Schulschluss! Warum ich die Brocken einfach hinschmeißen musste.

Von platten Ärschen in einem aufgeblähten System

 

Mehrfach habe ich mich bereits über das Skurrilitätenkabinett Lehramtsstudium ausgelassen. Nun bin ich guter Dinge ins Referendariat gestartet, denn eines war für mich klar: Es kann nur besser werden. Was die Uni stets erfolgreich zu unterbinden wusste, würde sich hier nun nicht mehr vermeiden lassen: Ich würde etwas lernen. Tat ich auch. Ich habe gelernt, dass ich keine Lehrerin sein möchte.

 

Von vorn: Mir wurde ein Ausbildungsplatz an einem sehr guten Gymnasium im Berliner Speckgürtel zugeteilt. „Sehr gut“ bedeutet, dass die Schüler aus gutbürgerlichen, bildungsnahen Haushalten stammen, ihnen von zu Hause aus die hohe Relevanz schulischer Bildung nahegebracht wird und sie sich daher im Unterricht artig betragen, ihre Hausaufgaben erledigen und nach guten Noten streben. Das Lehrerkollegium pflegt einen entspannten, freundlichen Umgang miteinander und alle erledigen ihren Job, sofern ich das beurteilen kann, gut. Kurzum: Der Laden läuft – ich hätte es kaum besser treffen können. Wenn da das Wörtchen „wenn“ nicht wäre.

 

Wenn ich mir nicht Tag für Tag in den sogenannten Unterrichtshospitationen auf einem Stuhl hinten im Klassenzimmer den Arsch platt sitzen und zusehen müsste, wie die Schüler mit müden Gesichtern Tabellen zeichnen, Versmaße bestimmen und über „Lernerfolgskontrollen“ brüten. Nervös wandern ihre Blicke abwechselnd nach vorn Richtung Lehrer und auf den Testbogen ihres Sitznachbarn, in ihren Augen die blanke Panik, wenn sie eine Aufgabe nicht bearbeiten können und die Eins somit in unerreichbare Ferne rückt.

 

Ja, ich hätte einen großartigen Job, wenn mir nicht so verdammt gegen den Strich ginge, dass die notengeilen Kinder in Unterrichtsgesprächen auf die Fragen des Lehrers nur mit Aussagen antworten, die dieser vermeintlich hören will. Fragt man sie zu einem Thema nach ihrer eigenen Meinung, bleiben die Arme, insbesondere die der Mädchen, unten. Als ich in einer neunten Klasse eine Vertretungsstunde über die Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen hielt, teilte ich einen Arbeitsbogen aus, den ich über die Bundeszentrale für Politische Bildung gefunden hatte. Auf diesem waren einige Thesen formuliert, denen die Schüler durch das Setzen eines Kreuzchens zustimmen oder sie ablehnen konnten. Eine der (plakativen) Behauptungen lautete: „Männer sollten immer die Hauptverdiener einer Familie sein.“ In der gemeinsamen Auswertung stellte sich heraus, dass selbstverständlich alle 25 Nasen im Klassenzimmer ihr Kreuz brav bei „Nein“ gesetzt hatten.

 

Ich notierte das Ergebnis an der Tafel, wo sich bereits eine stattliche Anzahl an emanzipierten und politisch korrekten Schülerantworten gesammelt hatte.  Bei nahezu jeder einzelnen These hatten die Schüler offenbar ein und dieselbe „Meinung“, die in höchstem Maße von Toleranz, Solidarität und einem ausgeprägten Sinn für Gleichheit und Gerechtigkeit zeugte. Eher wird Robert Geißen der nächste deutsche Bundespräsident als dass in dieser Klasse eine kontroverse Diskussion geführt wird.


Ich hielt kurz inne und besah mir das Tafelbild, das jedem Gleichstellungsbeauftragten Tränen der Rührung in die Augen getrieben hätte. Dann drehte ich mich zurück zu den Schülern und wich vom geplanten Stundenverlauf ab: „Ich wende mich jetzt an die Jungs der Klasse. Geht mal kurz in euch und stellt euch vor, ihr wärt jetzt Mitte Dreißig und hättet eine kleine Familie. Eure Ehefrau verdient 1000 Euro mehr pro Monat als ihr. Dank ihres guten Verdienstes könnt ihr euch Dinge leisten, die sonst nicht möglich wären. Das ist natürlich eine gute Sache. Und jetzt Hand aufs Herz: Wer von euch hätte – trotzdem oder gerade deswegen – heimlich ein Problem damit, dass er weniger Geld nach Hause bringt als seine Frau?“

 

Kein einziger Schüler zeigte auf, aber ich beobachtete, wie einige der Jungen sich gegenseitig angrinsten und bedeutungsschwangere Blicke austauschten. „Das hier ist eine Vertretungsstunde und ich verteile heute keine Noten“, setzte ich nun hinzu. Und siehe da: Ein Arm nach dem anderen wurde zögerlich in die Höhe gereckt. Von 14 Jungen in der Klasse beantworteten schließlich 13 die Frage, ob sie ein Problem damit hätten, wenn ihre Frau mehr verdient als sie selbst, mit „Ja“. Ich schrieb das Resultat der Abstimmung neben das unisono angekreuzte „Nein“ auf die Behauptung hin, Männer sollen in der Familie die Rolle des Hauptverdieners einnehmen. „Warum habt ihr da dann eben mit ‚Nein‘ geantwortet?“, fragte ich ins Plenum. „Naja, weil das halt die richtige Antwort ist“, konstatierte David aus der zweiten Reihe frei heraus. „MELDEN, bevor man spricht!“, wies Sonja ihn von hinten zurecht. Ich hob, nicht ohne innerlich mit den Augen zu rollen, beschwichtigend die Hände in Sonjas Richtung zum Zeichen, dass es gerade okay war, diese unumstößliche Regel einmal zu umgehen und wandt mich an David: „Aber ihr solltet ja ankreuzen, welcher Aussage ihr persönlich zustimmt oder nicht. Kann es da denn ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ geben?“ „Klar“, schaltete sich nun Max im Brustton der Überzeugung ein, „es geht hier ja immerhin auch um die mündliche Note!“

 

Ich habe mich nicht für den Lehrerberuf entschieden, weil ich kleine Köpfe so gern mit all dem großen Unsinn füttern wollte, die die Rahmenlehrpläne uns diktieren. Diesen stehe ich nicht zuletzt so kritisch gegenüber, weil mich die dortigen Formulierungen daran zweifeln lassen, dass es den Autoren darin tatsächlich um die Förderung und Entwicklung junger Menschen geht. Wenn Sie mich fragen würden, was ich am Deutschunterricht als besonders wichtig ansehe und ich würde Ihnen mit einem Zitat aus dem Curriculum antworten – Sie würden, nicht zu Unrecht, an meiner Zurechnungsfähigkeit zweifeln: „Im Mittelpunkt des Deutschunterrichts stehen die Lernenden als lesende, schreibende, sprechende und urteilende Individuen, die zur selbstständigen und kompetenten Teilnahme am kulturell-ästhetischen, geistigen, politischen und gesellschaftlichen Leben befähigt werden sollen.“ Das klingt fast ein wenig unheimlich, finden Sie nicht auch?

 

Aber wie schon gesagt: Meine zugegebenermaßen ohnehin nie ausreichende Motivation für diesen Job habe ich nicht daraus gezogen, dass ich „lesenden, schreibenden, sprechenden und urteilenden Individuen“ so gern den Unterschied zwischen Haupt- und Nebensätzen erkläre. Warum ich dann überhaupt auf Lehramt studiert habe? – Andere Geschichte (siehe den Artikel „Die Leere in der Lehre“). Aber Fakt ist: Mich hat durchaus die Aussicht darauf gereizt, Kinder und Jugendliche beim Erwachsenwerden zu begleiten, ihre Entwicklungen mitzuerleben und vor allem: Ihnen helfend zur Seite zu stehen, wenn sie in Schwierigkeiten geraten.

 

Wenn das im Schulbetrieb doch nur so einfach wäre…: Ich bekam es mit Fridolin zu tun. Fridolin ist 14 Jahre alt und, euphemistisch ausgedrückt, eine Herausforderung. Schon in meiner ersten Unterrichtsstunde in der Klasse ließ er mich auflaufen, in dem er auf sein Namensschild „Kevin-Mercedes“ anstatt seines richtigen Namen schrieb und sich lautstark über seinen vermeintlichen Gag beölte. Er unterhielt sich vollkommen unbefangen über mehrere Reihen hinweg mit seinen Klassenkameraden, begann zu singen, fiel mir ungefragt und frech ins Wort und zeigte sich immun gegenüber jeder Aufforderung dem Unterricht zu folgen. Er bettelte förmlich um meine Aufmerksamkeit und sei diese noch so negativ.

Um es kurz zu machen: Der Backfisch sprengte mir mit seinem Verhalten und dadurch, dass er auch andere zur Nachahmung anstachelte, die ganze Stunde.

Natürlich empfand ich Fridolin als anstrengend, aber ich nahm ihm sein Verhalten nicht übel. Man muss kein Psychiater sein, um festzustellen: Das Kind hat Probleme. Ich sprach eine Lehrerin auf den Jungen an. „Ja, Fridolin ist sehr schwierig, das dürfen Sie nicht persönlich nehmen“, sagte sie sofort. „Ich habe das auch nicht persönlich genommen“, entgegnete ich, „aber was können wir denn für ihn tun? Er verhält sich doch nicht so, weil er so gern vom Lehrer getadelt wird – da steckt doch etwas anderes dahinter.“ Meine Kollegin nickte. „Sicher. Keine Ahnung, was da los ist. Aber das einzige, was wir machen können, ist Druck über die Noten ausüben. Wenn er stört, sagen Sie einfach, dass Sie ihm für die Stunde eine Fünf oder eine Sechs für die mündliche Mitarbeit geben. Das wirkt.“

Kein Vorwurf an die von mir hochgeschätzte Kollegin! Es geht einfach nicht anders, wenn man im Durchschnitt 125 Schüler unterrichtet und zusätzlich immer wieder für Vertretungsunterricht eingesetzt wird.

 

Dennoch: Wenn ich doch nur glauben könnte, ich würde nach solchen Ereignissen abends entspannt in den Schlaf finden, weil ich die „Lösung“ des Problems in Form einer schlechten Zensur gefunden habe, dann würde ich weitermachen wie bisher und mir dieses verdammte zweite Staatsexamen holen.

 

Vielleicht könnte ich mich mit dem Job als Lehrer anfreunden, wenn mir nicht solche Erlebnisse den ganzen Tag nachhängen würden – oder Begebenheiten, wie sie sich in einer Hospitationsstunde im Deutschunterricht einer elften Klasse zugetragen haben: Die Schüler beackerten in Stillarbeit eine Aufgabe aus ihrem Arbeitsbuch, um ihren „domänenspezifischen Kompetenzerwerb“ zu fördern, indem sie „Texte unterschiedlicher medialer Präsentationsformen analysieren und interpretieren“, wie es im Rahmenlehrplan so schmissig formuliert ist. Ich saß wie immer in hinterster Ecke und rutschte so unauffällig wie möglich auf meinem Stuhl hin und her, um meinen vom ganzen Herumgesitze schmerzenden Hintern zu entlasten.

 

By the way: Liebes Ministerium für Bildung, Jugend und Sport, ich bin mir sicher, dass ihr euch beim Erstellen des Ausbildungsplans für die Lehramtskandidaten die allergrößte Mühe gebt. Aber wenn ihr eure Pläne mal versuchsweise selbst befolgen würdet, wüsstet ihr: Die unzähligen obligatorischen Hospitationen sind im wahrsten Sinne des Wortes für den Arsch. Denn die zahllosen verschiedenen Unterrichtsmethoden und die professionelle Stunden-Phasierung und –Verlaufsplanung, die wir da beobachten sollen, sehen wir dort nicht, weil es diese schlicht und ergreifend in der Praxis häufig gar nicht GIBT! Klar, denn zusätzlich zum täglichen Unterricht haben Lehrer auch noch diverse Formalitäten, Schüler-/Lehrer-/Klassen-/Gesamt-Konferenzen, Elternabende und Fortbildungen abzuarbeiten. Was wir also häufig sehen, ist Türschwellenpädagogik. Bitte nicht falsch verstehen: Auch Stunden, denen keine 15-seitige schriftliche Verlaufsplanung vorausgeht, wie Referendare sie für die „Vortanz-Stunden“, äh – ich meine natürlich „Lehrproben“ anfertigen müssen, sind oft gute Stunden! RESPEKT vor jedem Kollegen, der das beherrscht!

