerweile eine erschreckende Höhe erreicht hat. Heute Morgen hatte ich auf der Waage das höchste Gewicht das ich in den letzten 3 Jahren hatte. Es ist immer noch unterstes Normalgewicht aber für mich nach wie vor schrecklich. Du schreibst so vieles in deinem Artikel in dem ich mich wiederfinde. Die Tatsache dass die Magersucht gegen das was ich nun durch mache ein Kinderspiel war, dieses Gefühl nach einem Fressanfall ist gar nicht in Worte zu fassen, in solchen Momenten toben die Selbstmordgedanken nur so in meinem Kopf. Auch dass es für Angehörige wesentlich leichter ist mit meinem jetzigen Problem umzugehen als mit dem lebensgefährlichen Untergewicht, für mich hingegen aber gar nicht und die große Angst dass sich das alles zu binge eating entwickelt. Wahnsinn dass es so vielen Menschen genauso geht und dennoch so wenig darüber geschrieben wird. Danke für deine ausführliche Recherche und dass du diese mit uns teilst. Ich könnte noch so viel mehr schreiben, da so vieles in deinem Artikel steht, in dem ich mich wiederfinde. Das Wichtigste, ich werde nicht aufgeben, denn jetzt weiß ich umso mehr, ich bin nicht allein.

  • #51

    James(Donnerstag, 26 Januar 2017 15:23)

    Hallo nochmal an alle. Ohne diese Debatte überstrapazieren zu wollen, möchte ich doch nochmal drei Sätze zu Ulrike sagen. Ich finde deine Wahrnehmung und dein Urteil sehr überraschend. Nicht nur, dass du alle Anorektiker mehr oder weniger in einen Sack wirfst und kaum differenzierst zwischen einzelnen Fällen finde ich komisch für jemanden der mit Patienten mit Essstörungen gearbeitet hat, sondern auch das absolute Nichtverständis der komplexen Formen von Schuld und Schuldzurückweisungen die Anorexia in sich birgt. Als ob man nicht wüsste wie schlecht es anderen geht (wegen der Essstörung), als ob man sich nicht schuldig fühlen würde, und dass nicht genau zum Gegenteil, nicht einem verantwortungsvollerem Umgang mit dem Selbst, sondern eben zu einer Verstärkung der Verrückung des Selbstbildes und dem Zurückweisen der geliebten Anderen führen würde. Als Esssgestörter auf Ihrer Station wäre ich zuerst einmal Patient, und Patient genau deshalb, weil ich Aufmerksamkeit benötige, weil ich eine Beziehung zum Ich aufbauen muss. In dem Kommentar von Ulrike geht es aber nicht um den Patienten, sondern um Ulrike und Ihre Wahrnehmung von richtig und falsch. Ich finde das unprofessionell und glaube daran dass das der verkehrte Ansatz ist. Schuld vor Anderen ist nicht die Antwort, sondern Teil des Problems.

  • #50

    James(Mittwoch, 25 Januar 2017 22:57)

    Ich wollte nur mal anmerken, ich bin tatsächlich ein Vorredner. Ganz liebe Grüsse.

  • #49

    Lisa(Mittwoch, 25 Januar 2017 21:08)

    Liebe Larissa ,

    vielen, vielen Dank für diesen tollen Artikel. Bei jedem Wort könnte ich wetten dass es von mir kommt! Gerade der letzte Absatz spricht mir aus der Seele. Ich bin froh, dass ich mir diese „Attacken“ eben nicht einbilde und dass es anderen Betroffenen genau so beschissenen geht, macht Mut, dass es irgendwann eben doch besser wird �Wie meine Vorrednerin schon schrieb: nie den Mut verlieren !

  • #48

    James(Mittwoch, 25 Januar 2017 18:41)

    Mir ging das ganz genauso. Ich hatte Magersucht zwischen 17 und 24 und habe dann wieder angefangen zu essen. Ich habe damals manchmal in einem All you can eat buffet 8 teller Essen leer gegessen, danach Kompott, Kekspackungen ohne Ende und Flapjacks. Unglaublich war das! Und der Hunger hörte nicht auf! Ich hab mich da oft wahnsinniger gefühlt, als zuvor. Keine Kontrolle! Und immer diese Angst, das hört nie mehr auf! Abhängig! Und dann bin ich oft durch die Nacht gerannt, weil ich mich nicht übergeben wollte. 4 Jahre hat es gedauert bis sich das einigermassen reguliert hat. Aber es hört auf! Irgendwann hört das auf, nach zig Pendelbewegungen, vor-und rückwärts. Nie den Mut verlieren!

  • #47

    Anne(Dienstag, 24 Januar 2017 19:19)

    Danke!!! Das erste mal das ich jemanden begegne der mein Problem versteht und wirklich direkt zu mir spricht!! :,) Danke!!! Gott segne dich

  • #46

    Angelika(Dienstag, 24 Januar 2017 15:55)

    Hallo an alle,
    Erstens, Gott sei Dank ist Ulrike keine Psychologin geworden!
    Ich bin inzwischen 50+ und habe das Thema bis heute nicht vergessen und es lugt auch immer mal wieder plötzlich irgendwo hervor…Und erschreckt mich.
    10 Jahre harter Kampf,(18 bis 28) in meinem Fall, davon 8 Jahre Finger in den Hals,…gerettet hat mich meine erste erfolgreiche Schwangerschaft und mein Mann, der immer noch bei mir ist. Gott sei Dank!!
    Die Magersucht und die Bulimie haben ihre Spuren hinterlassen! An alle: habt eure Schilddrüse im Auge!! In meinem Fall hat sich ein gewaltiges Hashimoto entwickelt.
    Passt auf euch auf! Und macht euch das Leben schön! Entscheidet mit eurem Herzen von wem, welche Worte und Taten euch erreichen dürfen und alle anderen sind es nicht wert!
    Viele, viele kleine Häppchen (in jedem Sinne)…das ist meine Erfahrung haben mich wieder ganz gemacht.
    Das wünsche ich euch auch von ganzem Herzen,

  • #45

    Lilli(Dienstag, 24 Januar 2017 13:59)

    Liebe Laura,

    Du sprichst mir aus der Seele! Danke für diesen großartigen Artikel!

    Von ganzem Herzen alles Gute für Dich!

  • #44

    Franni(Dienstag, 24 Januar 2017 09:38)

    Liebe Laurs, einfach Danke für diesen Artikel. Mir geht es genau so wie dir und ich kam mir immer so alleine vor und abnormal vor!!! Man.. diesen Artikel sollten eigentlich alle Therapeuten und Betroffenen lesen!

  • #43

    Anja(Dienstag, 24 Januar 2017 06:32)

    Hallo Laura,

    dein Post hat mich immens berührt. Endlich weiß ich, dass ich mit meinem Verhalten nach meiner Magersucht kein Einzelfall war. Wie oft hab ich mich geschämt!

    Jetzt, Jahre nach der Magersucht, geht es mir besser. Ich habe zwar ordentlich zugenommen (es wurde eine Schilddrüsenerkrankung festgestellt), aber wenn man lernt, sich wieder selbst zu lieben und zu schätzen, dann wird alles auf einmal leicht und schön – egal bei welcher Konfektionsgrösse.

    Ich wünsche dir für deinen weiteren Weg viel Tapferkeit und Erfolg!

  • #42

    Larissa Sarand(Dienstag, 24 Januar 2017 01:11)

    Liebe Laura,

    du hast ganz recht: Niemand außer uns selbst kann uns aus dieser Misere herausholen – aber wenn der Text auch nur ein paar wenigen Leuten das Gefühl nehmen kann, mit dem Problem allein zu sein, habe ich alles erreicht, was ich mir nur vorstellen kann.
    Dein „Hosen-Problem“ teile ich aktuell auch! Ich habe es mir nun zur Gewohnheit gemacht, Thermo-Leggings in XXL zu tragen – da besteht niemals die „Gefahr“, sie als zu eng zu empfinden.
    Funktioniert ganz gut!

    Liebe Grüße!

  • #41

    Laura(Dienstag, 24 Januar 2017 00:53)

    Liebe Larissa,

    Ich bin einfach nur beeindruckt von deinem Artikel und besonders von deiner Offenheit. Mein Bruder hat mir den Link zu dem Artikel im Spiegel zugeschickt mit dem Kommentar, dass er hoffe, er könnte mir helfen etwas aus meiner Krise und meinen „Fressattacken“ herauszukommen. Leider ist wie du ja auch sagst für Außenstehende das „Herauskommen“ meist einfacher bzw. besonders der Gedanke daran. Ich höre oft Sprüche, die sagen, man sehe doch trotz Gewichtszunahme gut aus aber man selbst kann und will das nicht sehen. Ich meide momentan den Blick in den Spiegel und die Wahl meiner Hosen ist auch auf eine kleine Auswahl beschränkt, die mir mal passte, als ich noch nicht abgenommen hatte.
    Obwohl ich „nur“ an der Grenze zum Untergewicht war, war auch bei mir das Denken eingebrannt, dass man sich bloß nicht mit Kohlenhydraten anfreunden sollte und Süßigkeiten hatte ich sowieso für mich schon abgeschrieben. Doch die Phasen, in denen ich äußert bewusst und kontrolliert essen konnte, sind seit längerem vorbei. Beinahe 1,5 Jahre kämpfe ich nun mit dem Aufbau eines Selbstwertgefühl und der Anerkennung von mir selbst.