 

Aber Fakt ist, liebe Ministerialbeamte: Wir lernen da beim Zugucken nicht halb so viel, wie ihr gerne glauben möchtet. Ich habe in meinen Hospitationen Einkaufslisten geschrieben, neurotisch die Buchstaben in meinem Kalender ausgemalt, übers Smartphone bei Media Markt den „Schnapp des Tages“ bestellt und in besonders langen Stillarbeitsphasen sogar Tagebuch geführt. Vielleicht mein eigener Fehler, aber dennoch: Die Minuten waberten nur so dahin und ich frage mich, ob Salvador Dali vielleicht selbst einmal als Referendar tätig war und ihm die Idee zu seinem berühmten Gemälde „Die Beständigkeit der Erinnerung“, auf dem drei zerfließende Taschenuhren vor schroffer Felslandschaft zu sehen sind, während einer Hospitation gekommen sein könnte. Kurzum: Ich fühlte oft regelrecht bestraft durch den Zwang diese Stunden abzusitzen. Was bei den Schülern Nachsitzen heißt, das ist für mich als Referendarin die Hospitation.

Die Seminare am Studienseminar hingegen (auch wenn diese hin und wieder an angeleitete Selbsthilfegruppen erinnern) sind gut, wichtig und von motivierten sowie praxiserfahrenen Dozenten geleitet. Wie schade, dass mir solche Kaliber nicht schon im Studium begegnet sind – der Praxisschock und die immense persönliche Unsicherheit zu Beginn des Referendariats wären nicht halb so groß ausgefallen.

 

Doch zurück zu besagter Stunde in der elften Klasse: Mitten im Unterricht wurde die Tür geöffnet und die Oberstufenkoordinatorin trat ein. Sie informierte die baldigen Abiturienten darüber, dass diese die Möglichkeit hätten, sich einem "studienfeldbezogenen Beratungstest" der Agentur für Arbeit zu unterziehen. Die Bereiche, die der Test abfragt, sind: Wirtschaftswissenschaften, Informatik/Mathematik, Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften, Philologie und Rechtswissenschaften. Eine Liste wurde herumgereicht, auf der die Schüler notieren sollten, auf welchem Fachgebiet sie getestet werden wollten. Natürlich wurde sofort Gemurmel laut – sie hatten offenbar das Gefühl, sich quasi ad hoc für ein Studiengebiet entscheiden zu müssen. Aufgeregt rätselten sie untereinander, was wohl „Philologie“ bedeutete, welche Studienfächer sich hinter „Wirtschaftswissenschaften“ verbargen und wo man sich eintragen müsse, wenn man „irgendwas mit Medien“ machen wolle.  Sich mit diesen Fragen zu melden, getraute sich niemand – wohl aber mit folgenden: „Wird der Test benotet?“ und „Was können wir dafür lernen?“ Die Koordinatorin hatte keine weiterführenden Informationen von der Arge bekommen und musste die Antworten schuldig bleiben, was die allgemeine Aufregung in der Klasse noch zusätzlich befeuerte. Mit ratlosen Gesichtern trugen sie sich in die Liste ein und berieten sich nun mit ihren Sitznachbarn darüber, wo sie sich Lernunterlagen für den Test beschaffen könnten.

 

Mich hielt es kaum noch auf dem Stuhl und diesmal nicht nur aufgrund der hinreichend beschriebenen körperlichen Problematik. Als die Kollegin mit der Liste von dannen gezogen war, meldete ich mich und bat darum, etwas sagen zu dürfen. Ich versuchte es mit einem Appell: „Wenn ihr ein bestimmtes Fach wirklich gern studieren wollt, dann lasst euch bitte, bitte nicht von dem Ergebnis eines solchen Tests davon abbringen. Mal abgesehen davon, dass ich mit der Studienberatung bei der Arbeitsagentur ohnehin so meine zweifelhaften Erfahrungen gemacht habe, wird im Studium oft nichts so heiß gegessen wie es gekocht wird. Wenn ihr das wollt, dann packt ihr das auch! Euch ist nicht damit geholfen, wenn ihr euch dann aus Angst für ein Fach entscheidet, das euch gar nicht wirklich interessiert!“ Gerade noch verkniff ich mir den Zusatz: ‚Ich weiß, wovon ich rede‘… Nun sahen die Schüler mich ebenso ratlos an wie kurz zuvor die herumgereichte Liste. Schließlich fand Nico, an mich gerichtet, seine Sprache wieder: „Haben Sie auch so einen Test gemacht? Was haben Sie dafür gelernt?“

 

Wenn mir dieser Test der Arbeitsagentur doch nur Ruhe gelassen hätte. Tat er aber nicht.
Zu Hause rief ich die Website der Arge auf und lud mir die dazugehörige PDF herunter. Ich war wirklich neugierig, wie sich „das Amt“ seit meiner eigenen Abiturienten-Zeit weiterentwickelt hatte. Damals saß ich im Büro der Studienberatung vor einer älteren Dame, die mich, mein Abiturzeugnis über den Rand ihrer Brille hinweg musternd, fragte, was mich „denn so interessiere“. Ich antwortete, dass ich gern lese und schrieb. Sie nickte bedächtig und stellte fest: „Dann wäre ja Journalismus vielleicht was für Sie. Aber dafür ist ihr NC zu schlecht. Germanistik gäbe es natürlich auch noch, aber da können Sie dann parallel gleich den Taxi-Schein machen. Studieren Sie doch BWL, damit finden Sie immer einen Job.“ Mit anderen Worten: Ich hätte mir in der Zeit, die ich auf dem Arbeitsamt für dieses „Beratungsgespräch“ verplempert habe, auch die Zehennägel schneiden können – da hätte ich mehr von gehabt… Fun fact: In meiner gesamten Studienzeit war die BWL-Klausur, die ich für mein Politik-Studium schreiben musste, die einzige, für die ich mehrere Anläufe und eine gehörige Portion Glück benötigt habe.

 

Ich öffnete die Datei. Schon das Cover der Broschüre ließ mich mit dem Kopf schütteln: „Studienfeldbezogener Beratungstest (SFBT): Probieren geht über Studieren“. Alles klar, liebe Arge: Euer Test fällt also unter die Rubrik „Probieren“, ja? In den allgemeinen Informationen heißt es dann: „Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass Personen, die in diesen Tests gut abschneiden, mit erhöhter Wahrscheinlichkeit auch gute Studienleistungen in den jeweiligen Fächern erbringen.“ Interessant – heißt das im Umkehrschluss, dass ich „mit erhöhter Wahrscheinlichkeit“ weniger gute Leistungen in der Uni erbringe, wenn ich einen solchen Test nicht zuvor absolviert habe? Könnte das Ergebnis der ominösen wissenschaftlichen Untersuchungen auch damit zusammenhängen, dass die Probanden sich auf einem Gebiet haben testen lassen, dass ihnen ohnehin liegt? Und ist es nicht wahrscheinlich, dass die teilweise noch 15 (!!!)-jährigen Schüler, denen ihr euren Verfahren unterzieht, sich persönlich und kognitiv weiterentwickeln und trotz mittelmäßiger Testergebnisse erfolgreich studieren können?

 

Ich scrollte weiter zu den einzelnen Fachrichtungen. Unter dem Punkt „Wirtschaftswissenschaften“ heißt es: „Der Test verlangt unter anderem, komplexe, formalisierte Funktionssysteme zu analysieren und die gewonnenen Erkenntnisse auf konkrete Fragestellungen zu übertragen.“ Ich dachte, bei diesem SFBT handele es sich um einen Test für Studieninteressierte und nicht für Absolventen. Wobei selbst letztere wohl ihre liebe Müh mit diesen Anforderungen hätten, unter denen man sich als Normalsterblicher, seien wir doch mal ehrlich, ohnehin gar nichts „Konkretes“ vorstellen kann.


Als ich bei „Rechtswissenschaften“ angelangt war, blieb mir nun aber wirklich die Luft weg. Zum Inhalt des Tests: „In verschiedenen Aufgabenstellungen stehen dabei Ihr Abstraktionsvermögen und logisch-analytisches Denken im Mittelpunkt sowie Ihre Kompetenz zum differenzierten sprachlichen Ausdruck und Ihre Fähigkeit, komplexe Informationen auf das Wesentliche zu reduzieren.“ Haben Sie schon mal ein Schreiben von einem Anwalt oder vom Justizministerium bekommen? Hatten Sie den Eindruck, dass darin komplexe Informationen auf das Wesentliche reduziert worden sind? Ich glaube, wir alle kennen die Antwort.

 

Das also sind die Verfahren, die angewandt werden, um Ihre Kinder bei der Berufswahl zu unterstützen, meine Damen und Herren. Zumal ich mich ohnehin frage, wann die Sache mit den ganzen Eignungstests ihren unrühmlichen Anfang genommen hat. Warum haben die Kinder offenbar kein eigenes Gespür mehr dafür, was sie selbst möchten und können? Wann haben Sie aufgehört, mit Ihren Kindern über deren Wünsche, Neigungen und Talente zu sprechen, sodass Ihre Söhne und Töchter aus freiem Wunsch und echter Überzeugung heraus ein Zukunftsziel formulieren können, mit dem die ganze Familie gut leben kann? Haben Sie überhaupt damit aufgehört? Nimmt man Ihnen mit solchen Testaten nicht auch eine erzieherische Aufgabe, und zwar eine schöne, aus der Hand?

 

Doch auch die äußeren Umstände tragen sicher einen Teil zu der häufig ebenso ideen- wie ideologielosen Schülerschaft bei: Vor vielen Berufsausbildungen will ein oft mehrtägiges Assessment Center durchlaufen werden, wo diverse fachliche und soziale Kompetenzen (schon wieder dieses Wort!) sowie die individuelle Stressresistenz geprüft werden. Dazu eingeladen werden natürlich nur die Bewerber mit dem besten Schnitt. Um die Ausbildung zur Verlagskauffrau, die ich vorm Studium hinter mich gebracht habe, haben sich Hunderte beworben. Und zumindest in der Auswahlrunde, in der ich war, hatte ich als Einzige nur ein Zweier-Abitur. Können eine solche Lehre generell nur noch Gymnasiasten bestehen?

Über die NC-Grenzen aus Wolkenkuckucksheim an den Unis will ich an dieser Stelle erst gar nicht anfangen. Oder doch: Liebe Profs, warum wehrt ihr euch nicht? Habt ihr noch nicht gemerkt, dass es nicht der 0,8er-Abischnitt ist, der eure Studenten zu guten Ärzten werden lässt? Dass nicht alle von denen checken, dass zu diesem Beruf viel Einfühlungsvermögen, Empathie und gesunder Menschenverstand gehören? Ich will hier natürlich nichts verallgemeinern und spreche nur aus persönlicher Erfahrung, wenn ich sage: Ich habe zwei schwer kranke Eltern bis zu ihrem Tod gepflegt und kenne daher zahlreiche Krankenhäuser und Praxen von innen. Mir sind häufig Ärzte begegnet, denen es an allen drei der von mir genannten Punkte gehörig mangelte. Soft Skills: Note 6.

 

Warum wird an den Unis der Abiturschnitt nicht je nach Studiengang differenzierter betrachtet?
Es kann doch nicht sein, dass einem jungen Menschen, der gern Anglistik studieren würde, eine schlechte Zensur in der Sport-Prüfung einen Strich durch die Rechnung macht, weil diese zu einer weniger guten Gesamtnote führt. Dass jemand den Felgunterschwung in den Oberarmstütz nicht fehlerfrei beherrscht, macht ihn doch noch lange nicht dümmer, oder?

 

Ich schweife ab – die Frage lautet: Wie sollen sich die Kinder trauen, eigene Wünsche zu entwickeln und diese zu verfolgen, wenn die externen Hürden häufig nahezu unüberwindbar scheinen? Wenn ein Haupt-oder Realschüler kaum noch Aussicht auf eine grundständige kaufmännische Ausbildung hat? Und eben wenn irgendwelche Testverfahren dem eigenen Gefühl widersprechen und im Zweifelsfall eine massive und unnötige Verunsicherung mit sich bringen?

 

Dass Bildung im Wahlkampf seit Langem auf der innenpolitischen Wahlkampfliste ganz oben steht, macht die Sache natürlich auch nicht leichter, weil einfach niemals eine dauerhafte Einigung in Bezug auf Irgendetwas erzielt wird. Und so hocken die Schüler auch weiterhin in maroden Klassenzimmern auf Kufenstühlen, die derart unkomfortabel sind, dass wir sie uns daheim nicht einmal für umsonst hinstellen würden und starren an Landkarten, auf denen noch die Mauer eingezeichnet ist.

 

Ja, ganz recht: Jetzt komme ich auch noch mit der alten Leier von den schlecht ausgestatteten und sanierungsbedürftigen Schulgebäuden. Ich kann es ja selbst nicht mehr hören, aber man muss sich doch fragen: Warum ändert sich so wenig? Warum zucken wir nur mit den Schultern, wenn wir hören, dass sich Schüler Toilettengänge verkneifen, weil es auf dem Schul-WC weder Toilettenpapier noch –brillen gibt? Wären Sie genauso fatalistisch, wenn die sanitären Einrichtungen bei Ihnen im Büro in einem solchen Zustand wären? Oder wenn Ihr ergonomischer Drehstuhl aus Kostengründen gegen ein Sitzmöbel wie das aus dem Klassenzimmer Ihrer Kinder ausgetauscht werden soll?