    Momentan bin ich an einem Standpunkt angekommen, wo ich schon denke, ich schaffe es nie mehr aus diesem Loch heraus, denn ein Tag ohne minimal 2 Tafeln Schokolade, mehreren Spaziergängen zu allen Bäckereien im Umkreis und noch zusätzlichen normalen Mahlzeiten, ist für mich fast nicht vorzustellen.
    Innerhalb meiner Familie merke ich, dass der Punkt gekommen ist, an dem ich es schätzen sollte so sehr von jeglicher Seite unterstützt zu werden und zu sehen, dass auch meine Freunde mich so nehmen wie ich bin auch wenn ich wieder 16kg oder mehr (die Waage habe ich aus meinen Gedanken verbannt) als zu meinem niedrigsten Gewicht drauf habe.

    Letztendlich ist es für mich wundervoll zusehen, dass ich nicht die einzige bin, die an diesem Problem und dieser „Sucht“ leidet und sich von vielen Missverstanden fühlt.
    Meiner Meinung nach kann man nicht sagen, dass wir- alle die unter diesem Schicksal leiden- zu selbstbezogen sind, nein auf keinen Fall, denn erst wenn man mit sich selbst im Reinen ist kann man auch etwas an andere geben, ob es Liebe ist, Freundschaft oder einfach nur ein ehrliches Lächeln. Doch wenn wir nicht die Suche nach anfangen, werden wir auch nicht wieder unseren „Höhenflug“ erleben. Es wäre schön, wenn dieser so einfach durch einen Windstoß initiiert werden würde, aber selbst wenn dieser Windstoß fehlt, bin ich der festen Überzeugung, dass alleine all diese Kommentare und dein Text, einen kleinen Lufthauch erzeugen und uns zumindest nicht alleine damit stehen lassen.

  • #40

    Ana(Montag, 23 Januar 2017 22:04)

    Hallo Larissa, vielen Dank für deinen Blog-Eintrag!
    Du sprichst mir so aus der Seele… ich kenne das 17kcal-Asia-Gemüse ganz genau und weiß, wie der wässrige 0,1%-Jogurt mit Süßstoff und Zimt schmeckt. … und auch, wie es sich nach Frühstück, 4 Broten und, und, und anfühlt. Wie sehr man sich schämt, sich nicht im Griff zu haben, nach außen sowohl die Magersucht als auch die Fressattacken verstecken zu wollen. Ich versuche, zur Normalität zurückzukehren, mittlerweile seit anderthalb Jahren, und leider geht es nur langsam voran, ich schäme mich für meinen Körper, nicht ansatzweise (mehr) die dünnste überall zu sein und die Kontrolle (gefühlt) verloren zu haben.
    Ich wünsche uns allen, dass es uns gelingt hier rauszukommen: lebend, gesund und glücklich!

  • #39

    Phoenix(Montag, 23 Januar 2017 21:46)

    Hallo Ulrike,

    ich finde deinen Ansicht ziemlich herablassend – und auch sehrvoraussetzungsvoll.
    Nicht jeder, der eine Magersucht hat oder hatte, besitzt überhaupt noch eine Famile geschweige denn ein enge Freunde, die sich Sorgen machen könnten.
    Von deiner Erfahrung jetzt dermaßen zu verallgemeinern, finde ich deswegen nicht nur beleidigend, sondern auch schmerzhaft…

    Was die menschen angeht, mit denen man „auch „nur“ befreundet“ ist: Wenn sich jemand Sorgen machen würde, könnte er diese ja äußern… Ist bei mir nie geschehen.

    Auf mich wirkt deine Antwort auch einfach wie eine Reaktion auf eine Kränkung – dass sich die Patienten nicht so verhalten haben wie von dir erwartet und dann auch noch deine Figur negativ bewertet haben.

  • #38

    Larissa Sarand(Montag, 23 Januar 2017 18:34)

    Liebe Ulrike,

    danke für Ihren Kommentar. Es tut mir leid, dass Sie sich von Patienten beschimpfen lassen mussten – solche Erfahrungen sind wirklich alles andere als schön.
    Aber mal ehrlich: Auch unter Berücksichtigung dieser Erlebnisse gehen Sie hier ganz schön hart ins Gericht mit Magersüchtigen.
    Ich hoffe, ich habe Ihre Aussagen fehlinterpretiert, denn andernfalls sehe ich hier eine ganze Patientengruppe als Egoisten und Lügner diffamiert.
    Und als Betroffener (und das gilt wohl für Kranke wie Gesunde gleichermaßen) ist es nicht immer einfach, sich selbst in seiner Außenwirkung wahrzunehmen. Ich war mir zu jeder Zeit darüber bewusst, dass mein Umfeld sich Sorgen um mich macht. Das tat und tut mir noch immer leid, denn ich habe vielen menschen Kummer bereitet. Aber ich war ja nicht einmal in der Lage, mir selbst zu helfen – wie hätte ich da meine Freunde entlasten können?
    Und dass das Wort „ich“ in diesem Artikel häufig Gebrauch findet, liegt daran, dass alles dort beschriebene nun einmal MIR passiert ist. Und das gilt natürlich auch für diejenigen, die hier Kommentare hinterlassen haben. Es handelt sich um individuelle Leidensgeschichten, die natürlicherweise aus der ersten Person heraus erzählt werden.
    Und ja, jetzt lehne ich mich wirklich weit aus dem Fenster, aber ich kann es mir einfach nicht verkneifen: Wenn Ihnen Patienten nicht mit Respekt oder Dankbarkeit begegnet sind, sollten Sie sich vielleicht einmal ernsthaft Gedanken darüber machen, warum das so ist. Eventuell trifft hier ein altes Sprichwort zu: „Wie es in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.“ Denn Ihre grundsätzliche Haltung, die Sie hier zeigen, könnte sich durchaus in Ihrer Außenwirkung widerspiegeln.

    Beste Grüße
    Larissa Sarand

  • #37

    Ulrike(Montag, 23 Januar 2017 17:22)

    Habe den Artikel und auch die vielen Kommentare gelesen, und stelle fest, es hat sich nichts geändert.
    Während meiner Ausbildung in der Psychiatrie hatte ich immer große Probleme mit Magersüchtigen. Sie kamen mir egoistisch und selbstbezogen vor, sie haben gelogen, dass sich die Balken bogen und haben es tatsächlich geschafft, auf dem Weg zum täglichen Wiegen unbemerkt noch schnell einen Liter Wasser in sich hinein zu schütten. Sie wussten allesamt besser über die Erkrankung Bescheid als jede(r) von uns AssistenzärztInnen, und mir selbst wurde nicht nur einmal von einer Magersüchtigen vorgehalten, dass ich fett sei und so wolle man nicht aussehen … Oft habe ich auch erleben müssen, wieviele Sorgen sich die Eltern und andere Angehörige machten, wie hilflos sie waren usw. Und natürlich sind auch uns Patientinnen gestorben.
    Kaum jemand von denen, die hier kommentiert haben, und auch die Autorin nicht, reflektiert in angemessener Weise, was man in seiner Umgebung anrichtet, was die Menschen empfinden, von denen die Magersüchtigen geliebt werden, oder mit denen sie auch „nur“ befreundet sind. Von den ÄrztInnen will ich gar nicht reden, Respekt oder gar Dankbarkeit erwartet man da grundsätzlich nicht. Auch nicht reden möchte ich von den völig unbedeutenden Wesen, die mit Euch, und sei es nur in der Mensa, beim Essen an einem Tisch sitzen müssen. Die schaufeln sowieso bloß alles zügellos in sich hinein …
    Allerhöchstens wird den Angehörigen und Freunden noch mitgeteilt, was man nicht darf. „Sagt ja nicht dies, sagt ja nicht das …“
    Es geht immer nur um Euch. „Ich“ ist in dem Artikel und auch in den allermeisten Kommentaren das häufigste Pronomen.
    Die Wut liegt hier eindeutig beim Behandler. – Bin übrigens später doch nicht Psychiaterin geworden. 😉

  • #36

    Meike(Montag, 23 Januar 2017 10:47)

    Liebe Larissa,
    Meine Mama hat mich auf deinen Artikel im Spiegel aufmerksam gemacht. Ich gestehe ich war erst skeptisch ob ich mir schon wieder einen Artikel durchlesen möchte bei dem es wieder mal um die altbekannten Erfahrungen bezüglich dem Weg aus der Magersucht geht. Ich bin wirklich froh dass ich deinen Artikel gelesen habe.
    Du hast mich wirklich berührt, denn auch ich teile dieses Schicksal seit nunmehr fast 4 Jahren. Auch bei mir fand die Magersucht Einzug während meines Jurastudiums, alleingelassen von meinem (Ex-)Freund und mit der anfänglichen Aussicht sich durch „etwas“ Sport abzulenken vom erdrückenden Alltag.
    Nach und nach passierte es dann: ach ich esse lieber dies anstatt das….Zuckerbraucht man nicht….ach man kann das Brot auch ohne Butter essen, ach wer braucht schon Brot Salat ist doch viel gesünder…dann hier eine Workout da ein Workout, schnell mal 20 KM laufen oder 2 Stunden bahnen schwimmen…man will ja fit bleiben….
    Mittlerweile habe auch ich eingesehen dass man nur sich selbst zerstört und das Leben farblos ist wenn man sich nur in Zwängen und Kontrollen bewegt. Auch ich habe den Kampf gegen die Krankheit begonnen. Dein Artikel hat genau meine Gefühle erfasst die ich derzeit habe. Dieses plötzlich auftretende Hungergefühl auf Zucker oder Fett….Hier noch eine Tafel Schokolade, da mal schnell eine Packung Kekse. Danach diese furchtbar Laute Stimme die sagt „Wie konntest du nur?!Was ist da passiert?!“ Man googlet alle möglichen Artikel über Fressattacken und bingeeating und ist hinterher nur noch niedergeschlagener als zuvor.
    Dazu kommt diese Angst die komplette Kontrolle zu verlieren und ins Binge eating reingerutscht zu sein. Man möchte am liebsten der Stimme nachgeben und zum Klo rennen. Ich war bis jetzt immer froh darüber dass ich trotz der Stimme einen Bogen um die Toilette gemacht habe und es sogar schaffe den Kampf am nächsten Tag weiterzuführen also trotzdem normal zu Frühstücken, Mittag zu essen und Abendbrot + Nachtisch und außer meinen Yogaeinheiten keinen zusätzlichen Sport zu machen.

    Dein Artikel gibt einem unglaubliche Kraft. Vor allem weil endlich mal eine Erklärung abgegeben wird warum diese Hungerattacken auftreten. So kann man sich wenigstens sagen: Das ist ganz normal, das muss so sein und es gehört (leider) zum Weg zurück in ein gesundes Leben.
    Es ist toll dass es Menschen wie dich gibt die keine Scheu haben sich so offen zu äußern und mal wirklich Klartext zu reden!

    Vor allem deine Schlußsätze treffen 100% zu. Wenn jemand einer Magersüchtigen sagt: „Du siehst aber gut aus hast du zugenommen?“ dann ist es vielleicht gut gemeint aber es löst das gegenteilige Gefühl bei mir aus. Sofort verfällt man im Kopf wieder in Panik und denkt oh mein Gott ich sehe bestimmt aus wie ein Wal, am besten ich esse heute nur noch TK-Gemüse….Aber anstatt das den Menschen zu sagen, weil sie es nicht verstehen würden lächelt man und sagt „Ja danke mir gehts super“
    Dein Artikel vermittelt unglaubliche Kraft und gibt einem Optimismus, dass man nicht alleine ist und es ein schwerer Weg wird. Aber jeder Schritt ist ein Schritt zurück ins Leben, in die Liebe. Ich denke wenn die Stimme der Gewohnheit noch so verlockend ist man muss sie jeden Tag aufs neue bezwingen, dann kann man auch am Ende des Tages zurückblicken und sagen: „Ich habs dir mal wieder gezeigt!“

    Ich wünsche dir alles alles gute für deinen weiteren Weg und natürlich ganz viel Kraft, Stärke und Mut!

  • #35

    René(Montag, 23 Januar 2017 09:37)

    Liebe Larissa, Dankeschön für Ihre Ehrlichkeit sich selbst und anderen gegenüber. Dafür verdienen Sie Bewunderung und Kraft, dass Sie es auch weiterhin durchhalten, denn auch ich weiß, wovon Sie sprechen.

    Als 35jähriger Mann (188 cm/115 kg) habe ich mich von meiner Frau getrennt, um ein neues Leben zu beginnen. Das bedeutete für mich zwar Trennung, aber auch gleichzeitig eine ernährungstechnische Veränderung, die durch die Ankündigung meines Hausarztes begründet war: Wenn ich nicht aufpassen würde, werde ich Gicht bekommen, da man schon die ersten Anzeichen wahrnehmen könne. Auf meine Frage hin, was ich denn noch essen könne, antwortete er, am besten nur noch Gemüse, Obst und Körner – auf gar keinen Fall mehr Fleisch, Geräuchertes und Käse. Ich muss hier sagen, dass ich seit meiner frühsten Kindheit übergewichtig war und als 14-Jähriger bereits 75 kg wog.
    Verzichten kann ich gut und wenn ich ein Ziel habe, bringe ich auch die Kraft auf, um es zu erreichen. Ich veränderte daher meine Ernährung, verzichtete auf Fette (keine Butter oder Margarine, kein Öl usw.) und ernährte mich ausschließlich von gedünstetem Gemüse, rohem Obst und Magerquark – und kein Alkohol mehr. Das Resultat ließ sich sehen: Nach nur drei Monaten hatte ich 25 kg an Gewicht verloren – Tendenz: weiter fallend. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich mich im Spiegel betrachten und war mit mir zufrieden. Trotzdem nahm ich weiter ab und wog schließlich nur noch 70 kg. Ich gefiel mir und wollte noch weiter abnehmen. Meine Portionen waren mittlerweile so klein geworden, dass ich mich mit weniger als 100 DM im Monat „gut ernähren“ konnte.
    Während dieser Zeit verliebte ich mich erneut. Aber was macht die Liebe mit Frischverliebten? Man isst noch weniger, da man sich nach der anderen Person sehnt und noch mehr an seinen Kräften zehrt. Ich verlor also noch mehr an Gewicht, was mir aber nicht unangenehm war.
    Alle Lieben um mich herum sorgten sich um mich. Der Einzige, den das nicht interessierte, war ich selbst. Ich gefiel mir und zeigte dabei aber ein so narzisstisches Verhalten, dass sich Freunde von mir abwendeten, die das nicht ertragen konnten. Ich wurde immer einsamer und suchte nach einem Ausweg. Meine neue Liebe versuchte verzweifelt mir zu helfen, fand aber leider keinen Ansatz, um mich aus dem Teufelskreis zu befreien. Eine Verwandte (Frauenärztin) machte mich darauf aufmerksam, dass ich mit dieser Art der Ernährung mir selbst schade: Mineralienverlust führt zu Zahnfleischbluten, Zahnausfall, Nieren- und Leberschäden usw. Schließlich waren bei mir die eigenen Probleme und Sorgen so groß und übermächtig geworden, dass ich in einer Kurzschlussreaktion einen Selbsttötungsversuch unternahm.
    Ich wurde für mehrere Monate in eine psychosomatische/psychiatrische Klinik eingewiesen, betreut und beobachtet. Vor und nach jeder Mahlzeit wurde mein Gewicht kontrolliert. Hatte ich keine Gewichtszunahme vorzuweisen, musste ich unter Aufsicht etwas essen. Das wiederum führte dazu, dass ich im Anschluss so extrem Sport betrieb, dass das Gewonnene wieder „verging“. Ein Kreislauf, der einen täglichen Kampf mit den Pflegern/Schwestern, Betreuern und mir selbst zur Folge hatte. Schließlich veränderte sich mein Gewicht mit Tendenz nach oben.
    Gleichzeitig versuchte man, mir etwas mehr seelische Stabilität zu geben und andere Perspektiven zu bieten, denn mittlerweile hatte ich nicht nur Gewicht, sondern auch meinen Arbeitsplatz, meine Ehefrau und meine Kinder verloren. Der behandelnde Arzt sagte mir aber auch schonungslos, dass ich ein Narzisst sei und ich versuchen sollte, an mir zu arbeiten, damit ich es im Leben leichter habe.
    Nach dem Aufenthalt in der Klinik begann ich ein neues Leben mit meiner neuen Liebe, die mir als Vegetarierin zeigte, wie man sich auch ohne Fleisch ausgewogen ernähren kann, ohne Mangelerscheinungen zu haben. Mein Essgewohnheiten veränderten sich und ich konnte Erdnussbutter sowie Nuss-Nougat-Creme wieder genießen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Gleichzeitig machte ich Psychotherapie und im Anschluss daran eine Psychoanalyse, die fast drei Jahre Zeit auffraß, mir aber schließlich die Augen öffnete.
    Heute, fast 30 Jahre später, kann ich mein Gewicht auf einem BMI von 25 halten, betreibe ausgiebig Sport und esse, was mir schmeckt. Ich habe gelernt, mich so anzunehmen, wie mein Körper ist und wie ich bin. Ich gönne mir Dinge, die ich früher „nicht verdiente“, da ich mir das nicht wert war. Zudem ist Schönheit relativ! Wer setzt denn die Maßstäbe? Ich habe Menschen, die mich mögen und die ich mag. Die inneren Werte sind hier ausschlaggebend und nicht das Aussehen.
    Ich bin dankbar, dass ich einen Ausweg aus meinem Dilemma gefunden habe und das Leben wieder genießen kann. Vielleicht konnte ich Ihnen durch meine Schilderungen etwas geben, das Ihnen aus Ihrer „Verzweiflung“ heraushilft. Viel Glück und Erfolg – ich denke an Sie – Ihr René

  • #34

    Phoenix(Montag, 23 Januar 2017)

    Danke ♥
    Ich (31) bin zum zweiten Mal in der Magersucht gewesen (nach dem ersten Mal in die Bulimie gerutscht und froh gewesen, mit dem restriktiven Essen der Magersucht die Fressanfälle wieder „losgeworden“ zu sein“) und seit 2 Monate am zunehmen – statt 39 kg auf 162cm sind es nun 46,6 kg und meine Gedanken pendeln so dermaßen hin und her. Ich esse so viel Süßes und allgemein so viel merh verglichen mit anderen, dass mir meine Therapeutin jedesmal sagen muss, dass es mich nicht zu beschämen braucht – aber das tut es trotzdem, v. a. wenn mein Freund zuguckt und ich es in ein Protokoll schreiben muss. :/ Das macht mir extreme Angst…
    Also nochmal: Danke für deinen Text!

  • #33

    Natalie(Sonntag, 22 Januar 2017 23:36)

    Vielen Dank für deine Schilderung. Ich habe eine magersüchtige Tochter, nach stationären Aufenthalt geht es ihr besser, aber sie muss kämpfen. Nach deinen Erzählungen kann ich sie jetzt besser verstehen und weiss nun welche „Phrasen“ ich vermeiden soll. Respekt für deinen Mut und Offenheit, aber du hast vielen Menschen damit geholfen. Alles Gute für deinen weiteren Weg.