Unternehmen investieren zum Teil viel Geld in die Arbeitsplatzgestaltung und versprechen sich davon gesunde, motivierte Angestellte. Spricht man der Ausstattung und Umgebung des Arbeitsplatzes eine Auswirkung auf die Arbeitsleistung zu, braucht sich niemand über die ernüchternden Ergebnisse der Vergleichsarbeiten und PISA-Studien (über deren Sinnhaftigkeit ich mich hier nicht weiter äußern werde, sonst wird der Text zu einem Roman…) an deutschen Schulen zu wundern.

 

Ich muss zu einem Schluss kommen: Wenn das alles nicht so traurig wäre, könnte ich lachen. Kann ich aber nicht. Ich bin endlich zu der Erkenntnis gekommen, dass ich das ganze Bildungssystem von vorne bis hinten scheiße finde und dass ich da nicht mitmachen kann.

 

Die Schule hat in ihrer derzeitigen Form in meinen Augen nicht die Chance, Kinder und Jugendliche individuell zu fördern und ihnen ausreichend Raum für ihre eigene, ganzheitliche Entwicklung zu gewähren. Schüler und Lehrer sind bezüglich der Lerninhalte curricularen Vorgaben unterworfen, hetzen von Thema zu Thema und müssen zudem beiderseits eine derart hohe Anzahl an Zensuren generieren, dass einem schwindlig werden kann.  „Die Bildung wird täglich geringer, weil die Hast größer wird“, erkannte schon Nietzsche – und seitdem haben wir noch einmal ordentlich Tempo angezogen. Und so schreiben die Einen Testate bis zur Sehnenscheidenentzündung und die Anderen korrigieren sie bis in die Nacht. Unterschiedliche Statistiken zeigen, dass jeder dritte Lehrer während seines Berufslebens an einem Burnout erkrankt. Leider fehlen Studien dazu, wie es diesbezüglich auf der Schülerseite ausschaut. Gibt es Gewinner in diesem System? Ich wäre sicher keiner.

Wer sich zu diesem Statement die volle Dröhnung geben will, dem sei die ZDF-Sendung Leschs Kosmos - „Unser Schulsystem ist Mist“ empfohlen (https://www.zdf.de/dokumentation/terra-x/unser-schulsystem-ist-mist-102.html).

 

Ich bewundere Lehrer, die unter diesen Bedingungen in der Lage sind, mit strahlendem Gesicht einen guten Job abzuliefern und „nebenbei“ auch noch die Sache mit der Inklusion auf die Kette bekommen. Und ich ziehe den Hut vor den Schülern, die es schaffen diesem Druck standzuhalten und nach acht Stunden Schule in unterschiedlichen Fächern zu Hause noch brav ihre Hausaufgaben erledigen und für die nächste Klausur büffeln.

 

Jedem, der seinen Platz in diesem System gefunden hat, wünsche ich alles erdenklich Gute und weiterhin viel Durchhaltevermögen. Aber ich … Ich bin raus.

 

 

Kommentare: 109
  • #109

    Markus (Donnerstag, 25 Mai 2017 19:12)

    Klasse! Vielen Dank für die ehrliche Beruchterstattung und die schonungslose Einschätzung und Meinung. Sehr, sehr gut, erfrischend und in der heutigen Zeit leider immer seltener.

  • #108

    Christian (52) (Mittwoch, 24 Mai 2017 23:54)

    Wow! Das ist ja mal ein Feuerwerk an Reflexionsvermögen! ...Mit einer radikalen Konsequenz! Manch eine/r fühlt sich da ein bisschen ertappt, wie mir scheint. Tja, es gibt eben auch heutzutage Leute, die es mit der Wahrhaftigkeit durchaus genau nehmen und keine faulen Kompromisse eingehen wollen. Ich kann mich täuschen, aber mir drängt sich der Eindruck auf, dass ich so etwas bei jungen Frauen viel öfter erlebe als bei jungen Männern.

  • #107

    Johannes (Mittwoch, 24 Mai 2017 06:38)

    Danke. Mir ging es genauso! Das Ref abzubrechen war das einzig Richtige.

  • #106

    Tatjana (Mittwoch, 24 Mai 2017 00:34)

    Wunderbar, danke für den schmissigen Text! Bitte noch mehr Kritik und Reflexion. Vielleicht erlebe ich es ja noch, dass mal noch ein " Ruck" durch unser Bildungs- und Schulsytem geht!?? Bleiben Sie bitte dran an diesem Thema.

    Seit den 70 er, so hat uns unser damaliger Päd. Psy. Prof schon in den 90er an der FU Berlin erklärt, wisse man im Groben und Ganzen, was es für guten Unterricht brauche. Entweder das Bildungssystem (Wirtschaftssystem/ Politiksystem) oder aber auch die Eltern selbst -gibt es auch! (ich brauche aber eine Note für mei Kind)- boykottierten seither jeden Wandel/ Update. Oberflächlich wird natürlich exzessiv reformiert, die Lehrer kommen ja kaum hinterher, aber in der Tiefe ändert sich - nichts. Im Gegenteil, die Ressourcen werden immer knapper, das kommt noch hinzu. Es gib ein paar gute Reformansätze, aber diese Schulen sind die absolute Ausnahme.

    Die althergebrachten Muster von Bevormundung, Beurteilung, Machtverhalten, Einheitstrimm, einseitigem Leistungsdenken und Nicht-gesehen werden ...u.s.w. sind wie Superkleber. Aber der Markt braucht ja auch angepasste unmündige Bürger, die sich in Konzernen ausbeuten lassen und denk-tot stellen (dort wie die Regierung bezüglich, Kritik ist unangenehm und mündige Menschen lassen sich so schlecht "führen" und bedenkliche Wirtschaftssysteme füttern, auf denen unser "Wohlstand" basiert).

    Um diese Höchstleistung erbringen zu können, muss diese Anpassungsleistung langjährig anerzogen werden.
    Ich arbeite seit vielen Jahren im System. (Ich frage mich, wie das pasieren konnte). Ich halte es kaum aus, mit anzusehen, wie diese kreativen, wunderbaren -oder auch herausfordernden, belasteten und schwierigen - kleinen oder oder halbgroßen Persönlichkeiten diese Anpassungprozesse durchlaufen müssen, in denen sie am Ende überhaupt nicht mehr wissen, wer oder was sie sind, was für wunderbare Begabungen sie für diese Erdenzeit mitbringen und wie kostbar und wichtig ihr Beitrag für uns alle ist. Sie erfahren nur vereinzelt ansatzweise und viel zu selten (durch engagierte einzelne Lehrer), wie gute Unterstützung und Hilfe in dem Prozess, diese Fähigkeiten hervorzubringen, aussehen kann. Aber auch die Lehrer leiden viel, wie im Artikel und im Blog ja auch anklingt. Und es finden sich immer weniger, die diesen Job machen wollen, ebenso wie die Schulleitungen. A propos- die Personalpolitik in der Schulverwaltung wäre auch mal einen Artikel wert....

    Aber das Bildungssystem will einen Teufel tun, das System zu verändern. Machtkalkül und Publicity sind wichtig. Dominanzgehabe, Sich Verkaufen. Verantwortungsdiffuion im Ämterwald, Buckeln und Treten leider auch. Leistungsdruck. Tja bei diesen gelebten Werten "oben" wie soll es da unten anders aussehen?
    Konkurrenzdenken und fixe Systeme nähren Mobbing lernen und lehren wir in unseren Fortbildungen, genauso macht es der "Staat" übringes und viele der dort arbeitenden Menschen. System bleibt sich treu.

    Sorry für die Deutlichkeit, aber neben dem einzlenen Menschen, der es menschlich macht und von denen es einige gibt- GOTT SEI DANK- und die dabei viele Federn lassen muessen, hochbedenkliches System. Demokratisches Denken ist hier viel zu bedrohlich. Was bedrohlich ist, wird unterdrückt.

    Ich finde es frustrierend, dass nicht mehr passiert auf allen Ebenen. Deshalb meine Bitte : Dranbleiben!
    MfG Tatjana

  • #105

    Marianne Dolans (Dienstag, 23 Mai 2017 16:14)

    Liebe Anna (Sonntag, 21 Mai 2017 15:39) - Der Staat hat nichts mit dem Volk gemein, wie das Volk mit dem Staat. Der Staat - was man darunter versteht, benützt das Volk als seine - gesetzlich definierten - Leibeigene, seine Arbeitssklaven, seine Zwangsabgabenzahler, seine "Gläubigen" ! Wenn Schulen Bildung vermitteln würden, wo sollen dann die sein, welche sich für den Staat benützen lassen, die Zwangsabgaben erwirtschaften, sich finanziell enteignen lassen. Sich ihr Abgabenpflichtiges Besitztum als "Eigentum" ansehen, um dafür Steuern zu bezahlen. KFZ-, / Grund-, / "Eigentums-Steuer, usw. Ja, Gläubig muß man sein ! Es können nicht alle Kaiser spielen, aber viele das spielen des Kaisers finanzieren !

  • #104

    Marianne Dolans (Dienstag, 23 Mai 2017 16:04)

    Mein Gedanke dazu ist, daß jeder Mensch von seinem ersten Tag an auf dieser Welt indoktriniert wird, durch die, an den Eltern schon erfolgreich - erfolgte Indoktrination. Hinzu kommt der Glauben - der als Kind nötig ist, aber im späteren das Denken ersetzt - was fatale Folgen - wie man schon an den Kindern in der Schule sieht - zur Folge hat. Demnach denken die meisten Menschen nicht, sondern bestätigen sich gegenseitig im intuitiven Gedanken-, und Wissen Austausch dessen, was man gehört, gelesen oder gesagt bekommen hat.

  • #103

    Peter Schade (Montag, 22 Mai 2017 10:04)

    Diese Eindrücke sind in der Tat bedrückend und entmutigend zugleich. Aber dass wir mittlerweile Generationen von stromlinienförmigen Anpassern erziehen, ist ja keine neue Erkenntnis. Die Frage, die ich mir stelle, lautet: Wer, wenn nicht jene jungen Lehramtsanwärter wie Sie, soll denn dagegen ansteuern? Wo bleiben die jungen Menschen, die sich gegen das zu beanstandende System auflehnen? Liegt es nicht vielleicht auch daran, das viele Menschen angesichts des grassierenden "Mainstreams" vorzeitig kapitulieren? Ich denke, zu desertieren ist auch keine Lösung, die uns (und auch Sie) weiterbringt. Natürlich ist der Beruf des Lehrers sehr mühsam, anstrengend und gelegentlich auch entmutigend. Aber es lohnt sich um jeden einzelnen Schüler, der sonst um eine Chance gebracht wird, sich zu einem mündigen, sich seiner selbst bewussten und mutigen Bürger zu entwickeln. Sie und ihresgleichen wären eigentlich dafür prädestiniert. Denken Sie einmal darüber nach.

    Mit aufmunternden Grüßen

  • #102

    STeffi (Sonntag, 21 Mai 2017 16:47)

    Einige Kommentare finde ich ...-amüsant. Und traurig zugleich. Hier fühlen sich wohl einige Lehrer auf den Schlips getreten. Klar, diejenigen, die sich nicht trauen, so wie du, die Brocken hinzuschmeißen! Wenn man im System steckt, kann man nichts ändern. Man wird vom System bestimmt. An alle Lehrer: Es gibt immer mehr Eltern (darunter viele ehemalige Lehrer), die ihre Kinder aus dem Schulsystem holen (ins Ausland ziehen, auf Reisen gehen etc.), weil Kinder in diesem System einer Gewalt ausgesetzt sind, die auch der liebevollste Lehrer nicht ausgleichen kann. In GB gibt es ca. 100000 freilernende Kinder, in Frankreich 20000 - Tendenz steigend! Warum nur...?!?
    Macht euch schlau, lest Gerald Hüther, Gordon Neufeld.
    Herzliche Grüße von einer ausgestiegenen Lehrerin

  • #101

    Anna (Sonntag, 21 Mai 2017 15:39)

    Ich verstehe Sie! Unser Schulsystem ist so großer Müll, dass man schon fast darüber nachdenkt, ob es nicht sinnvoller wäre, die Schulpflicht wieder abzuschaffen. Den Kindern zu Liebe!
    Ich hatte schon in der 5. Klasse keine Lust mehr auf Schule und mit 15 began ich, mich politisch zu engagieren, in der Hoffnung damit was ändern zu können (hat nicht geklappt. 10 Jahre später hab ich auch meine Politikarbeit geschmissen, weil ich, um es mit Ihren Worten auszudrücken, die Sitzungen besser mit Zehennägelschneiden hätte verbringen können). Mit 16 hab ich das Gymnasium abgebrochen, bevor es mich bricht. Ich fand die Schule so unfassbar scheiße, dass ich mich wohl auf kurz oder lang in psychische Behandlung hätte begeben müssen, wenn ich auch nur einen Tag länger diese Irrenanstalt besucht hätte. Die Schule macht krank! Man setzt hochmotivierte Kinder (ja, das sind sie! Alle, von Natur aus) in einen kleinen ungemütlichen Raum und verbietet ihnen, sich zu bilden und das bezeichnet man dann als "Bildungssystem".
    Ich weiß, es gibt sehr viele theoretisch motivierten Lehrer, aber gute Lehrer kann es in unserem System nicht geben. Ich befürchte das ist ein Widerspruch in sich und damit kritisiere ich den Beitrag von Lou.
    Ja, Schüler brauchen solche Lehrer*innen wie Frau Sarand, aber in erster Linie brauchen sie eine Schule, in der gute Lehrer eine gute Arbeit ausüben können. In der sie nicht dabei behindert werden. Die besten Lehrer bringen nicht viel, wenn sie keine guten Lehrer sein dürfen.
    Daher plädiere ich dafür: kritisiert unser Schulsystem! Überzeugt andere Menschen davon, dass wir eine echte Bildungsrevolution brauchen. Dass unsere Schulen versuchen Maschinen, statt Menschen zu produzieren und diese Maschinen keine eigene Meinungen mehr haben, viele intelligente Menschen als nicht mehr ausbildungsfähig gelten (wir haben 1-2 ganze Schulformen um Sozialhilfeempfänger zu produzieren! Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen), Abiturienten Scheuklappen aufhaben und Eltern verzweifeln, wenn ihr Kind in der 4. Klasse keine Gymnasialempfehlung erhält (dabei frage ich mich, wer seinem Kind sowas wie ein Gymnasium antun kann... ).
    Wir brauchen mündige und kritische Menschen und keine Maschinen!