  • #32

    Lena(Sonntag, 22 Januar 2017 23:18)

    Liebe Larissa,

    ich habe lange nichts mehr so schönes und ehrliches über diese verdammte Essstörung gelesen. Ich wünschte ich hätte genauso tapfer und zielstrebig weitergekämpft wie du. Leider hat das Kotzen nach solch einer Essattacke bei mir geklappt und ich bewege mich in einem ewigen Teufelskreis. Ich bin sehr traurig und mein Leben hat eigt gar kein Sinn mehr, man wurde nicht zum Essen geboren sondern isst um zu leben. Bald werde ich mein Leben nochmal versuchen mit aller Kraft in die Hand zu nehmen und erneut in eine Klinik gehen. Dort möchte ich einfach nur wieder lernen zu essen und zuzunehmen.. es muss wahrscheinlich dann in einer speziellen WG weiter gehen. Die Essstörung ist so stark, dass ich Angst habe wieder zu versagen. Dir wünsche ich weiterhin viel Kraft und Glück bzw so viele schöne Dinge die dir zeigen wie wertvoll das Leben ist und es sich lohnt. Ich würde mich auch schon darüber freuen von anderen wirklich wahrgenommen zu werden und angelächelt. Du schaffst das da bin ich hoffnungsvoll.

  • #31

    Teresa(Sonntag, 22 Januar 2017 22:17)

    Liebe Larissa!
    über Spiegel-online fand ich Ihren Blog. Danke für Ihre Offenheit und die so gute Beschreibung Ihrer Erlebnisse und Gedanken. Kennen Sie das Buch von Janet Treasure „Gemeinsam die Magersucht besiegen- En Leitfaden für Betroffene, Freunde und Angehörige“? Das kann ich sehr empfehlen. Dort wird auch über die Hungerstudie von Minnesota geschrieben und es befasst sich auch mit dem, was Sie beschreiben. In meinen Augen ist es eines der besten Bücher zu diesem Thema, da es sich sehr ehrlich mit vielen Aspekten der Krankheit befasst und sehr offen und undogmatisch ist.
    Alles Gute und weiterhin viel Glück!
    Teresa

  • #30

    V.(Sonntag, 22 Januar 2017 21:34)

    Ich kann mich M. nur anschließen!
    Mir hat es geholfen zum Frühstück sehr viel Eiweiß zu essen (Eier, Forellenfilet, Kichererbsen) und nichts Süsses. Damit hat sich mein Essverhalten wieder normalisiert. Sehr, sehr dankbar bin ich auch über eine 5-Elemente-Ernährungsberatung. Ich habe heute überhaupt keine Probleme mehr mit dem Essen und esse viel und gesund und bin schlank. Auch nachdem ich 2 Kinder bekommen habe.

    Du schaffst das auch,
    V.

  • #29

    Jens(Sonntag, 22 Januar 2017 21:34)

    Hi, ich habe heute über Dich gelesen und kann fast nicht glauben, wie es möglich ist 1000e Kalorien zu sich zu nehmen ohne dicker zu werden. Ich verzweifel fast schon bei mir weil ich mittlerweile für weniger als 1000 Kal esse und trotzdem wieder zunehme, weil mein Grundumsatz total abgesunken ist (1,82 77kg). Also Deine Geschichte ist echt krass. Du könntest Dich doch an einem Forschungsprojekt beteiligen und somit auch anderen Betroffenen helfen, dieses Phänomen zu verstehen. Ein Vorschlag wäre noch, zu versuchen mehr Muskelmasse aufzubauen. Also einfache Sporteinheiten wie Walken, Schwimmen, leichte Gewichte heben, damit die Kalorien auch umgesetzt werden können. Mach doch bei Anna Achilles mit. Oder wenn Du magst sag Bescheid und ich trainier mit Dir (keine Angst bin ganz harmlos). Du wirkst auf mich auch recht attraktiv, also verlieb Dich doch einfach mal, zeig Dich ein bisschen, raus aus der Bude – bald ist Frühling!

  • #28

    Surgeon(Sonntag, 22 Januar 2017 21:17)

    Mit Materie lässt sich keine Seele heilen. Zuerst kommen Seele und Sinn, dann kommt alles andere von selbst !

    Die Bibel sagt dazu: Trachtet zuerst nach dem Reiche Gottes, alles andere wird für zufallen ! Heisst: zuerst nach Wahrheit und Sinn und Absolutem suchen, geistig, dann kommt alles andere von selbst.
    Millionen und Milliarden machen es genau anders herum, und das Ergebnis der kranken Menschheit sieht man !

  • #27

    Julia(Sonntag, 22 Januar 2017 20:47)

    Ich möchte einen kleinen Beitrag zu ‚fress-attacken‘ leisten. Eine mildere Form davon kenne ich aus dem wochenbett; der Körper muss regenerieren und braucht dazu Kalorien. Der Umstand dass ich die Pfunde von der Schwangerschaft loswerden will ist dabei irrelevant.
    Erst wenn alles ausgeheilt ist; nach einer langen hungerperiode steht wahrscheinlich ein eben so hoher reperaturbedarf an; ist ein normales essverhalten möglich.

  • #26

    Prinz(Sonntag, 22 Januar 2017 19:45)

    Im Gegensatz zu einigen anderen, die hier schreiben, bin ich bisher mit Magersucht nur sehr indirekt in Kontakt gekommen. Um so mehr Bewunderung und Respekt zolle ich Dir, dass Du nicht nur die Selbstreflexion hast, den richten Weg zu erkennen, sondern auch die Weisheit, ihn zu gehen, und vor allem den Mut, dies alles mit der Welt zu teilen. Ich wünsche Dir die Kraft und Ausdauer den Weg trotz aller Hindernisse erfolgreich weiter zu gehen. Ich bin tief beeindruckt. Chapeau!

  • #25

    Tom(Sonntag, 22 Januar 2017 18:09)

    Liebe Larissa,
    vielen Dank für Deinen mutigen Text. Ich habe seit 20 Jahren mit dem Essen zu kämpfen. Bei Männern ist es ja besonders hartnäckig. Kombiniert mit exzessiven Sporteinheiten, bis zu 200km laufen pro Woche, habe ich meinen Körper und die Seele arg beschädigt.
    Vor zwei Jahren der Wandel im Bewusstsein. Es hatte einfach keinen Sinn mehr, das ständige Frieren, die Verletzungen der Knochen und die seelische Isolierung, wozu?
    Also der Entschluss endlich zu Essen. Ich hatte weder Maß noch Appetit, das Essen wurde jahrelang als Feind betrachtet. Es ist immer noch ein täglicher Kampf, aber der Lohn ist in meinem Kopf! Denn jetzt gelingt es mir wieder selbst zu bestimmen was ich will und nicht, was ich NICHT will.
    Leptin ist der Schlüssel, aber das Wissen ist noch keine Lösung. Weiter kämpfen und die kleinen Freuden über die verlorenen Dinge des Lebens, das Lachen zum Beispiel.
    Das Schwierigste ist immer noch das Essen in Gesellschaft. Scham, wie Du klug schreibst und die Unfähigkeit an etwas anderes als an das Essen zu denken, sind die neuen Herausforderungen.
    Ich wünsche Dir Mut, Kraft und vor allem Menschen mit offenem Herzen an Deiner Seite.

  • #24

    Anna(Sonntag, 22 Januar 2017 18:04)

    Das kommt mir alles sehr vertraut vor, auch wenn bei mir sowohl die Ursachen als auch der Verlauf vollkommen anders sind. Ich wünsche dir, dass du möglichst bald wieder ein normales und vor allem ein zufriedenes Leben führen kannst.

    Bei mir ist das mit dem Essen momentan nicht so toll, immerhin habe ich bei Studium und Beruf anscheinend mehr Glück als du; das gibt mir Halt.

    Ich schreibe mir in meinem Blog alles von der Seele, zumindest das, was ich veröffentlichen möchte. Einiges schlummert noch, und ich bin noch nicht dazu bereit, die weite Welt daran teilhaben zu lassen.

    Ich bewundere deine Offenheit und Ehrlichkeit.

    Alles Gute,
    Anna
    https://annaliveandlovely.wordpress.com/

  • #23

    M.(Sonntag, 22 Januar 2017 17:15)

    Liebe Larissa,
    das habe ich auch erlebt und ich möchte Dir Mut machen!
    Ich habe mich selbst irgendwann mit extremem Untergewicht einweisen lassen. Als ich dann im Laufe der Zeit (und die war lang) wieder regelmäßig gegessen habe, war mein Körper (besonders mein Gesicht) stark aufgequollen. Es hat lange gedauert. Während und nach jeder Mahlzeit hatte ich furchtbare Angst, die Kontrolle zu verlieren und nie wieder einen maßvollen Umgang zu finden. Es wird besser. Das Sättigungsgefühl tritt wieder ein. Dein Körper wird Dir wieder vertrauen und Dir mitteilen, was er braucht.

    Bei mir ist es über zwanzig Jahre her. Und wenn ich meinen Seelenzustand betrachte, hat sich der lange Weg gelohnt. Wie A. schon schrieb: Es gibt wunderbare Dinge auf dieser Welt. Ja, das ist so. Diese Selbstkasteiung, der Selbsthaß, der Kontrollzwang – das ist eine furchtbare Blase, in der wir Ehemaligen und Akuten steckten/stecken.

    Ich wünsche Dir viel Kraft. Es lohnt sich.

    Deine M.

  • #22

    Henrike(Sonntag, 22 Januar 2017 17:13)

    Hallo,
    ich finde es toll, dass Du Dir selber geholfen hasst, nachdem Dein Therapeut Deine Essattacken als „normal“ bezeichnete, indem Du so lange recherchiert hast, bist Du bescheid wusstest, warum Dein Körper so reagierte.
    Du musst Dich sehr alleine gelassen gefühlt haben. Da Du es so konsequent aus der Magersucht heraus geschafft hast, bin ich mir ganz sicher: Du hast Dein Leben wieder in die Hand genommen. Das gelingt nicht vielen. Hut ab! Henrike

  • #21

    peter(Sonntag, 22 Januar 2017 16:05)

    …mal ein ganz heißer Tip bei unerklärlichem Hunger:
    Eisenwerte bestimmen und Versorgung verbessern.
    Langsam, max. 0,5 KG pro Woche zunehmen… .

  • #20

    W.(Sonntag, 22 Januar 2017 15:38)

    Danke!
    Die Erklärung des extremen Hungers mit den Hormonen ist stimmig und gut – manche Situation dadurch aushaltbarer, oder?
    Keep on living!

  • #19

    Ferdinand(Sonntag, 22 Januar 2017 15:15)

    Liebe Larissa,
    vielen Dank für deinen Beitrag! Ich bin gerade sehr berührt von deiner aufrichtigen Selbsterkundung und Wahrheitsliebe. Und von deiner Kühnheit, dich mitten in deinem eigenen, schwierigen Prozess so offen zu zeigen und deine Erfahrung zu teilen. Ich bin ganz sicher, dass du damit vielen Menschen in ähnlichen Situationen hilfst, nicht nur heute, sondern auf Jahre hinaus.
    Ich zum Beispiel habe gerade massiv mit der Erfahrung von Kontrollverlust zu tun, mit einer ganz anderen Suchterkrankung als Hintergrund (Computerspiele, aktuell Suchtverlagerung zu „Binge-Watching“). Dein Artikel ist heute für mich wie ein Zipfel von einer „größeren Welt“, in der Menschen ihre Scham überwinden und aus ihrem Schneckenhaus kommen. Und in dieser Perspektive gibt es Hoffnungsschimmer: Das Internet ist mehr als eine Ansammlung von Filterblasen, in denen wir uns Bestätigung für unsere jeweiligen Vorurteile holen, sondern es kann wirklich auch ein erdumspannendes Netz für den Austausch und die Archivierung menschlicher Erfahrung sein. Und den Menschen, die sich wirklich auf diesen Austausch einlassen und die in diesem großen Archiv lesen in dem Wunsch, mit dem Herzen zu sehen und sich selbst besser zu verstehen, denen können Geschichten wie deine als Wegweiser dienen, um aus ihrem Labyrinth herauszufinden.
    Alles Gute für dich und deinen Weg!

  • #18

    M(Sonntag, 22 Januar 2017 14:57)

    Liebe Larissa,
    Auch ich habe Deinen Bericht über Spiegel Online gefunden.
    Deine Worte berühren mich sehr.

    Mit ca. 12 Jahren bin ich selbst in die Magersucht gerutscht, eine Abwärtsspirale, aus der och selbst keinen Ausweg fand. Die Pubertät war die Hölle. Überall gab es nur Unverständnis, meine Eltern waren voller Scham und Wut, bei Mitschülern war ich einfach nur die Gestörte. Meine verzweifelten Versuche, dem Wahnsinn zu entkommen, führten mich schließlich in die Bulimie, alles wurde nur schlimmer.
    Mit 19 lernte ich schließlich meinen Freund kennen, der mit sehr viel Liebe und Geduld an meiner Seite kämpfte und mir langsam zeigte, wie liebenswert ich selbst und das Leben sind.
    Heute bin ich 32 und wir sind verheiratet. Auch wenn ich die Bulimie seit einiger Zeit überwunden habe, wird sie immer ein Teil von mir bleiben, auch heute gibt es noch Situationen, in denen ich mit mir kämpfe.

    Es ist ein langer Kampf, aber es lohnt sich. Gib Dich nicht auf und höre nicht auf die Menschen, die meinen, Dich be-/verurteilen zu müssen. Erstmal kleine, realistische Ziele helfen, die Motivation zu behalten. Ich wünsche Dir ganz viel Kraft auf Deinem Weg, Du schaffst das!

  • #17

    Nina(Sonntag, 22 Januar 2017 14:50)

    Hallo liebe Larissa Sarand,
    ich habe gerade deinen Beitrag gelesen und mir kommen noch jetzt die Tränen. Ich habe lange überlegt ob ich hier einen Kommentar schreiben soll oder nicht, doch ich fasse mir ein Herz und tue es jetzt einfach.

    Leider kann ich viel zu gut nachvollziehen wie du dich fühlst. Ich selbst kämpfe seit nun geschlagenen 9 Jahren mit Essstörungen.. Angefangen von Adipositas hin zu Bulimie und Magersucht. Mittlerweile bin ich wieder bei 41,5kg mit 1,60m wo ich vor ein paar Wochen bei 38,0kg lag.
    Die Krankheit ist furchtbar und der Weg daraus nicht einfach! Daher finde ich es sehr berührend, dass du den Mut hast so offen hier darüber zu berichten. Dafür möchte ich dir wirklich danken.
    Für deine Zukunft und die aller Betroffenen wünsche ich vor allem Gesundheit, wieder zufrieden und glücklich zu sein denn schließlich haben wir nur dieses eine Leben und das sollten wir bestmöglich auskosten und gestalten.
    Alles alles Liebe für Dich!!

  • #16

    Maja(Sonntag, 22 Januar 2017 14:48)

    Huhu! 🙂
    Also… knapp 5 Jahre später:
    – hört das Kalorienzählen irgendwie halt doch auf. Außerdem man hat mal wieder Lust (aus einer Stresssituation, Angstzuständen, unterdrücktem Ärger oder sonstwarum) auf die fiese kleine Stimme im Hinterkopf zu hören. Ist einem aber auch nach spätestens 3 Wochen wieder ziemlich lästig um ehrlich zu sein.
    – Gibt es fast nichts „verbotenes“ mehr (Yay! Spaghetti carbonara beim Italiener ohne Toilettenbesuch, Heulattacke o.ä! Vollfettjoghurt im Kühlschrank! Echter Käse – nicht der Magerquatsch! Sauce zum Essen! Sonntagskuchen!)
    – pendeln sich Hunger/Sättigungsgefühl/Gelüste weitgehend ein
    – bekommt man keine massiv schlechte Laune mehr wenn es nicht GENAU DAS zu essen gibt was man eigentlich haben wollte
    – fasst der Körper das Vertrauen wieder von dem du schreibst und der Kopf wieder Vertrauen in den Körper (das hast du ausgelassen)
    – gibt es auch wieder andere Themen als „Essen“.
    – darf man eine Sporteinheit auch mal auslassen ohne von schlechtem Gewissen gequält zu werden.
    – ist es einfacher.

    Hätte man mir vor 5 Jahren als ich – völlig ausgelaugt von vielen Jahren Essstörung – erzählt dass es so lange bei mir dauern würde bis das Leben wirklich weitgehend „normal“ ist (wobei sich die Frage aufdrängt was „normal“ diesbezüglich heute eigentlich ist) und sich Situationen, Gewicht und die Emotionen die damit einhergehen entspannen hätte ich arg gepöbelt dass das niemals so lange dauern wird.
    In diesen vergangenen 5 Jahren nach dem Entschluss dass Anorexie und meine Kleidergröße nicht der absolute zentrale Punkt in meinem Leben sein sollen hab ich intermittierend gebrochen, dazwischen exzessiv Sport betrieben und bin ab und an doch der kleinen Stimme im Hinterkopf anheim gefallen. Ja – ich habe zugenommen. Auch mehr als mir lieb war. Aber auch wieder abgenommen als ich angefangen habe auf meinen Körper zu hören. Und wieder zugenommen wenn ich es mit dem „Dinner cancelling“ doch wieder zu ernst genommen hatte und danach wieder zu essen begonnen habe.

    Seit etwa 1,5 Jahren bleibt mein Gewicht – abgesehen von physiologischen Schwankungsbreiten – konstant. Bzw. meine Kleidergröße. – Auf einem Level das für mich total okay ist.
    Auf eine Waage stelle ich mich kaum noch – und das ist gut so.
    Seitdem mir mein Körper (weitgehend) verziehen hat darf ich mich auch weitgehend auf ihn verlassen ob ich den Berliner mit Zuckerguss und Vanillepudding jetzt wirklich haben will, ihn „brauche“ weil ich einfach einige Tage zu wenig gegessen habe oder mich doch eher nach etwas Liebe und Anerkennung sehne.

    Ich hoffe ich mach dir keine Angst mit meiner Geschichte. Eigentlich möchte ich nämlich das Gegenteil erreichen – natürlich wünscht man sich dass diese Phase so schnell wie möglich vorbei ist und alles wieder „normal“ ist. Aber geh nicht zu hart mit dir ins Gericht wenn es Rückschläge gibt oder du dich manchmal (gefühlt) wieder am Anfang der Geschichte findest.

    Hab Vertrauen. In dich – in deinen Körper. Es dauert. Es dauert die Stimme an ihren Platz zu verweisen. Es dauert zu akzeptieren dass das „Gewicht“ kaum was mit „Kontrolle über das Leben“ zu tun hat. Dass Essen nicht „disziplinlos“ ist und nicht bedeutet „schuldig“ zu sein. Dass der Weg aus der Essstörung nichts ist wofür man sich schämen muss sondern dass man sich gegen einen Dämon im Kopf zur Wehr setzt der stark genug war sich einem reinen Überlebensinstinkt gegenüber zu stellen.
    Mit jedem kleinen Schritt – jedem genossenen Bissen – besiegst du ihn ein kleines bisschen mehr. Und – wovor sollst du denn noch jemals Angst haben wenn du es geschafft hast diesen Drachen (und alles was ihn herbeigerufen hat) zu überleben? Am Ende macht dich der Weg soviel stärker als du dir jetzt vorstellen kannst. Und dann ist es auch egal wie lange es dauert.