  • #100

    Lou (Sonntag, 21 Mai 2017 10:10)

    Sehr geehrte Frau Sarand,
    leider haben Sie es in der kurzen Zeit Ihrer Lehrerausbildung nicht geschafft, Schülerinnen und Schülern zu begegnen, die Freude am Lernen entwickelt haben und aus eigenem Antrieb heraus beste Ergebnisse erzielen. Dazu hätten Sie einfach länger diesen Beruf ausüben müssen. Die Wortwahl in Ihrem Blog sowie die Tatsache, dass Sie es vorgezogen haben, aus den geschilderten Umständen heraus Ihren Job als Studienreferendarin wegzuwerfen, auf den Sie sich nach einem langen Studium vorbereitet haben, zeugen meiner Meinung nach von einer geistigen Unreife, mit der es Ihnen nur schwerlich gelungen wäre, Schülerinnen und Schüler für Ihre Sache zu begeistern. Solche Lehrerinnen und Lehrer brauchen Schülerinnen und Schüler jedoch heute: Sie wollen begeistert werden! Ich kenne genügend Kolleginnen und Kollegen, die das schaffen.

    Ich wünsche Ihnen für Ihre Zukunft alles Gute.
    Mögen Sie einen erfüllenden Beruf finden.

  • #99

    Angela (Sonntag, 21 Mai 2017 00:23)

    Liebe Frau Sarrand, meine Idee wäre, machen Sie ihr Staatsexamen (weil das die Bürokratie so will) und gehen Sie in eine Reformschule, in eine, wo davon ausgegangen wird, dass die Kinder bereits eigene Kompetenz mitbringen, die gefördert und unterstützt wird und nicht, dass sie wie Computer ohne Software sind, die man während der Schulzeit hochlädt. Diese Erfahrung habe ich in der Waldorfschulzeit meiner Kinder gemacht, jedenfalls an der Schule wo sie waren.

  • #98

    Frank (Samstag, 20 Mai 2017 16:23)

    Eine Frage an die Autorin.
    Waren Sie auch mal Schülerin?
    Falls ja, haben Sie eine andere Schule erlebt als die, auf die Sie vorbereitet wurden zu lehren?

    MfG

  • #97

    Richard (Samstag, 20 Mai 2017 09:22)

    Liebe Frau Sarand,
    Sie sprechen mir aus dem Herzen, aus dem selben Grund habe ich mein Lehramtsstudium abgebrochen. Die Arbeit als Vertretungslehrer hat mir deutlich gemacht, dass ich mich selbst hassen würde, wenn ich dauerhaft Teil dieser “pädagogischen Maschine“ werden würde und dazu beitrage, Kinder und Jugendliche körperlich, geistig und moralisch zu verkrüppeln, ihre Begeisterung, ihren Bewegungsdrang, ihre Kommunikationswillen zu zerstören, sie zwinge jeden Tag 6-8 Stunden still zu sitzen, die Klappe zu halten und abzustumpfen - ihnen Konkurrenzdenken, Angst und Kleinmütigkeit einzupflanzen, sie zu Asozialen zu erziehen.

    Früher dachte ich, dass Eltern, die ihre Kinder aus dem Schulsystem raushalten wollen ein bißchen spinnen - nach ein paar Jahren als Lehrer denke ich, dass sie völlig recht haben.

  • #96

    Glückskind (Freitag, 19 Mai 2017 19:50)

    Hallo Frau Sarand!
    Mir wurde in meimem Studium (Lehramt für berufsbildende Schulen) direkt gesagt, dass wir Studierende nicht lernen, Lehrer/innen zu werden. Ich arbeite schon lange an einem Berufskolleg in Herford und ich finde meinen Beruf super. Es ist nicht alles perfekt, aber ich versuche dazu beizutragen, das Lernen ein bisschen lieber zu mögen, indem ich meine Schüler/innen mag. Ihre Kritik kann ich übrigens nachvollziehen; die sinnvolle Ausgestaltung einer Sache ist eben immer personenabhängig. Ich bin geschockt über Ihre Uni-Schilderungen, habe soetwas allerdings selbst nicht erlebt. Ich lade Sie (und jeden amderen) ein, mich im Alltag zu begleiten, um zu zeigen, dass es auch viele schöne Momente gibt. Aber vermutlich kommt das Angebot zu spät und es muss auch nicht jeder den Lehrberuf mögen. Ich tu's - zum Glück für alle.

  • #95

    Lehrerin (Freitag, 19 Mai 2017 19:29)

    Du entmenschlichst die Schule. Notendruck ist ein Baustein, wer braucht denn nicht auch mal extrinsische Motivation, um was gebacken zu bekommen? Im Job, im Leben?
    Wenn einen die Schüler im Politikunterricht nach dem Mund reden, hat man die Politikdidaktik grundsätzlich verstanden. Das wird eher dein Kernproblem sein, als das System. Sorry, ich denke, es ist besser, dass du da aufgehört hast - besser für die Schüler.

  • #94

    Conni (Freitag, 19 Mai 2017 12:44)

    Hallo Larissa,
    sehe ich das richtig, dass Sie erst 2007 Abitur gemacht haben - also vor 10 Jahren. Ist Ihnen das alles als Schülerin etwa nicht aufgefallen? Empfanden Sie keinen Leistungsdruck? Ich bin seit 20 Jahren Lehrerin und ich kann Ihren Text nur teilweise nachvollziehen. Ich sehe es eher so, dass auf den Referendaren ein ungeheurer Druck lastet. Diese sind der Schulleitung, den Schülern, den Kollegen und auch den Eltern hilflos ausgeliefert. Die Referendare tun mir leid.
    Dass Schüler viel bringen müssen, ist natürlich auch wahr, auch dass wir zu wenig Personal für die vielfältigen Probleme haben, ist ganz richtig. Nur hat sich das Niveau der Schüler in den letzten 20 Jahren steil nach unten bewegt. Klassenarbeiten von damals wären heute ganz und gar undenkbar. Insofern teile ich das Lamento vom Leistungsdruck nur bedingt, denn es wird stetig einfacher für die Schüler. Zudem : dieser Druck kommt doch zu großen Teilen vom so viel gelobten selbstständigen Lernen, bei dem der Lehrer nur Lernbegleiter ist. Das überfordert ganz viele Schüler, vor allem die Jungs. Als Referendar muss man diese Methoden natürlich trotzdem so anwenden, aber später, kann man doch seinen Stil entwickeln und sehen, wie man am besten zurecht kommt und wie die Schüler gut zurecht kommen. Da ist ganz viel Erfahrung notwendig. Letztendlich ist es völlig egal, wie das System tickt, oder wie der Lehrplan mal wieder umgestrickt wird, denn auf den Lehrer kommt es an!
    Schade, dass Sie aufgeben, denn das Ref ist die schlimmste Zeit in diesem Beruf.
    Gruß von einer Lehrerin aus Stuttgart, die ihren Beruf mag.

  • #93

    Nani (Freitag, 19 Mai 2017 12:42)

    Danke sehr für dieses grandiose Statement!

    Ich bin Erzieherin. Also eine Stufe kleiner. � Das ist auch mein Eindruck.
    Mich stört es schon wenn im Kindergarten eine Vielzahl an Bastelarbeiten abgearbeitet werden muss. Von Ostern zu Muttertag/Vatertag Sommerfest .... . Die Kinder haben selten Zeit um zu sein.
    Auch ich kann dort im Moment nicht mehr arbeiten. Weil ich diejenige bin die mit den Kindern Fußball spielt oder in der Bauecke Sitz. Die mit den Kindern redet und sie beobachtet um zu sehen was sie für eigenständige Persönlichkeiten sind, um zu sehen wo sie Unterstützung bedürfen.
    Ja aber leider geht das zeitlich nicht sonst kommen wir mit unserer Arbeit nicht hinterher.

    Sehr interessant aber wie schlimm es doch an den Schulen ist. Das war mir nicht wirklich bewusst.
    Aber genau warum sollte es anders sein. Unser Staat und unsere Medien wollen dass wir eins sind! Alle sollten die Gleiche Meinung haben! Sonst!

    Manchmal überleg ich. Sind wir eine Demokratie?

  • #92

    Manfred (Donnerstag, 18 Mai 2017 19:30)

    Hallo,
    als ehemaligerMathe- und Chemielehrer am Gymnasium und an der Gesamtschule kann ich viele Passgen des Artikels, die das Lehramtsstudium, das auch früher rein gar nichts mit der Vorbereitung auf den Lehrerberuf zu tun hatte und sinnlosen Hospitationsstunden im Referendariat unterschreiben.
    Mich aber stören die zufällig herausgewählten Schüleräußerungen, um damit ein Schülerbild zu zeichnen, das es so nicht gibt. Schüler können alles und nichts und damit sind wir bei der Lehrkraft.
    Sie ist die entscheidende Person, die die Entwicklunsprozesse mit lenkt, gute dabei mit Empathie unterstützt, schlechte durch Anteilnahme versucht umzulenken. Das Unterrichten ist hierbei Mittel zum Zweck. Es geht dabei um folgendes, Schülern zu helfen ihren Weg zu finden, den inneren der Reifung, den äußeren der z.B. der Berufsfindung. Diesen Umgang zu beherrschen, dauert. Es bedeutet, dass auch eine gute Lehrkraft nicht vom Himmel fällt, sondern jeder, der sich für diesen Weg entscheidet, muss sich darüber klar werden, dass jeder an der inneren Entwicklung, Reifung gearbeitet werden muss. Dieser Weg ist mit Widrigkeiten und Enttäuschungen vielfach gepflastert, doch wer mit selbstkritischer Analyse sich begleitet, entdeckt schnell an sich Stärken, die es auszubauen gilt und den Weg erleichtern und Schwächen, die es abzustellen gilt. Dieser ist nicht einfach, weil es das Innere von einem selbst berührt. Hat man diese Anfangsschwierigkeiten überwunden, bringt der Beruf der Lehrkraft einfach Spaß und der Umgang mit Schülern unabhängig von ihrem sozialen Hintergrund gibt Motivation, jeden Tag wieder gern in die Schule zu gehen.
    Ja: Ich finde es schade, dass sie abbrechen, aber nicht weil das System schlecht ist, sondern weil sie den Weg der Berufsfindung nicht bis zu Ende gegangen sind.
    Viele Grüße
    ein Lehrer, der auch noch nach seiner gePensionierung gern in der Schule gearbeitet hat

  • #91

    Dr. Wolfgang Neuber (Donnerstag, 18 Mai 2017 12:20)

    Irgendwie beruhigend, dass sich in den letzten 40 Jahren nichts verändert hat. Mit einem kleinen Unterschied, in den 1970er Jahren fanden auch Jugendliche ohne Schulabschluss noch einen Job. Heute finden auch Uni Absolventen oft nur noch einen Job, wenn sie geringe Bezahlung in Kauf nehmen.
    Aber hierzu ist ja vielen Jahrzehnten alles gesagt worden. "Arbeitnehmer müssen von ihrem Einkommen leben können", "Kinder sollten den Frauen nicht den Jobverzicht aufzwingen", damit verbunden das Thema "lohngerechtigkeit" "burn out".
    Die Lebensqualität der 95% der Bevölkerung. also der Vielen, ist rein nominal gestiegen, niemand muss hungern, die Meisten haben ein Bett und Heizung im Winter. Dafür müssen sie aber einen Preis bezahlen: Mobilität mit Verlust der Heimat, der Familie. Umfallen und Runterschlucken von Frust, und vieles andere.
    Dagegen muss man aber auch stellen, dass besonders Jüngere die traditionelle Lebensqualität gerne gegen den kurzfristigen Spassgewinn tauschen. Teure Fernreisen sind angesehener als Gartenpflege, Tomaten im Eigenanbau (bei ALDI eh billiger). Auto unter 100 PS für Viele unzumutbar, teure Handytarife statt zukunftsgerichteter Investitionen (vulgo sparen).
    Politisch korrektes Handeln hat es immer gegeben, die Themen wurden von der Obrigkeit, der Kirche gesetzt. Heute sind es die Talkshows der GEZ Sender und die "Product Placements" der privaten Programme. Aber das scheint fast niemanden zu interessieren, Hollywood hat nicht nur Unterhaltung geliefert sondern politisch korrekte Einstellungen weltweit verbreitet. Haben wir alles hingenommen und auch noch schön gefunden.
    Insofern deute ich den Abbruch des Lehramts wg Frustration auch als Kapitulation vor der eigenen Weltsicht. Ich meine hier mal tiefgreifend nachdenken, welche Wünsche und Utopien wir selber entwickelt haben und ob diese zu unserem realen Leben in diesem realen Leben passen. Dabei sollte man nicht zum Zyniker werden und Wahlen weiterhin als marginale Beeinflussung der politischen Entwicklung begreifen. Es gibt Alternativen, aber sie sind mühselig und nicht spaßig.

  • #90

    Claudia Olsen (Donnerstag, 18 Mai 2017 10:49)

    Ein wunderbarer Text. Und ja, so ist es. Bei uns heißt die Schule "Verblödungsanstalt". Bildung findet zu Hause statt oder gar nicht. 30 Kreuze, wenn wir das hinter uns haben. Allerdings mache ich auch den Eltern Vorwürfe. Wir machen so maches einfach nicht mit und fertig. Aber die meisten anderen sind brav und folgsam, weil "man" das ja so macht. "Da kann man halt nix ändern." Von daher nenne ich diese Kinder die "verratene Generation". Es ist normal Opfer zu sein, sich immer allen Unmöglichkeiten anzupassen, außer Konsum keine Bedürfnisse zu haben - abgeschoben sein, in defizitäre Einrichtungen. Das Grauen beginnt ja nicht erst mit der Schule.

  • #89

    PaulaE (Donnerstag, 18 Mai 2017 00:15)

    Meine Enkelkinder sind in der 2., resp. 4. Grundschulklasse in Australien (NSW). Mein Sohn will demnächst 3 Wochen Urlaub mit Ihnen in den Philippinen verbringen. Sie werden den Bus in Manila besteigen und nach einer Nachtfahrt in Banaue ankommen, wo sie ganz oben auf dem Berg bei den Einheimischen, wohnen. Der Aufstieg zu Fuss dauert 2 h. Und wissen Sie was, beide Lehter fanden das eine tolle Sache, nix von Problem, dass 3 Wochen Schulunterricht fehlen, im Gegenteil, "that is fantastic, they will learn more in those three weeks than in the whole school term, wish you the best and good luck" war die Antwort. Da dachte ich mir, das wäre wohl in einer deutschen Schule so gar nicht erlaubt. Auch kein Home-schooling, was hierzulande erlaubt ist und in etlichen Familien durchgeführt wird, und nicht nur in ländlichen Gegenden.

  • #88

    Ruth (Mittwoch, 17 Mai 2017 17:48)

    Liebe Autorin,

    du hast meinen vollsten Respekt, denn deine Entscheidung war sicher nicht einfach. Ich kann deinen Schritt absolut nachvollziehen, denn auch ich habe mein Referendariat vor 12 Jahren aus ähnlichen Gründen kurz vor dem zweiten Staatsexamen gekündigt. Meine Unterrichtsfächer waren ebenfalls Deutsch und Politik. Wie ich sehe, hat sich seitdem kaum etwas in unseren Schulen geändert. Leider sehen sich viele Lehrer nur als Fachvermittler, da ist kaum Platz für die Schüler als Individuum. Schüler, die durch eine starke Persönlichkeit auffallen, werden über die Noten gefügig gemacht. So war es auch bei mir. Ich hatte in der fünften Klasse einen Schüler (Roman hieß er), der wiederholt durch Störungen auffiel und gemeinsam mit seinem besten Kumpel ganz hinten in der Ecke saß. An der Schule war es üblich, dass die Klassenlehrer die Sitzordnung festlegten. Eine ältere Kollegin und ich schlugen dem Klassenlehrer vor, die Sitzordnung etwas zu ändern. Er lehnte sich mit seinem Kaffeebecher, der in der Pause in seiner Hand festgewachsen war, in seinem Stuhl zurück und meinte : "Das Problem lösen wir doch über die Zensur - Ende der Diskussion". Roman war für ihn also nur "das Problem" - Schock Nummer eins. Vor der Zeugniskonferenz sprach mich der gleiche Kollege noch einmal an und forderte mich auf, aus Romans Vier in Deutsch eine Fünf zu machen, damit wir seine Eltern davon überzeugen könnten, dass ihr Kind auf einer der Hauptschule besser aufgehoben sei -
    Schock Nummer Zwei. Ich habe die Note nicht geändert. Roman war vielleicht durch seine Störungen etwas auffällig und stand sich damit selbst im Weg, aber ein Dummkopf war er nicht.

    Im Studienseminar Deutsch hatte ich eine fachlich hervorragende, aber sozial völlig inkompetente Studienleiterin. Die Referendare, die bei ihr mit Bestnoten belohnt wurden, waren fachlich sicher ausgezeichnet, doch bei der Interaktion mit den Schülern hatte man bei einigen schon das Gefühl, dass zwischen ihnen und ihren Schülern eine unsichtbare Wand bestand. Die Lehrerpersönlichkeit wurde von meiner Studienleiterin jedoch nie thematisiert. Die Lehrproben habe ich immer als 'Zirkusstunde' empfunden, weil man hier permanent ein didaktisch-methodisches Feuerwerk abgefackelt hat, dass realen Unterrichtsituationen nicht nachkam. Ich glaube kaum, dass Lehrer mit einer vollen oder einer dreiviertel Stelle ihre Unterrichtsstunden so akribisch vorbereiten, wie es von den Referendaren erwartet wird. Ich merkte zunehmend, dass ich anfing an meinen eigenen Unterricht Ansprüche zu stellen, die ich nach dem Referendariat niemals hätte umsetzen können. Spätestens nach zwei Jahren wäre ich Patientin in einer Burn-Out-Klinik gewesen.

    Heute habe ich beruflich weiterhin viel mit Lehrern zu tun, aber sobald ich ein Lehrerzimmer betrete, bin ich froh, dass ich den Absprung geschafft habe. Ich bewundere die Lehrer, die trotz aller Widrigkeiten, die das deutsche Bildungssystem mit sich bringt, weiterhin engagiert und schülerorientiert arbeiten. Ich drücke dir die Daumen, dass du beruflich eine Möglichkeit findest, mit der du dich identifizieren kannst und glücklich wirst. Ich hatte vor meinem Studium eine Ausbildung zur Buchhändlerin abgeschlossen und kam in einem Schulbuchverlag unter. Vielleicht ist das ja auch etwas für dich ;-).

    Liebe Grüße
    Ruth

  • #87

    Matthias (Mittwoch, 17 Mai 2017 17:25)

    Ja, das Schulsystem ist in höchstem Maße krank machend. Es braucht eigentlich Menschen wie Larissa als Graswurzelpädagogen.

  • #86

    Robert (Mittwoch, 17 Mai 2017 11:22)

    Liebe Autorin,

    zur Zweifelhaftigkeit der unpersönlichen und völlig überzogenen Bildungsansprüche an unseren Schulen habe ich schon viel gelesen und Ihr Artikel hat mich mit seiner Ehrlichkeit und Unverblümtheit bestochen, auch wenn er mir nichts neues aufgezeigt hat.
    Ich bin Mitte Zwanzig und möchte gerne in einigen Jahren Kinder haben, doch gleichzeitig wird mir Bange bei dem Gedanken, dass ich sie später für einen Großteil des Tages in die Obhut einer "Absolventenfabrik" übergeben muss. Ich stelle mich jetzt bereits darauf ein, gegen(!) die Schule arbeiten zu müssen, um meinen Kindern selbstständiges Denken, intuitives Verhalten und Selbstregulierung beizubringen, da die Schulen ja offenbar bemüht sind, solche "Störfaktoren" auszumerzen oder zumindest keinen Platz dafür hat.
    Gerade vor diesem Gesichtspunkt finde ich es sehr schade, dass Sie den Beruf der Lehrerin hinschmeißen wollen, denn an den Schulen braucht es ja Personen wie Sie, die etwas dagegen sagen und Alternativen direkt in die Praxis umsetzen können. Ich weiß, als Lehrer hat man da nur sehr geringen Handlungsspielraum, aber wenn alle Andersdenkenden immer weglaufen, kann doch nichts besser werden!
    Wir können ein faules System doch nicht sich selbst überlassen, sonst haben wir bald keine Kontrolle mehr darüber. Die Schule wird zunehmend zu einer fremden Welt, in die Außenstehende immer weniger Einblick erhalten, weil Schüler zuhause gar nicht mehr über ihre Inhalte sprechen und erst recht nichts davon infrage stellen. Dann muss es wenigstens kritische Menschen geben, die dort arbeiten, um berichten zu können, wie es dort abläuft. Sonst herrscht weiterhin die allgemein akzeptierte Grundmeinung vor, dass die Schule, so wie wir sie kennen, absolut lebensnotwendig, unfehlbar und allumfassend ist.
    Ich will Ihnen Ihre Entscheidungen nicht vorhalten, nur eine Frage habe ich; Wie gedenken Sie etwas an unserem fragwürdigen Bildungssystem zu ändern, wenn es Ihnen so sehr gegen den Strich geht?

    Mit besten Grüßen,
    Robert K.

  • #85

    Matze (Mittwoch, 17 Mai 2017 10:43)

    Hallo Ihr Lieben,

    ich bemerkte damals schon, dass das Schulsystem bald ausläuft. Ich war damals selbst noch Schüler als mir klar wurde, das die üblichen 10 Schuljahre in einigen Jahren nicht mehr ausreichen werden (Das war noch vor der Zeit, wo beschlossen wurde, dass man 12 Jahre für ein Abitur braucht). Ich sagte in einem Vier-Augen-Gespräch zu unserer Sozialarbeiterin: ,,Wo soll das denn noch hinführen? Wir sind im Geschichtsunterricht nur bis zur Nachkriegszeit des zweiten Weltkrieges gekommen. Es fehlt uns die komplette Zeit mit der DDR und der BRD. Aber die Zeit läuft ja weiter. Was machen wir 50 Jahre Später? Ich denke nicht, dass wir 5 weitere Schuljahre absolvieren müssen, nur um unsere Geschichte vermittelt zu bekommen... Es sieht später genauso mit Physik und die ganzen anderen Fächern aus. Die Wissenschaft geht doch weiter." Sie schaute mich ratlos an und zuckte mit den Schultern.

    Ich spielte damals schon mit dem Gedanken eine neue Art von Schule zu gründen, die wie in amerikanischen oder englischen Collage durchgeführt. Eine kleine Gedankenreise: Die Schüler kommen morgens in die Schule, sehen eine riesige Tafel vor sich, wo jede Lehrkraft ihr Thema präsentiert. Die Schüler können selbst entscheiden, in welchen Kurs (welches Thema sie interessiert) sie gehen können.
    Diese Präsentationen sollen nicht so trocken und staubig erzählt ausgearbeitet werden, sondern die Schüler sollten das Thema leben und erleben.

    In meiner Ausbildung motivierte einer unserer Lehrer und sagte, dass wir ungefähr 70% der Themen, die wir hier besprechen, nicht für unseren Beruf benötigen. Aber warum quält er uns und wir unsere Kinder so damit? Eine Studie hat schon mal veröffentlicht, dass um die 90% des erworbenen Schulwissens im Laufe der Jahre nach lässt.
    Ganz im Gegenteil zu den emotionalen Erlebnissen in der Schule. Während wir nur 10% des Wissens behalten, sind es fast 90% der emotionalen Ereignissen (Klassenfahrten, Projektwochen, miese Arbeit von der/m blöden Lehrer/in erhalten,...) die wir verinnerlichen. Warum sind wir dann so trocken bei der Vermittlung von Sachinhalten? Warum geschieht nichts? Warum lassen die Eltern es zu, dass ihre Kinder so gequält werden (nicht alle, aber immer noch die meisten. [mehrere Infos darüber? dann fragt mal Google was Freilerner sind])?
    Warum? Wir kennen keine Alternative. Und wenn wir sie haben/errichten, dann sieht man nur die negativen Seiten. Jeder sieht, was nicht funktioniert, aber man sollte die Resultate erkennen.

    Wenn wir mit unserem Streben nach immer mehr Kongruenz und Wettbewerb so weiter machen, dann sehe ich in naher Zukunft zwei Richtungen, die wir einschlagen werden. Entweder gehen wir den Weg der Chinesen, Japaner usw. und drillen unsere Kinder (meine persönlich Meinung: ...bis sie zu Marionetten der Gesellschaft werden). Oder die nächste Generation verweigert alles. Der Deutsche ist von Natur aus kein vollständer Diener im Gegensatz zu den Südostasiaten. Die Chinesen und Japaner hatten immer einen Kaiser oder höheres Oberhaupt über sich, der sagte, was nun zu machen ist. Der Deutsche hat sich zusammengeschlossen und Revolutionen durchgeführt.
    Ein sehr alter Freund von mir hat mir schon erzählt, dass der Deutsche sich auflehnen wird. Aber bis er sich bewegt, dauert es sehr lange. ,,Erst wenn er nicht mehr weiß, wie er seine Kinder ernähren soll, dann steht er auf." Traurig, aber so ist die deutsche Mentalität.