    Natürlich ist das eine sehr, sehr persönliche Sicht der Dinge und es gibt sicher Betroffene die schneller in der Genesung sind – und andere die ein normales Leben führen können und trotzdem leiden.
    Ich hätte mir damals jedoch mehr Stimmen gewünscht die mir – zwar vielleicht ehrlich und ungeschönt – gesagt hätten wie schwer es ist und wieviele Rückschläge es gibt ohne mir die Hoffnung auf ein besseres, weniger essgestörtes Leben – zu nehmen. Die Wege rein und raus sind immer individuell. Für deinen wünsche ich dir von Herzen das Beste. Und Durchhaltevermögen. Am Ende ist es alles wert.

  • #15

    Sophia Ahren(Sonntag, 22 Januar 2017 14:20)

    Hallo!
    Ich bin auch über den Spiegel auf deinen Artikel gestoßen. Ich befinde mich auch in Behandlung wegen Anorexie. Habe allerdings nie sportgemacht, sondern einfach nur nichts gegessen und so sehr viel abgenommen. Ich bin bislang zum Glück von solchen Essattacken verschont geblieben, nehme aber dafür trotz Sport sehr schnell zu.
    Ich wünsche dir alles Gute!

  • #14

    Nina(Sonntag, 22 Januar 2017 14:13)

    Huhu, ich habe vor mittlerweile 11 Jahren eins zu eins das Gleiche durchgemacht. Nachdem mein Gewicht dann 10kg über Startgewicht ging Zunahme also insgesamt 30 Kilo von Niedrigstgewicht), hat es sich dann im darauffolgenden Jahr bei -15 kg (Gesamtzunahme also 15kg auf Normalgewicht) eingependelt. Dann war allmählich auch die Seele geheilt. Ich bin so unglaublich froh, dass ich diesen Weg gegangen bin. Sonst säße ich vermutlich noch immer in dieser elemdigen Sch**** fest.

  • #13

    J(Sonntag, 22 Januar 2017 13:40)

    Been there, done that.
    Ich (37,m) bin mit 19 Jahren reingerutscht, zum Glück nur ca 3 Jahre untergewichtig. Dafür ein extremes Sportregime. Im extremsten Jahr ca. 150-160 km / Woche gelaufen, 20km vor der Uni und 20km danach, zusätzlich 6x die Woche Sportstudio. Gegessen ca 5000 Kalorien pro Tag, Körperfett 8%, 70kg auf 1,80m. Abends die Beine mit Voltaren Salbe eingerieben, und mir eingeredet, ich wäre fit und „gesund“, dass wäre sinnvoll. Ich hatte auch immer wieder Essattacken, vor allem wenn ich auch nur ein wenig von meinem geplanten Essen/Lebensmitteln abgewichen bin. Es ging leider nur langsam bergauf, mehrere Therapien, aber seit 6 Jahren kann ich sagen, dass ich größtenteils raus bin, sowohl Essen wie Sport. Allerdings habe ich kaputte Knie mit dauernden Schmerzen als Erinnerung, und die Schultern sind auch nur noch so lala befürchte ich. Zum Glück habe ich die Hoffnung nie aufgegeben, konnte das Studium durchziehen, was aber durch meinen Perfektionismus (den haben ja die meisten Essgestörten) sehr hart war und einen guten Job finden. Gelebt habe ich damals nicht, nur funktioniert. Auch die ersten Beziehungen die ich endlich mit 24 Jahren startete waren noch durch die Krankheit behindert und leider nicht von längerer Dauer. Die Krankheit ist wie ein Moorloch, du musst dich selber am Ast rausziehen, das geht nur quälend langsam, aber mit jedem Zentimeter hast du wieder mehr Freiheit. Aber seit 6/7 Jahren hole ich die vergangenen Jahre nach. Urlaube, Parties, Freunde, usw.
    Ich bin immer noch verwundert wieviel ich Essen (kann/darf) ohne zuzunehmen und wieviel Freiheit ich jetzt verspüre. Gedanken über und wie ich esse habe ich immer noch, und Sport muss auch noch sein. Aber es bestimmt nicht mein Leben, dass tue ich. Natürlich nervt dass, aber nicht 24h/Tag wie früher. Zurück möchte ich nicht. Befinde mich gerde in der Familienplanung, Hauskauf, etc. Mit dem vorherigen Leben habe ich Frieden geschlossen. aber ich hoffe immer noch dass mir jemand eine Zeitmaschine gibt mit der ich zu meinem 19jährigen ich zurück reisen kann und ihn in den Arm nehme.
    An alle da draußen die darunter leiden: Gebt Euch nicht auf.
    Lebt. Jeden. Einzelnen. Tag.
    Es bleibt nicht so wie es ist, jeder weitere Tag bringt Veränderung. Steht immer wieder auf.
    P.S. : Neben den Therapien hat mir die Selbsthilfegruppe OA (Overeaters Anonymous) viel geholfen. Ich fand es gut zu erkennen dass ich nicht alleine bin, kein Alien, kein Verrückter.

  • #12

    Michael Wagner(Sonntag, 22 Januar 2017 13:28)

    Herzlichen Dank für den Mut, dies öffentlich zu machen und viel Erfolg auf Ihrem Lebensweg

  • #11

    Anna K.(Sonntag, 22 Januar 2017 13:22)

    Liebe Larissa,
    ich hab deinen Artikel auf Spiegel Online gelesen und du sprichst mir aus der Seele. Auch ich hatte vor 1,5 Jahren noch knapp 38kg, bin aber selbst wieder rausgekommen und wiege jetzt 50kg. Die Gewichtszunahme kam aber nicht durch normales Essverhalten, sondern durch viele Fressanfälle, manchmal gefolgt von strengen Hungerphasen… Mittlerweile ist es besser, auch wenn mich ab und an noch ein Fressanfall überwältigt (insbesondere, wenn ich den ganzen Tag alleine bin). Das schlechte Gewissen bleibt dann tagelang. Schlimm ist es vor allem, dass ich mit niemandem darüber reden kann. Partner, Familie und Freunde haben weder meine Magersucht (selbst bei 38kg) noch meine Gewichtszunahme jemals kommentiert, das waren nur Außenstehende, oft sogar Fremde – die aber damit mehr Schaden angerichtet haben. Ich hoffe für dich, dass du jemanden zum Reden hast.

    Wie dem auch sei: Wir sind beide auf einem guten Weg. Vielen Dank für deine Offenheit!

  • #10

    Lena(Sonntag, 22 Januar 2017 13:14)

    Ich muss einfach einen Kommentar hinterlassen, da es der erste Artikel ist, den ich gelesen habe, der genau beschreibt wie es mir erging. Danke für deine Offenheit!
    Ich war durch die Magersucht ein Jahr stationär in Behandlung und nach der Entlassung konnte ich mich nicht kontrollieren, hab gegessen bis zum umfallen… Aber es wurde besser. Es wurde weniger und normaler. Ich denke, dass es viel damit zusammen hing, dass sich mein Gewicht normalisierte. Gut ich hatte irgendwann ein paar Kilo zu viel und kämpfte täglich gegen den Selbsthass, denn auch ich dachte ich sei zügellos und fressüchtig. Aber es wird besser! Versprochen! Jetzt, 3 Jahre später esse ich normal. Esse wenn ich Hunger habe und gönne mir fast täglich etwas Süßes. Klar gibt es die schlechteren Tage, aber das ist schon deutlich seltener geworden. Das sind dann Tage da denke ich, dass das riesige Stück schokokuchen, auf das ich mich so gefreut hatte, nicht hätte sein müssen und sicher mit 3kg mehr auf der Waage zu Buche schlägt. Aber das passiert natürlich nicht.
    Was ich sagen will: Es wird besser! Das schlechte Gewissen geht vielleicht nie zu 100% weg, aber heute ist es bei mir leise und zu 80% weg, denn ja, man darf sich was gönnen und ja der schokokuchen war mega lecker 🙂 UND ein Tipp: wirf die Waage weg! Ich wiege mich nicht mehr und damit geht es mir deutlich besser!!
    Vielleicht kann ich dir mit diesem viel zu langen Kommentar ja Mut machen den Weg weiter zu gehen! Du kannst das schaffen, gib nur einfach nicht auf!
    Alles Liebe!

  • #9

    Dagmar(Sonntag, 22 Januar 2017)

    Oh Heiner, das tut mir leid. Alles Gute für dich.

  • #8

    Heiner(Sonntag, 22 Januar 2017 12:41)

    Hallo, ich freue mich, dass du einen Weg gefunden hast. Geh ihn unbedingt weiter! Meine Frau hat es leider nicht geschafft. Sie starb mit 35 Jahren an der Magersucht. So sinnlos.

  • Hanna(Sonntag, 22 Januar 2017 12:34)

    Na ja 49 kg sind ja auch noch sehr sehr wenig. Da finde ich es total normal, wenn der Körper nach Kalorien schreit.

  • #6

    Ina(Sonntag, 22 Januar 2017 12:26)

    Auch ich habe über den „Spiegel“ hier zu deinem Blog gefunden. Ich finde es ist ein sehr guter und ehrlicher Beitrag. Danke dafür.