    Wenn wir etwas erreichen wollen... Wenn wir eine Gegenbewegung erzeugen wollen, dann müssen wir uns zusammenschließen und eine komplett neue Idee ausbauen. Vor allem müssen wir ausdiskutieren, was uns nun wichtiger ist. Das Wissen (was nach einigen Jahren Schule eh wieder vergessen wird) oder wollen wir Kindern und Jugendlichen ein Leben ermöglich, was sie verdient haben? Wollen wir ihre tristen Augen nicht mit positiven Erlebnissen und Erfahrungen füllen, statt sie nur zu einen von vielen zu machen?

  • #84

    Jacky (Mittwoch, 17 Mai 2017 10:04)

    Danke für deinen Artikel.
    Ich habe vor wenigen Wochen das Ref aus ganz ähnlichen Gründen geschmissen (nach knapp 9 Monaten). Jetzt fühle ich mich total befreit, mich nicht mehr für das Schulsystem versklaven zu müssen und Werte weiterzugeben, die nicht meine sind. Die angebliche Freiheit, die man als Lehrer hat, ist meines Erachtens nur ein Schein. Letztendlich vertritt man alleine dadurch, dass man ein Teil des Systems ist den Elitegedanken und ist hunderten engstirnigen Vorstellungen von Ausbildung unterworfen, welche kreative Köpfe darin behindern, eine abwechslungsreiche und individuengerechte (Persönlichkeits-)Bildung zu ermöglichen. Alleine die Ausbildungssituation des Vorbereitungsdienstes spricht schon Bände. Wenn durch solch ein Ausbildungssystem die Lehrer von morgen "gebildet" werden sollen, also die hier vermittelten Kompetenzen exemplarisch für das Schulsystem sind, dann möchte ich damit nichts zu tun haben.
    Habe noch viel Wut im Bauch und werde jetzt mal sehen, wofür diese produktiv und positiv genutzt werden kann.

    Alles Gute Leidensgenossin!

  • #83

    Ela (Mittwoch, 17 Mai 2017 09:59)

    Probieren Sie doch noch einmal eine andere Schulform aus, bevor Sie alles hinschmeißen. Unsere Gesellschaft braucht dringend solche Lehrer wie sie. Die Gymnasien fungieren eher als Univorbereitungskurs. Auf die Persönlichkeit wird noch in Grundschulen geachtet und mit ihr an den Hauptschule gerungen. Mein Ältester Sohn hat noch sein Abi an einer staatlichen Schule durchgezogen. Den mittleren haben wir ab der 7. Klasse wegen der Folgen des Leistungs drucks auf eine Privatschule wechseln lassen, damit er nicht vor dem Studium zerbricht. Und unser Jüngster ist gleich von der Grundschule zur LPS Elmshorn bzw. Bad Bramstedt gegangen. Alles Gute für Sie

  • #82

    Klarname SaA (Mittwoch, 17 Mai 2017 08:26)

    Hallo

    ich empfinde die moderne Schule als Zumutung und es wurde eigentlich alles gesagt, was gegen die Schule spricht.

    Folgendes noch: Schule mit diesem Leistungsdruck macht aus Menschen Egoisten. Es geht ja nur noch um den eigenen Vorteil.

    Schüler kommen in einer Klasse zusammen, die sich freiweillig so nie finden würden. Eine erzwungene Gemeinschaft, die sich dann oft reibt (typischerweise im frühen Alter dann die Hänseleien). Das ewige Stillsiten verstößt gegen den Bewegungsdrang. Wie oft erlebe ich gereizte Schüler, die aus der Schule kommen. Sie sind erregt und laut und lästiger, als wenn sie ZUR Schule gehen oder im Bus zur Schule unterwegs sind.

    Weiterhin verstehe ich nicht, warum die Schule nicht als Zwangsarbeit angesehen wird. Immerhin geht es um das Abrufen von Leistung, es wird eine Leistung (Arbeit) verlangt. Der Schüler darf nicht entscheiden, WAS er lernen will. Und es kommt sogar die Polizei einen holen, wenn man zu oft schwänzt. Für diese Zwangsarbeit wird er nicht mal bezahlt. Man sagt, man täte den Schülern ja was gutes. Ja wenn ich jemanden eine Ohrfeige gebe , könnte ich dasselbe sagen. Wenn genügend Leute das nur glauben.

    Zwangsarbeit ist es. Das ist Polemik, klar, es soll auch nur verdeutlichen, dass da was schief läuft.



    ps evtl. Doppelkommentar löschen, danke

  • #81

    lollypop (Dienstag, 16 Mai 2017 21:54)

    Larissa, vor32 J.habe ich mit denselben Fächern das Referendariat geschmissen.Meine Generation hatte ohnehin nie eine Chance auf Einstellung (Lehrerschwemme der 80er J.).Es hat sich nichts geändert.Viele sind daran zubrochen....der Start ins Berufsleben endete bevor es anfing ,dank der Bildungspolitik der SPD.
    Aber dir ist viel erspart geblieben.
    ein Rat noch: auch wenn der Beamtenjob weg ist,denk an deine Rente. Ich muss mit 620€ auskommen !

  • #80

    Tina (Dienstag, 16 Mai 2017 21:29)

    Liebe Larissa,

    ich kann Deine Erfahrungen regelrecht nachfühlen. Mein Lehramtsstudium war auch so ein "Verlegenheitsstudium", weil ich nach dem G8-Abitur mit 18 Jahren wusste, dass ich studieren wollte. Weder wusste ich was, geschweige denn, was mich wirklich interessiert. Meine Fächerwahl (Germanistik und Katholische Theologie) hat mir gezeigt, dass meine Fächerwahl ein absoluter Glücksgriff war, das Lehramt hätte es aber definitiv nicht gebraucht. Deine Schilderung zum erziehungswissenschaftlichen Studium hat mich sehr an mein eigenes erinnert (Dozentin, die nicht mal im Ref war, will mir erklären, wie Unterricht funktioniert...).

    Ich mag die Didaktik bis heute nicht besonders. Mein studienbegleitendes Praktikum hat mir endgültig die Augen geöffnet. Ich werde den Tag nie vergessen als ich nach einem solchen Praktikumstag nachhause gefahren bin und mich mit Tränen in den Augen an der Ampel gefragt habe, ob es wirklich das ist, was ich machen will. Ab da hat bei mir ein Umdenken eingesetzt. Ich habe mir nach und nach eingestanden, das ich mehr will. Ich habe angefangen, die Kurse zu belegen, die mich interessiert haben (und keine Punkte gebracht haben). Ich habe endlich Begeisterung entwickelt, ich habe freiwillig mehr über die Themen gelesen und Hebräisch lesen, sprechen und lieben gelernt.

    Ich habe eine heißbegehrte Hiwi-Stelle bekommen, weil ich mit meiner ganzen Leidenschaft und Begeisterung bei der Sache war. Ich habe mich durchs erste Staatsexamen gekämpft, weil am Ende das steht, was ich machen will: ich will promovieren. Ich will mit dem Arbeiten, was mir wichtig ist und was mir darum leicht fällt und das ich gerne tue. Ich weiß noch nicht wie mein Weg weitergeht, ich weiß noch nicht welche Möglichkeiten sich noch ergeben, aber nach sechs Jahren Studium und einigen tiefen Tälern, weiß ich zumindest wer ICH bin und was ICH will.

    Ich finde Du bist mutig und mag deine Art ungeschönt zu schreiben und zu hinterfragen :)

  • #79

    Sarah Bade (Dienstag, 16 Mai 2017 21:03)

    Du hast dir, meiner Ansicht nach, schlicht die falsche Schulform ausgesucht. Ich arbeite seit nun fast 3 Jahren an einer IGS, die dir sicherlich sehr gefallen würde:
    Keine Noten bis Ende Klasse 8, offener Unterricht, der die Interessen der Kinder stärkt und individuelle Förderung bis zum Gehtnichtmehr.

    Außerdem extrem enge Zusammenarbeit mit den Eltern, der Schulsozialarbeit und den Ämtern.

    Guck die sie Evangelische Privatschule Berlin an - das Konzept haben wir. Als staatliche Schule.
    Das dann auch noch so verankert, sodass wir verpflichtend so arbeiten MÜSSEN.

    Das klingt für dich sicherlich toll. Wie die Rettung des Systems, über das du so schimpfst...
    Für die Kinder ist es das auch - sofern sie selbstständig genug sind, auch so zu arbeiten. Das sind viele aber nicht. Und genauso viele haben in der Pubertät ganz andere Probleme als die Schule.

    Und: sie FRAGEN nach Noten. Weil sie eine eindeutige Meldung über ihre Leistung möchten.
    Die messen sich aneinander. Immer. Auch ohne Noten.
    Und bei reinen schriftliche Bewertungen empfinden sie es als UNFAIR, wenn Gym-Kinder und Haupt-Kinder die selbe gute Bewertung bekommen, weil sie eben das Maximum auf dem Gebiet ihrer Leistungsfähigkeit erbracht haben.

    Das finden die nicht unfair, weil wir den Konkurrenzkampf fördern würden. Sie finden es unfair, weil die guten Schüler ihre Arbeit nicht als wertgeschätzt empfinden und die schwachen Schüler sich in ihren Nöten und Unvermögen nicht ernst genommen fühlen.
    NOTEN selbst sind also nicht das Problem. Der Umgang und die Reduzierung von Kindern auf diese Note.

    Das Ignorieren des Unterschiedes von Kompetenz (da isses wieder!) und Performanz (neues Wort, auch schön!). Und das Vorbild-Sein.

    Das alles versuche ich zu berücksichtigen.
    Das bringt mir im Übrigen 10 bis 12-Stunden-Arbeitstage ein. Die sind die Regel. Inzwischen glücklicherweise öfter 10 als 12 Stunden.
    Vielleicht gewöhnt man sich aber auch einfach nur an alles.

    Dafür geh ich jeden Morgen gern hin. Zu jungen Kollegen und tollen Schülern, die sogar win Klavier, welches monatelang frei zugänglich auf dem Hauptflur stand einfach nur für das benutzt haben, wozu es gedacht ist: zum spielen.
    Und als dann der kleine Checker (Klasse 5) zu seinen klimpernden Kollegen meinte "Jah Altaah ihr könnt das voll nisch!" und dann anfing, die Titelmelodie von Fluch der Karibik zu spielen, hab ich still in mich reingelächelt und ganz zufrieden noch eine Stunde lang was getan. An meinem Schreibtisch - der übrigens in der Schule steht.

    Schade, dass du auf halbem Wege aufgegeben hast.
    Eine wie dich hätten wir gebrauchen können.

  • #78

    Mycroft (Dienstag, 16 Mai 2017 20:15)

    Das Phänomen, dass die Klasse sagt, wovon sie vermutet, das die Person am Lehrerpult das gerne hören möchte, ist jetzt ja so neu nicht.

    Aber zur Frage nach dem/r Hauptverdiener/In: Die Frage war allgemein gestellt, sinngemäß, ob man Probleme damit, wenn es Paare gibt, bei denen der Mann nicht der Hauptverdiener sei. Die Frage, ob man das für sich selber anstrebe, ist eine neue Frage.
    Angenommen, es ginge um die Homo-Ehe - nicht jede(r), der/die grundsätzlich dafür ist, würde für sich selber eine solche anstreben.

    Um die Diskussion so richtig anzuheizen, hätte die Frage heißen müssen: Was ist besser - a) reich heiraten, um sich einen teuren Lebensstil leisten zu können, b) jemanden heiraten, der/die deutlich weniger verdient als man selbst, oder c) nur in der eigenen Einkommensklasse heiraten, auch wenn das nach Klassizismus aussieht?

    Vermutlich würden alle entscheiden, dass b) die "gewünschte" Antwort ist: "Ich will der Hauptverdiener/die Hauptverdienerin" sein.

  • #77

    Sylvia (Dienstag, 16 Mai 2017 19:41)

    Das Problem ist bekannt, und es gibt auch gute Gegenbewegungen, nicht nur Waldorf. Eine sehr weit verbreitete ist die "Schule im Aufbruch". https://schule-im-aufbruch.de/

  • #76

    Annika (Dienstag, 16 Mai 2017 19:21)

    Liebe Larissa,
    Ich bin auch Lehrerin und habe mein Referendariat vor 13 Jahren durchgestanden.
    Auch ich habe viele Kritikpunkte am Schulsystem und an der lehrerausbildung. Und doch bin ich heilfroh mein 2. Staatsexamen gemacht zu haben! Ich habe meinen Beamtenstatus aufgegeben und arbeite jetzt an einer freien schule , wo wir einigen Freiraum haben, es anders zu machen, selber Schule gestalten, erstmal ohne Noten und Druck. Und wir suchen händeringend Lehrer mit Staatsexamen....- damit unsere Schule vom Schulamt genehmigt bleibt.... Menschen mit abgebrochener lehrerausbildung haben wir einige, aber die dürfen wir nicht als Lehrer einstellen..- und sein Referendariat nach Jahren nachzumachen ist oft fast gar nicht mehr möglich ( oft schon rein organisatorisch wenn zB Kinder da sind...)
    Ich möchte nicht belehrend schreiben, aber überleg es dir doch noch mal- wir haben immer wieder stellen frei....

  • #75

    Förder Maus (Dienstag, 16 Mai 2017 19:18)

    Ich arbeite als private Förderkraft zwar außerschulisch, doch aus meinen Erfahrungen mit verschiedenen Schulen kann ich das Beschriebene nachvollziehen. Der Schwachsinn beginnt schon in der Grundschule....

  • #74

    Emmi (Dienstag, 16 Mai 2017 18:19)

    Hast du mal Ueberlegt, Waldorfschullehrerin zu werden?

  • #73

    Richard Scherz (Dienstag, 16 Mai 2017 16:14)

    dieses ewige Gesülze von Leistungsdruck und zu hohen Anforderungen geht einem auf die Nerven. Wer sein Referendariat "hinschmeißt", ist selbst wohl überfordert und wäre besser Fleischfachverkäuferin geworden. Dass bei einer Abiturquote von über 50 % eines Jahrgangs viele Schüler überfordert sind, liegt daran, dass sie gar nicht auf das Gymnasium gehören. Die Schweiz, eines der erfolgreichsten Länder dieser Erde, kommt seit über 50 Jahren mit einer Abiturientenquote von unter 25 % aus ! Was sagen uns diese Zahlen ? Genau...

  • #72

    Stefan (Dienstag, 16 Mai 2017 15:08)

    Über manche Einträge kann ich nur schmunzeln. Da müssen einige wirklich eine wohlbehütete Jugend und Schulzeit gehabt haben ohne jemals mit dem Erfolgsdruck der "Normalsterblichen", welche etwas erreichen wollen, in Berührung gekommen zu sein. Ich selbst kann die oben geschilderten Erfahrungen komplett nachvollziehen, nachdem ich selbst nun gerade das Schulsystem (Studium) verlasse. Habe ich in dieser doch sehr langen Schulzeit etwas über mich selbst gelernt, bin ich auf die Berufsleben und den Alltag bzw. das Privatleben vorbereitet? Wohl kaum. Ich hatte schlichtweg nicht die Zeit Hobbies (die nicht meinen CV aufgebessert haben) nachzugehen , mich mit meinen Freunden zu treffen (die auch gebüffelt haben wie ich) , oder geschweige denn etwas für die Allgemeinheit zu tun. Auch im Studium ist der Fokus ganz klar auf den Noten. Guter Abschluss um jeden Preis, zur Not mit Ellenbogen und ja nicht die eigene Meinung äußern....geschweige denn vertreten. Ich möchte hiermit keine "Generalkritik" loslasse, da ich auch Professoren kennengelernt habe, welche eigenes Denken unterstützen möchten, jedoch lässt das der Lehrplan nicht zu. Denn am Ende des sehr straffen Semesters müssen schließlich Prüfungen und Noten her und die müssen passen...um jeden Preis.

  • #71

    Kerstin (Dienstag, 16 Mai 2017 14:17)

    Aufgeben ist keine Option. Ich lasse meine Schüler nicht alleine... Die mache ich zu Riesen. :)

  • #70

    Oliver Niehaus (Dienstag, 16 Mai 2017 13:11)

    ...die Kritik ist aus der Perspektive des Beobachters beschrieben und spricht sicherlich viele (für die in der Schule Tätigen triviale) richtige, negative Aspekte von Bildung an. Allerdings vermisse ich den Versuch durch das Einbringen der eigenen Vorstellungen von Bildung diese, zumindest im Mikrokosmos von unterrichtlichen Handeln, so zu verändern, wie es die eigenen Wertvorstellungen einem vorschreiben. Jeder innerhalb des Systems der Bildung hat die Möglichkeit sich dafür zu entscheiden sich selber untreu zu werden und sich konform zu verhalten oder aber eigene Wertvorstellungen dem Schüler/der Schülerin vorzuleben... die Autorin hat sich jedoch entschieden diese Entscheidung nicht treffen zu wollen und hat sich altklug aus dem System verabschiedet. Damit hat sie m.E. jedoch das Recht verloren sich auf die hier formulierten Weise über das Bildungssystem zu erheben und quasi Anklage zu erheben.

  • #69

    Potenzialtrainer (Dienstag, 16 Mai 2017 13:08)

    Ich kann das alles nachvollziehen und verstehe die Resignation. Ich arbeite als Integrationspädagoge vorher in Gesamtschulen, Förderschule und jetzt im Gymnasium. Ich kann vieles bestätigen. Die Schüler sehe ich als Opfer. Lehrer unterrichten leider Fächer und keine Menschen. Auch Lehrer sind Opfer und wir benötigen viele mutige, Schüler, Eltern, Lehrer und Schulleiter, damit sich die Unterrichtsform ändern kann. Privat- und andere Schulen zeigen wie es gehen kann. Reinhard Kahl zeigt seit Jahren wie Schule funktionieren kann. Wir haben kein Erkenntnisdefizit, sondern ein Handlungsdefizit.
    Vielleicht gründest du eine eigene Schule, oder gehst in die Grundschule und bringst dort die Gehirnbesitzer zu Gehirnanwendern.

  • #68

    Xavi (Dienstag, 16 Mai 2017 11:19)

    Klar ist es schade, wenn gerade die Systemkritiker immer wieder dem System entfliehen. Die Idee, das System von innen heraus zu verändern, ist zwar ansprechend, in der Umsetzung allerdings oft so anstrengend, dass man schon mit einem sehrddicken Fell ausgestattet sein muss, um nicht direkt ins Burn-out zu steuern. Man kann die Gesellschaft ja nicht nur in der Schule verändern. Ich denke, es ist wichtig, die generelle Motivation, die Welt zu verbessern aufrecht zu erhalten. Aufgeben ist keine Option, das Betätigungsfeld wechseln hingegen schon.
    (Ich war auch Lehrer, bin jetzt Umweltwissenschaftler)

  • #67

    Christian Albertsen (Dienstag, 16 Mai 2017 10:21)

    Ich bin kein Lehrer oder Lehramtsstudent. Ich habe nur meinen Blick auf meine schulische Laufbahn und auf Berichte anderer vorzuweisen. Mir scheint aber, als wäre das Problem lange bekannt und wäre die grundlegenden Probleme mit wenig finanziellen Mitteln und sehr viel Mut in den Griff zu kriegen.

    Schulen wie Summerhill [https://de.wikipedia.org/wiki/Summerhill?wprov=sfla1] oder die Schule für Erwachsenenbildung in Berlin [Berlin Rebel High School
    http://imdb.com/rg/an_share/title/title/tt5863950/] scheinen hier zu mündigen Bürgern zu erziehen.

    Ich werde einen Teufel tun und empfehlen sich als Einzelkämpfer an eine öffentliche Schule zu begeben und Demokratie und freie Meinungsäußerung vorzuleben. Dabei verschleißt man. Ich werde auch nicht empfehlen an der oben genannten Schule für Erwachsenenbildung (SfE) zu arbeiten. Man muss schon sehr idealistisch sein, um mit 12,50€/h brutto seinen Lebensunterhalt trotz Studium bestreiten zu wollen. Was ich sagen will ist, dass es nicht an Möglichkeiten, sondern an politischem Willen mangelt.

  • #66

    Patrick Scholl (Dienstag, 16 Mai 2017 08:34)

    Interessant, dass hier Kommentare die äußere Form von Briefen erhalten. Das ändert jedoch wenig daran, dass der Inhalt Ihres vorgeblich systemkritischen Textes so bekannt wie trivial ist.

    Um mich einigen Vorrednern anzuschließen: mein erster Gedanke, als ich die Schlagzeile "Warum ich mein Referendariat abbreche" auf spiegel.de las, war: wie schade. Nachdem ich jetzt die Gründe kenne kann ich nur hinzufügen: wie traurig. Zu behaupten, nicht ins System zu passen, obwohl man die faulen Stellen erkannt hat und das als Grund anzuführen, nicht für seine eigenen hohen ideale zu kämpfen, ist nur eine bequeme Ausrede.

    Ich bin nach mehreren Jahren Einzelunterricht, den ich für verschiedene Klassenstufen unter anderem in Mathematik erteile, natürlich zu den gleichen Erkenntnissen gekommen​ wie Sie. Und auch wenn man das nicht mit Erfahrungen in einer "echten" Schulklasse vergleichen kann: für mich war genau dieser Widerspruch zwischen Denkweise und Motivation heutiger Schüler mit meinen eigenen Antrieben und Erinnerungen an meine eigene Bildung und Ausbildung der Grund, dass ich erkannt habe: hier muss sich etwas ändern. Und auch wenn ich nur wenige Schüler "retten" und ihnen gesunden Menschenverstand näherbringen kann, versuche ich es trotzdem. Ich beginne im Herbst mit dem Vorbereitungsdienst zum Quereinstieg als Berufsschullehrer.

    Vielleicht habe ich einfach noch Illusionen, die Sie im Angesicht der Realität längst verloren haben. Aber in diesem Falle halte ich das nicht für der Vorbildfunktion angemessen, die man als Lehrer nunmal innehat. Ich fände es schade, eine ambitionierte Kollegin wie Sie zu verlieren. Sie sind nicht allein! Ich kann nur hoffen, dass Sie es sich noch einmal gründlich überlegen, denn nur weil Sie das Problem ignorieren, verschwindet es ja nicht einfach.

  • #65

    Jörg (Dienstag, 16 Mai 2017 01:56)

    Liebe Larissa,

    gratuliere, Du hast es geschafft, mich mit deiner Schlussfolgerung auf Deine messerscharfen Analyse zum Zustand des Schulsystems und unserer Gesellschaft auf die Palme zu bringen: „Aber ich glaube nicht, dass ich in dieses System passe. Ich will da nicht mitmachen. Ich kann da nicht mitmachen. Und so bin ich nach langem Zaudern zu dem einzig richtigen Entschluss gekommen: Ich schmeiße mein Referendariat hin...“

    Sagt ja keiner, dass Du da „mitmachen“ sollst. Aber wenn es jemand reparieren könnte, dann ja wohl nur clevere Menschen mit dem Herz am richtigen Fleck. Und ich bin ganz sicher, dass es in deinem Kollegium doch ein paar Leute gibt, die ähnlich ticken...

    Ich bin auch Ingenieur geworden, weil ich mal glaubte, dass ich dann kann und viele interessante und nützliche Dinge entwickeln könnte. Pustekuchen! Die Technik war nie das Problem! Inzwischen bin ich auch dabei, meinen komfortablen Job beim Großkonzern wegen Sinnlosigkeit hinzuschmeißen und mir was Anderes zu überlegen. Ohne einen richtigen Plan.

    Einen Unterschied sehe ich doch: Du machst die Klassentür zu und die Bande gehört Dir!

    Abschließend noch eine kurze persönliche Geschichte die Mut macht: Mache seit letztem Jahr als Teilzeit-Mentor bei https://jugendhackt.org mit. Ich habe erst bei dem Events bemerkt, dass das ganze als Wettbewerb ausgerichtet ist. Wie geht das mit dem Motto „Mit Code die Welt verbessern“ zusammen? Gar nicht, fand ich! Da musste ich mir von 14-Jährigen erklären lassen, wie die Welt funktioniert. Tja, woher haben die das wohl. Dagegen zu halten ist echt anstrengend, aber wenigstens bei dem einen oder anderen durchzukommen ist doch schon was! Habe allerdings unter den anderen Mentoren einige wenige, aber dafür umso energische Unterstützer gefunden. Es gab einigen Stress und schlechte Stimmung. Doch am Ende passierte DAS:

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/die-digital-debatte/das-coder-treffen-jugend-hackt-in-berlin-14485546.html?printPagedArticle=true
    "Noch beim letzten Regional-Event hätten sie „Jugend hackt“ als Wettbewerb organisiert, erzählt die Projektleiterin Maria Reimer von der Open Knowledge Foundation. Aber das hätte die Jugendlichen nur zusätzlich unter Druck gesetzt. Und als eine Arbeitsgruppe ihren Code nicht mit einer anderen hatte teilen wollen, weil sie doch selbst gewinnen wollte, sei klar gewesen, dass es ohne Konkurrenzdruck besser geht. Jetzt gibt es Badges, kleine Auszeichnungen für besondere Expertise oder außerordentlichen Einsatz, aber auch für Umsicht oder Vermittlungsfähigkeiten."

    Finde die Badges auch albern, kann damit aber viel besser leben ;)

    Bin gespannt, was Du probieren wirst...