    Seit meiner Magersucht sind bereits viele Jahre vergangen (über 30, um genau zu sein). Ein gesundes Verhältnis zu meinem Körper hat sich aber leider nie wieder eingestellt. Mein Körpergewicht beschäftigte mich ständig – selbst während meiner 3 Schwangerschaften. Dieses Beobachten werde ich wohl nie los…
    Momentan wiege ich bei 1,72 m 61 Kilo (so viel, wie nie!!!…) und ich hasse mich tatsächlich regelmäßig für meine Disziplinlosigkeit. Denn diese Disziplin, mich zu kasteien, habe ich tatsächlich (zum Glück?) über die Jahre verloren.
    Na ja – man kann halt nicht alles kontrollieren… Die Macke bleibt zwar, aber das Leben ist trotzdem ganz ok. 🙂

    Alles Liebe dir.

  • #5

    A.(Sonntag, 22 Januar 2017 12:14)

    Hallo,

    ich habe auch Deinen Beitrag auf Spiegel-Online gelesen. Ich kenne diese heimtücksiche Krankheit aus persönlicher Erfahrung, denn ich war mehrere Jahre mit einer magersüchtigen Frau zusammen. In den ganz harten Zeiten, war ihr Gewicht unter 40 kg und ich hatte täglich Angst, dass sie stirbt.
    Unsere Beziehung wurde erst dann einfacher, als ich entschieden habe, mich nicht mehr mit ihrem Essverhalten zu beschäftigen. Das war ihr Ding. In der 39kg Zeit ging das nicht, aber später als es nicht mehr lebensbedrohlich war schon.

    Larissa, ich möchte Dich ermuntern, nicht aufzugeben! Es wird noch lange dauern, bis das Essen für Dich normaler und einfacher sein wird. Schließlich hat es ja auch lange gedauert, bis es so schlimm wurde. Vielleicht wird es nie wieder so unbeschwert werden, wie es war, aber es kann so werden, dass Essen nicht mehr Leiden bedeutet. Egal in welche Richtung. Hab Geduld mit Dir, sei großherzig und hab Dich selbst lieb.

    Hab auch ein wenig Großmut mit denen, die die Krankheit nicht kennen. Sie ist so heimtückisch und so umfassend, dass es bei Außenstehenden leicht zu Mißverständnissen kommt. Es macht natürlich gar keinen Sinn, mit Dir über Dein Essverhalten zu reden. Du weißt doch schon längst alles. Aber wie es sich anfühlt, das können Nichtbetroffene kaum erahnen. Daher machen wir dumme Fehler.

    Also, Kopf hoch! Es gibt viel zu entdecken (als kleine Auswahl: vollständige Sonnenfinsternisse, Fallschirmspringen, mit Delfinen schwimmen, Windeln wechseln, ein Buch schreiben, Thomas Pynchon treffen, mit der transsibirischen Eisenbahn fahren, einen Hai streicheln, Menschen zum Lachen bringen, selber lachen,…. ). Essen ist nicht alles. Für niemanden.

    Rock on, Große.

  • #4

    S. Müller(Sonntag, 22 Januar 2017 11:56)

    Hallo Fr. Sarand,

    wenn man nur Ihre drei Blogeinträge liest, merkt man, dass bei Ihnen auf allen Ebenen etwas schief gelaufen ist. Ich hoffe inständig für Sie, dass Sie die wirkliche tiefgreifende Ursache finden/gefunden haben und wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute. Bleiben Sie am Ball und holen Sie sich Ihr Leben zurück! Wahrscheinlich wird es Sie noch viele Kämpfe mit Ihrer Familie kosten, aber es lohnt sich.

    Gruß
    S. Müller

  • #3

    Lotte(Sonntag, 22 Januar 2017 11:55)

    Danke für diesen Beitrag (hab ihn über Spiegel.de gefunden). Deine Worte könnten meine sein! Ich finde mich sooooo wieder. Dieser unbändige Hunger, das Gefühl alles nach holen zu müssen, die Scham und die Hoffnung, dass es irgendwann wieder aufhört oder nur die Alternative sieht, der Magersucht wieder Raum zu geben…. Danke für deine ehrlichen Worte und viel Erfolg auf deiner weiteren Reise 🙂

  • #2

    Kaffee(Sonntag, 22 Januar 2017 11:47)

    Hallo,

    habe auch zuerst den Artikel auf Spiegel-Online gelesen und dann deine ausführliche Version hier. Ich finde ihn außerordentlich gut und wichtig und glaube, dass du damit vielen Leuten mit ähnlichen Erfahrungen helfen kannst, einerseits, weil du ihnen zeigst, dass sie damit nicht allein sind, und andererseits, weil du auch die wissenschaftliche Erklärung dafür lieferst und dem Ganzen damit einen Teil des Schreckens nimmst.

    Persönlich kann ich dazu sagen, dass es bei mir ganz genauso war. Und diese „Fressattacken“ sind tatsächlich mit der Zeit verschwunden und das ständige Kalorien im Kopf Überschlagen hört auch irgendwann auf. Mir persönlich hat es übrigens geholfen, Sport zu treiben. Damit meine ich nicht exzessiven Sport, um die Kalorien wieder loszuwerden, sondern eben ganz normale Sporteinheiten, wie man sie zum Spaß/als Hobby/in der Freizeit macht. Damit habe ich mich immer wohler in meinem Körper gefühlt und konnte mit dem ganzen Rest auch besser umgehen.

    Wünsche dir weiterhin alles Gute und viel Erfolg. Mach so weiter, es lohnt sich! 🙂

  • #1

    Arnold(Sonntag, 22 Januar 2017 11:13)

    Hi,

    ich habe Deinen Beitrag auf Spiegel-Online gelesen.
    Auf den Bildern, wo Du nur Haut und Knochen bist sahst Du echt nicht gesund aus.
    Bin aber sicher, dass sich das wieder einpendelt, scheinst ja auf einem guten Weg zu sein.
    Wünsche Dir viel Erfolg!
    Viele Grüße aus Ostfriesland
    Arnold

15 Antworten auf „Das große Fressen“

  1. Liebe Larissa,

    Dein Text ist ergreifend, deine Beschreibungen der Krankheit nachvollziehbar erklärt und gleichzeitig bestechend ehrlich und geradeheraus. Ich finde es verblüffend, dass die meisten Kommentare hier von anderen Betroffenen sind. Ich selbst hatte nie eine Essstörung, kann aber Dank Euch jetzt viel besser verstehen, wie sich das anfühlen muss. Dafür vielen Dank!
    Ich finde auch die andere Seite z.B. von Ulrike interessant, wie sie beschreibt, dass sie (offenbar wiederholt) belogen wurde. Ist das möglicherweise manchmal ein Teil der Krankheit?
    Schade, dass nur so wenige Menschen so offen über ihre Schwächen sprechen/schreiben, wie zum Beispiel wenn ihr Eurem Gegenüber nicht sagt, dass ein „Du siehst schon viel gesünder aus“ bei Euch ankommt wie „jetzt bist du fett“. Redet darüber, auch mit uns Außenstehenden. Ich möchte gerne verstehen, was Euch bewegt, auch wenn es etwas ist, was Euch Eure Essstörung halt so weismachen will. Bitte lasst euch nicht entmutigen, von denen, die Euch nicht verstehen und verurteilt sie nicht. Verurteilt auch Euch selbst nicht! Wer Schuld hat ist nämlich am Ende völlig egal. Wichtig ist, aus Eurer Situation das Beste zu machen, ganz egal wie es dazu kam.

  2. Liebe Larissa,
    ich bin unglaublich dankbar endlich einen so ehrlichen und schonungslosen Artikel wie deinen zu lesen. Ich bin schon sehr gespannt auf dein kommendes Buch!! Leider stecke auch ich in einem mir eigens gebautem Gefängnis fest, aber solche Texte ermutigen einen dann doch zum Kämpfen & dass man nicht alleine ist…. was mich aber sehr interessieren würde, wäre ein neues „Statusupdate“ – wie geht es dir mittlerweile und hat sich dein Essen normalisiert und auch ggf. die Zunahme ? Bzw. hast du nach wie vor diesen extremen Hunger und Essanfälle ?
    Wäre über eine Antwort sehr dankbar.
    Liebste Grüße & alles Gute

    1. Liebe Julia,
      danke für deinen Kommentar! Es tut mir sehr leid zu hören, dass dich die Magersucht ebenfalls erwischt hat…
      Hier kommt dein gewünschtes Statusupdate: Die wirklich immensen Essanfälle, die mir in der „Ausstiegsphase“ wirklich das Leben zur Hölle gemacht haben, sind vorüber. Ich befinde mich mittlerweile im (wenn auch unteren) Normalgewicht und komme damit gut zurecht. Aber ich würde lügen, wenn ich behaupte, dass ich nun frank und frei durch die Gegend laufe und ein Stück Sahnetorte nach dem nächsten esse. Nach wie vor gibt es Lebensmittel, die ich meide wie der Teufel das Weihwasser und im Supermarkt landet noch immer alles, was den Zusatz „light“ trägt, in meinem Einkaufskorb. Meistens gelingt es mir aber, dann nur milde zu lächeln und den Kopf über mich zu schütteln – diese „Macken“ sind doch ein Klacks im Vergleich zu dem, was man als „aktiver“ Anorektiker durchzustehen hat.
      Insofern befinde ich mich weiter auf einem guten Weg und kann mir im Moment (und hoffentlich auch niemals wieder) nicht vorstellen, wieder in die Magersucht „zurückzukehren“.
      Ich hoffe, dein „Kampf“ gegen die Krankheit wird bald erfolgreich sein – auch wenn ich das Wort „Kampf“ in dem Zusammenhang etwas schwierig finde. Denn da die Krankheit in dir sitzt, würde das bedeuten, dass du einen Kampf gegen dich selbst führst und den kann man eigentlich nur verlieren. Ich konnte erst dann meinen Weg zur Genesung antreten, als ich mich in mein „Schicksal“ ergeben habe und diese furchtbaren Essattacken zuließ. Mein Körper konnte sich dadurch nehmen, was er dringend brauchte und wieder „Vertrauen“ in mich bzw. eine regelmäßige Versorgung gewinnen. Zugleich war das auch eine Art Schocktherapie, denn wenn man über mehrere Wochen hinweg täglich tafelweise Schokolade in sich hineinstopft, lässt einen hinterher ein Kinderriegel zwischendurch nicht mehr so schnell in Angstschweiß ausbrechen 😉
      Ich hoffe, ich konnte deine Fragen damit beantworten – ansonsten kannst du mir natürlich jederzeit wieder schreiben!
      Viele liebe Grüße und alles Gute
      Larissa

  3. Liebe Larissa,

    ich bin so unendlich dankbar, dass ich über den Artikel im SPIEGEL zu dir gestoßen bin!

    Ich kann mich den Worten vieler meiner Vorredner/-innen anschließen: ENDLICH sprich mal jemand über den Horror des „Danachs“ – wie du schon schreibst, die „aktive“ Zeit der Magersucht ist ein Spaziergang dagegen! Müsste ich alle Zeilen deines Blogeintrags markieren, in den ich mich wiederfinden, müsste ich fast den ganzen Text in das Kommentarfeld kopieren.

    So kann ich einfach nur DANKE sagen – für deine Offenheit, deine schonungslose Darstellung – die so vielen Betroffenen eine echte Hilfe ist! Ich bin so gespannt auf dein Buch!

    Ich möchte mich jetzt auch bereit machen für den steinigen Weg, der vor mir liegt. In erster Linie bedeutet es für mich, mich in „radikaler Akzeptanz“ zu üben und zuzulassen, dass mein Körper sich das holen darf, was er braucht. Noch weiß ich nicht so genau, ob mir mein großer Traum dabei hilft: Im Herbst den New York Marathon zu laufen! Denn ich weiß, dass ich dieses Ziel nur erreiche, wenn mein Körper 100% fit ist. Und dazu gehört nicht nur gutes Training, sondern auch gefüllte Energiespeicher und genügend „Reserven“. Ich wäre neugierig, was du dazu meinst.

    Ich lasse dir ganz liebe Grüße da und wünsche dir auch ganz viel Kraft für deinen weiteren Lebensweg! Keep going!

    Felicitas

  4. Liebe Larissa,

    ich möchte einfach danke sagen! Ich habe schon unendlich viel gelesen, über minnie maud, extreme hunger, alles alles alles. Aber niemals hat ein Erfahrungsbericht oder ähnliches meine Gedanken, Gefühle und Erlebnisse passender getroffen, als dein Weg. Selbst die Kleinigkeiten, wie zu versuchen diesen absurden Hunger mit Kaffee zu stoppen. Ich bin jetzt seit zwei Wochen in dieser „Fressphase“.
    Wie viele andere vor mir frage auch ich mich, wie es dir gerade geht und was sich bei dir tut. Wenn es dir nicht zu lästig ist, würde ich mich sehr über eine private Antwort freuen 🙂
    ich finde, es hilft so sehr, sich auszutauschen. Es hilft, mit der Angst umzugehen.
    Ich hoffe, dir geht es gut. Du kannst so stolz auf dich sein!

    1. Liebe Lea,
      danke für deine Nachricht! Natürlich lasse ich dir über deine Mail-Adresse eine Nachricht zukommen und wünsche dir schon jetzt auf diesem Wege alles, alles Gute und viel Durchhaltevermögen! Es wird besser!!!

  5. Liebe Larissa,
    Auch mir half dein Artikel. Ich kämpfe seit vier langen Jahren gegen die Krankheit. Beruflich habe ich mich neu orientiert und brach das Lehramtstudium ab. Mein Freund und ich trennten uns..Es hat mir gezeigt,dass es mein Weg ist und Druck von oder Beweggründe im Außen nicht helfen..
    Gerade habe ich einen weiteren Klinik Aufenthalt hinter mir und bin mit täglichen Anfälle, mutigen Versuchen, Hilflosigkeit. Verboten und Energie sowie Angst konfrontiert. Gerade fühlt sich kein Weg richtig an und vielleicht ist gerade das das Gefühl, dass mich hinein trieb in die Magersucht.. Zum Glück steht meine Schwester mir zur Seite. Der Unterschied zur Klinik, wo die Tagespläne auch um 3000 kcal +/- lagen um kontrolliert Gewicht aufzubauen, ist, dass jede Gewichtsabnahme durch Essanfälle seht unkontrolliert erscheinen. Das sind sie auch! Nur genau das ist ja das Ziel..loslassen! Aufs Gefühl hören auch wenn es sagt: Familienpizza.
    Heute weinte ich viel, weil es so anstrengend ist aber allein der Austausch über diese Verzweiflung mit sich, half mir.
    Lieben Dank und alles Gute

    1. Liebe Johanna,
      danke für deinen Kommentar. Es tut mir leid zu hören, dass es dir momentan nicht gut geht – aber dennoch lese ich aus deinen Zeilen heraus, dass du Willens bist, weiter zu kämpfen. Dafür drücke ich dir von Herzen die Daumen und kann dir (so wenig tröstlich es aktuell erscheinen mag) nur sagen: Es lohnt sich!
      Alles, alles Gute und die besten Grüße zurück
      Larissa

  6. Hallo!
    Ich schreibe heute zum allerersten Mal einen Kommentar zu einem Internet Beitrag.
    Aber nachdem ich heute – mal wieder – gefressen und geheult hab…
    nun ich heule jetzt auch vor dem Laptop – aber vor Dankbarkeit:
    1) jaaa, es versteht mich jemand
    2) nein, ich bin nicht verrückt oder willensschwach
    3) das gibt’s wirklich und es ist NORMAL
    Wie oft ich für diesen ehrlichen und sehr gut erklärten/begründeten Artikel „Danke“ sagen möchte, kann ich gar nicht ausdrücken.
    Es wird vorbei gehen. Das hilft mir, das ganze Elend vielleicht etwas entspannter zu sehen. Denn es stimmt: Ja, ich sehe mit ein paar Kilos mehr auf den Rippen besser aus. Aber es fühlt sich definitiv nicht so an. Eher so nach „schwangeres Nilpferd“ (aber die sind nicht 1,72 m gross und wiegen 52 kg).

    Nochmal vielen, vielen, vielen Dank!!
    T.

  7. Hallöle,

    auch ich kämpfe seit über 2 Jahren gegen die Anorexie. Als jemand, der davor eher Typ „Frustfresser“ mit dementsprechendem Aussehen war, ist die Aussicht auf FAs natürlich ziemlich unheimlich. Allerdings bin ich seit Wochen am Auffüttern, hab bereits etwas zulegen können – und warte… und warte… aber der extreme Hunger bleibt aus. Muss ich damit rechnen, dass er evtl. später noch zuschlägt oder gibt es auch Fälle, in denen es einfach nicht passiert?
    LG 🙂

    1. Hi,
      ich kenne persönlich auch zwei ehemalige Magersüchtige, die zu den „Glücklichen“ (man beachte die Anführungszeichen!) gehören, die es ohne Fressanfälle aus der Anorexie geschafft haben. Warum das so ist? Keinen blassen Schimmer. Aber offenbar betrifft „das große Fressen“ in der Tat zwar den allergrößten Teil der Patienten, aber eben nicht alle. ich drücke dir also natürlich alle Daumen, dass du weiterhin freiwillig an Gewicht zulegen kannst und von dieser Tortur verschont bleibst. Sollte sich das ändern, bin ich jederzeit für dich ansprechbar, wenn du einen Kummerkasten brauchst 🙂
      Viele Grüße!

  8. Liebe Larissa,

    danke für diesen Bericht. Ich bin nun seit 8 Jahren magersüchtig und habe nach meinem letzten Krankenhausaufenthalt mit Zwangsernährung durch die Magensonde beschlossen, mir helfen zu lassen und in eine Klinik zu gehen. Um das Mindestgewicht zu erreichen, habe ich wieder gegessen und auch bei mir kamen diese Anfälle, sodass ich schon dachte, jetzt fresssüchtig zu sein. Nun bin ich etwas erleichtert.

    An Ulrike : Ihre Vorurteile sind sehr erschreckend. Natürlich weiß man, was man anderen damit antut. Das Schlimme ist ja, dass man 1000 Gründe hat, wieder normal zu essen und zu leben, aber es einfach nicht kann. Das ist, wie jemandem mit Tourette-Syndrom vorzuwerfen, dass seine Aussage beleidiged sind. Ich hoffe, ich werde in der Klinik nicht mit Personal konfrontiert, dass so denkt wie Sie. Und das Leid meiner Familie war übrigens der Hauptgrund, mich für die Klinik zu entscheiden, obwohl ich eine Heidenangst habe.

    1. Liebe Lele,

      danke für deinen Kommentar! Es freut mich wirklich sehr, dass ich dir zumindest einen Teil deiner Ängste mit meinem Beitrag nehmen konnte.
      Falls du in der Klinik wirklich in die ganz und gar nicht wünschenswerte Lage kommen solltest, mit Leuten wie Ulrike konfrontiert zu werden, dann schreib mir doch bitte. Nur allzu gerne mache ich das dann öffentlich! 😉

      Viele Grüße
      Larissa

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