    Herzliche Grüße,
    Jörg

  • #64

    Sebastian W. (Dienstag, 16 Mai 2017 01:54)

    Liebe Frau Sarand, ich danke Ihnen von Herzen für diesen Text und die vom Ihnen eindringlich geschilderten Erlebnisse und Gedanken. Sie beschreiben wunderbar genau das verzweifelte Gefühl, welches in mir aufkeimt, wenn ich an meine eigene Gymnasialzeit (ca 1988-1996) zurückdenke oder welches durch aktuelle Einblicke in den heutigen Schulalltag entsteht. Als erst selbst involvierter junger Mensch und heute als Außenstehender vermochte ich bislang nie die nötigen "handfesten" Belege für mein negatives Schulbild vorzubringen. Nun werde ich mit Freuden auf Ihren Text verweisen und alles ist gesagt. Danke!

  • #63

    mads_ (Dienstag, 16 Mai 2017 01:35)

    Ehrlich gesagt: Dieser Text irritiert. Nicht, weil Sie wie viele andere Unzulänglichkeiten und Fehlentwicklungen im Bildungssystem erkennen oder vermuten. Sondern weil Sie das Schulsystem für Ihre Motivationslosigkeit verantwortlich machen, was keineswegs zwingend ist: Natürlich kann man Leistungsdruck und Leistungsgesellschaft, Notenfixierung und NCs kritisieren. Nur sind das eben Fakten, die es politisch zu ändern gilt, die aber jedem Lehramtsstudenten schon lange vor Referendariatsbeginn deutlich werden müssten. In Ihrem Studium mussten Sie bereits häufig hospitieren, die eigene Schulzeit dürfte zumindest noch in Erinnerung sein. Die beschriebenen Situationen hätten einen engagierten Lehrer möglicherweise ermutigen können, den Schülern ein Stück weit eine alternative Weltsicht zu eröffnen, statt das System pauschal als unzumutbar hinzustellen. Und selbst wenn man zu letzterem Schluss käme, blieben für ausgebildete Lehrer zahlreiche Möglichkeiten, an alternativ ausgerichteten Schulen beispielsweise im reformpädagogischen Bereich Fuß zu fassen und die eigenen Vorstellungen ein Stück weit besser zu leben. Natürlich kann man aber auch da Kritikpunkte finden, denn auch hier gibt es Vorgaben und Vergleichsprüfungen. Wer aber als ausgebildeter Pädagoge von der Uni kommt und davon ausgeht, ein staatliches Schulsystem vorfinden zu müssen, das vorgabenlos der eigenen, stark unrealistischen Weltsicht gehorcht, hat - man entschuldige die Wortwahl - den Schuss nicht gehört. Vielleicht wäre es ja sinnvoll gewesen, zumindest zu versuchen, den Sinn der von pädagogischen Fachkräften entwickelten Curriculae und Zielvorgaben sowohl für die Schüler als auch für die Referendare zu begreifen. Dann käme man vielleicht auf die Idee, die Hospitationsstunden nicht für Malereien und derartiges zu verschwenden, sondern den Blick auf den Unterricht zu schärfen, um es selbst "besser" zu machen.

    Ich habe mein Referendariat auch abgebrochen. Ich habe damals nach wenigen Monaten festgestellt, dass ich kein geeigneter Lehrer geworden wäre, weil die ständige Anspannung, der Druck im Berufsleben, der dauerhaft anstrengende Umgang mit zahllosen jungen Menschen mir nicht den Freiraum gelassen haben, den ich für mein Leben zu brauchen glaubte. Und mich haben auch inhaltliche Aspekte abgeschreckt. Aber bis heute bin ich überzeugt, dass die Reflexion meiner persönlichen Unzulänglichkeiten meine Situation viel eher erklären konnte als die zweifellos vorhandenen Unzulänglichkeiten im System. Ich wünsche Ihnen, dass auch Sie irgendwann so weit sind.

  • #62

    Augo Knoke (Dienstag, 16 Mai 2017 00:48)

    Liebe Frau Sarand,

    Ihr Blog-Eintrag hat mich ausgesprochen traurig gestimmt, denn ich habe mich vor vierzig Jahren ein wenig eingehender mit (Hochschul-)Didaktik, Tests, Prüf(un)wesen an UNis und in der Schule beschäftigt. Offenbar hat sich im Kern wenig verändert.
    Meine eigene Schulzeit habe ich überwiegend in guter Erinnerung, sicherlich, weil aus besonderen Lebensumständen privilegiert im Internat, wo die akademischen Lorbeeren sogar fast ein wenig unterbewertet wurden.
    Als Uni-Assistent hatte ich eine Reihe von Diplomarbeiten in der Psychologie zu begleiten und zu bewerten, und war einigermaßen erschüttert, wie die Auslese per Numerus Clausus viele analphabetische Nachplapperer produzierte ─ wir hatten auf der anderen Seite einen hohen Anteil von Leuten, die über den zweiten Bildunsgweg ins Studium gekommen waren, die sich sehr viel ehrlicher und engagierter mit ihren Themen auseinandersetzten. Unvergessen sind zwei Episoden: Als ich bei einem Satz in einer Arbeit nachfragte, was der genau bedeuten sollte und der Diplomand eine verständliche Antwort gab, sagte ich ihm: "Das hast Du hier aber nicht geschrieben." Antwort: "Sei doch nicht so anal!" Zum zweiten war ich bekannt für meine harsche Kritik an Tests als individuellem Diagnoseinstrument. Wenn die Prüflinge mir meine eigenen Kritikpunkte vorkauten, übernahm ich die Rolle des Advocatus Diaboli, worauf hin einige ins Stottern gerieten und sich beschwerten, ich widerspräche mir ja nun selbst.
    Im Grunde war im Studium an unser Uni das Vordiplom die große Hürde, wer das schaffte, hatte das Diplom weitgehend in der Tasche. Dennoch brachen mehr als die Hälfte das Studium nach dem Vordiplom ab, und leider haben viele abgebrochen, die wahrscheinlich bessere Psychologen geworden wären als die, die sich zum Diplom durchkämpften. Da sehe ich Parallelen zu Ihrer Entscheidung.
    Natürlich hatte das auch ein wenig mit der Frage zu tun, bis zu welchem Punkt die akademische Pychologie, die durchaus ihren Platz hat, unbedingte Voraussetzung für gute praktische Psychologie ist. Für mich persönlich habe ich die Konsequenz gezogen und beiden ade gesagt. Beide haben mir aber im späteren Berufsleben durchaus geholfen.
    Meine Erfahrung mit Reformvorhaben in Deutschland (aber auch anderswo), ist, dass sich meist die Sprache ändert ─ zum Schlechteren. Sie verdammen zu Recht das gestelzte Amtsdeutsch der Bildunsbürokraten, aber die Vergewaltigung der deutschen Sprache bleibt nicht auf Amtsstuben begrenzt, wenn ich auch zugeben muss, dass in der Wirtschaft das Ganze in aufdringlichem Dänglisch daher kommt. Die Bürokratenmentalität ist die selbe; inhaltlich ändert sich nur wenig.
    Ich weiß nicht, ob Ihnen auf dem Weg durch die Bildungsinstitutionen und das Referendariat der Piagetsche Begriff von der "Dezentrierung" über den Weg gelaufen ist. Offenbar haben viele ihren kindlichen Egozentrismus doch nicht überwunden und sind außer Stande, sich vorzustellen, dass ihr Fachchinesich den Austausch mit anderen ausschließt.
    Es steht niemandem zu, Ihren Entschluss zu bekritteln. Ich wünschte mir, Sie hätten eine Gruppe gleich gesinnter gefunden, die sich gegenseitig stützt. Durchsetzen ließe sich aber nur etwas auf politischer Ebene, und da herrscht trotz vielem guten Willen die gleiche Tendenz zum Amtsdeutsch, die der Schimmel dann anschließend auf die "praktische" Ebene herunterbricht. Irgendwo auf dem Weg dahin geht unweigerlich die gute Idee verloren. Schade!
    (Bitte entschuldigen Sie mein etwas holpriges Deutsch, ich lebe seit Jahren im Ausland, spreche und lese nur noch in fremder Sprache.)

  • #61

    gertilo (Dienstag, 16 Mai 2017 00:09)

    Hallo, Frau Sarand,

    ja, dass Schüler selbständig und kritisch denken lernen, das ist eine wichtige Sache. Wie Sie offensichtlich die "eigene" bzw. "nicht eigene" Meinung der Schüler so pauschal mit Ihrem Erfahrungsschatz und vor allem mit hochwissenschaftlichen Methoden hervorkitzelten und beurteilten, ist jedoch eine andere Sache. (Ja, es schwingt Ironie mit.)

    Sie sprechen von braven, fleißigen, notengeilen SchülerInnen. Von meiner Warte aus betrachtet (Lehrerin in einer Brennpunktschule) müsste das der Himmel auf Erden sein - SchülerInnen, die lernen, die still und ruhig sind, die ihre Arbeitsbögen ausfüllen, die zuhören, auf ihren Plätzen sitzen, ihre Hausübungen erledigen, höflich sind, aus Notengeilheit sogar auf Provokationen verzichten und bei Tests und Prüfungen diverse Fragen beantworten können, ja sogar wollen! Das klingt schier unglaublich in meinen Ohren! Hatte schon gedacht, das gäbe es gar nicht mehr.

    Aber auch ich kann Sie beruhigen: Es gibt das Betätigunsfeld für Lehrpersonen, denen es in Schulen mit lern- und wissbegierigen Jugendlichen zu fad ist. Hier werden sehr wohl eigene Gedanken und Meinungen geschmiedet, Regeln gebrochen, eigene aufgestellt. Hier lassen sich die SchülerInnen nichts einreden, schon gar nicht von einer Praktikantin. Was hat die schon zu sagen? In dieser Welt herrscht das Gesetz des Stärkeren, und wenn schon, dann wird im allerbesten Fall der Klassenlehrperson gehorcht, meist jedoch nur der Direktorin ... wenn sie Glück hat - na ja, der Polizei natürlich auch, wenn die denn anrücken muss.

    Hier werden kreative Köpfe gesucht! Wäre das nicht etwas für Sie? Während Ihrer Hospitationen würden Sie keine Minute auf ihren vier Buchstaben sitzen. Dazu hätten Sie keine Gelegenheit, da Sie von einer Ecke in die ander eilten. Hier wäre einen Raufhandel zu schlichten, dort zum x-ten Mal die selbe Frage zu beantworten, die Schultasche auf den Kopf zu stellen, um ein Geodreieck zu suchen. Statt des Geodreiecks könnten Sie ein zerfleddertes, von Würmern und Bananenschleim sich zersetzendes Vokabelheft (ohne Vokabeln), seit Schulbeginn verschollen, und eine stinkende Trainingshose finden. Die Stunde wäre vorüber, ohne dass sie dem nichtssagenden Geplapper der vortragenden Lehrperson zuhören hätten müssen/können. Sie hätten dann zwar Ihren Einkaufszettel noch nicht geschrieben usw., aber möglicherweise wären Sie rechtschaffen müde, hellaufbegeistert von der Aktivität der SchülerInnen und der Möglichkeit, diesen zu helfen. (Immerhin hätte eine(r) sein Geodreieck wieder.)

    Es steht mir nicht zu, Sie zu kritisieren. Ich möchte Ihnen lediglich aufzeigen, wie begrenzt Ihre Sicht der Dinge in diesem Blogeintrag erscheint. Sie haben sich entschieden. Andernfalls würde ich Ihnen eine der vielen Brennpunktschulen im ganzen Land empfehlen. Ich denke, das wäre eine neue, aufregende Welt für Sie. Und wer weiß, vielleicht wären Sie der rettende Engel, der die kleinen Teufel wieder zur Räson bringen würde und das System ins Lot. Viel Glück noch! ;-)

    Liebe Frau Sarand, ihre etwas einseitige Sicht der Dinge, möglicherweise bedingt durch ihre Jugend und Unerfahrenheit, lässt es fast nicht zu, über das System Schule zu referieren. Dass Sie es trotzdem tun, und das mit dem Brustton der Überzeugung, lässt auf einen eingeschränkten Horizont schließen. Gehen Sie hinaus in die Welt und lernen Sie sie kennen.

  • #60

    Franzi (Montag, 15 Mai 2017 23:33)

    Liebe Larissa,

    ich finde es schade, dass du so schnell aufgegeben hast (vielleicht hast du auch noch andere Beweggründe, ich habe deinen Blog nicht gelesen. Aber so verbreitest du ein sehr einseitiges Bild des Lehrerberufes und der Ausbildung auch bei Spiegel Online).
    Natürlich ist unser Schulsystem an unendlich vielen Stellen verbesserungswürdig. Aber Du saßt an einer von ihnen. Du schreibst, du wolltest die Schüler beim Erwachsenwerden begleiten und Ihnen bei Schwierigkeiten helfen. Du hättest zumindest während deines Unterrichts die Mäglichkeit gehabt, den Schülern und auch den anderen Lehrern Alternativen aufzuzeigen und sie zum kritischen Denken anzuregen. Am Ende bleibt an deiner Ausbildungsschule alles beim Alten und alle können zufrieden weiter meckern.